Ransmayer - © Foto: Karl Schöndorfer / picturedesk.com
Literatur

Abgründe und Schuld: Christoph Ransmayrs Roman „Der Fallmeister“

1945 1960 1980 2000 2020

Unglück oder Mord? In seinem neuen Roman „Der Fallmeister“ bietet Christoph Ransmayr eine intensive Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen des Menschseins.

1945 1960 1980 2000 2020

Unglück oder Mord? In seinem neuen Roman „Der Fallmeister“ bietet Christoph Ransmayr eine intensive Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen des Menschseins.

„Mein Vater hat fünf Menschen getötet. Wie die meisten Mörder, die bloß Tastaturen, Hebel oder Kippschalter bedienen, wenn sie über einen maßlosen Augenblick die Herrschaft über Leben oder Tod an sich reißen, berührte er kein einziges seiner Opfer oder sah ihm auch nur in die Augen.“ Welch ungeheuerlicher erster Satz! Bekanntlich legt der österreichische Autor Christoph Ransmayr gerade auf den Beginn eines Werkes immensen Wert. Schon oft hat er erwähnt, dass der Anfang eine entscheidende Botschaft in sich trägt. In seinem neuen Roman „Der Fallmeister“ mit dem schauderhaften Untertitel „Eine kurze Geschichte vom Töten“ berührt er damit ganz lapidar den thematischen Angelpunkt. Die Auseinandersetzung mit der Schuld und ihrer Perpetuierung schwebt über allem; im Laufe des Romans erfährt sie im Motiv der Kollektivschuld eine Spiegelung.

Seinen letzten Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ hat Ransmayr 2016 herausgebracht. Dazwischen ist 2019 der schmale Band „Arznei gegen die Sterblichkeit“ erschienen, der „Drei Geschichten zum Dank“ enthält. Ransmayr, der Reisende, der sich früher oft selbst als „ Halbnomade“ bezeichnet hat, der genaue Beobachter und Zuhörer, nimmt sich für seine Werke viel Zeit. Er geht nicht nur seinen Themen äußerst gründlich nach, sondern feilt auch an den Sätzen und wählt die Worte mit Bedacht sorgfältig aus. Als er vor kurzem einmal zu seiner Arbeitsweise befragt worden ist, antwortet er mit einem Bild. Der überwiegende Teil seines Materials stelle „eine Art Ozean“ dar, „der auf einem winzigen Floß jene Sätze“ trage, „die sich bis in die Endfassung einer Geschichte retten können“.

Psychologische Spurensuche

Den Ausgangspunkt der neuen Romanhandlung siedelt Ransmayr in der Grafschaft Bandon am Weißen Fluss in einem in viele Kleinstaaten zerfallenen Europa an. Dort verrichtet ein Schleusenwärter – immer mehr der alten Zeit der Macht nachtrauernd – seit dreißig Jahren seinen Dienst und lotst „Flößer und Bootsleute“ durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem vorbei am gefürchteten Großen Fall. Just am Gedenktag des Hl. Nepomuk, der nicht nur als „Schutzpatron der Flößer, Brückenbauer und Schleusenwärter“, sondern vor allem auch als „Hüter der Verschwiegenheit“ verehrt wird, finden am großen Wasserfall fünf Menschen den Tod.