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Zum 90er von Thomas Bernhard

DISKURS
Bernhard - © Foto: Monozigote

"Thomas Bernhard furchte"

1945 1960 1980 2000 2020

Von der ersten großen Gedichtveröffentlichung in einer Zeitung bis zur gerichtlichen Auseinandersetzung: Thomas Bernhards intensive Geschichte mit der FURCHE.

1945 1960 1980 2000 2020

Von der ersten großen Gedichtveröffentlichung in einer Zeitung bis zur gerichtlichen Auseinandersetzung: Thomas Bernhards intensive Geschichte mit der FURCHE.

So unbekannt war der 23-jährige Thomas Bernhard, dass in der redaktionellen Notiz zur ersten großen Gedichtveröffentlichung in einer Zeitung sein Name verschrieben wurde. Schlimmer noch: In einem Sonett fehlte die zweite Strophe. Die fügte Hedwig Stavianicek, Bernhards "Lebensmensch", handschriftlich auf einer Kopie ein, die im Thomas-Bernhard-Archiv, Gmunden, aufbewahrt wird. Wieland Schmied, der Freund, hat die Veröffentlichung von vier Beispielen aus den "Salzburger Sonetten" lanciert. Wie viele Gedichte dieser zwischen 1952 und 1954 entstandene Zyklus umfasste, lässt sich nicht rekonstruieren: Im Druck erschienen sind nur vier weitere an anderen, eher entlegenen Orten.

Erst 1957 kam es, im Salzburger Otto Müller Verlag, zur Publikation eines Gedichtbandes, der ersten Buchveröffentlichung von Thomas Bernhard überhaupt: Auf der Erde und in der Hölle. Bereits wenige Monate später lagen die Psalmen In hora mortis sowie die Sammlung Unter dem Eisen des Mondes vor - ohne dass sie bei Kritikern und Lesern auf Resonanz gestoßen wären. Nachdem Ende 1960 und 1961 der Otto Müller Verlag und S. Fischer zwei Gedichtmanuskripte ablehnten, stellte Bernhard kurz darauf die lyrische Produktion ganz ein - um 1963 mit Frost als Prosaautor zu reüssieren.
(Raimund Fellinger)

Der Autor betreut das Werk Thomas Bernhards im Suhrkamp Verlag und gibt im Rahmen der Gesammelten Werke den Band "Gedichte" heraus, der 2006 erscheinen wird.


An einem Sonntag im Mai 1954 machte Thomas Bernhard einen Besuch bei Wieland Schmied, der damals in der Bernhard-Gasse in Mödling wohnte und brachte dabei auch einige seiner Gedichte mit. Schmied, 1952-60 als Kunstkritiker für die Furche tätig, sorgte für die Veröffentlichung der nebenstehenden vier Gedichte und verschaffte Bernhard auch die Möglichkeit, von Juli 1955 bis Anfang 1956 sechs Kunstkritiken (u. a. über Oskar Kokoschka) im Blatt zu publizieren.

Am 3. Dezember 1955 erschien in der Furche Bernhards Artikel "Salzburg wartet auf ein Theaterstück", in dem er mit dem Salzburger Landestheater erstmals öffentlich eine Institution angriff. Der damalige Intendant Peter Stanchina klagte wegen Ehrenbeleidigung - das war der erste der Prozesse, die Bernhards Schreiben auslöste. Der energische Widerspruch im Salzburger Volksblatt trug den Titel "Thomas Bernhard furchte" und begann mit der Frage: "Was mag nur in den guten Jungen gefahren sein?" Für die Zeitung war Bernhard, der noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hatte, "unser heimischer Nachwuchsdichter". Bernhards geharnischte, aber fundierte Kritik kam damals völlig unerwartet; so kannte man ihn (noch) nicht.

1969 veröffentlichte Thomas Bernhard in einem Sonderheft der Zeitschrift Theater heute den Essay "In Österreich hat sich nichts geändert"; darin erinnerte er sich an seine früheren Artikel und schrieb über die Furche, sie unternehme "eine Quadratur des perversen katholisch-nazistischen Stumpfsinns". Daraufhin verklagte der damalige Furche-Chefredakteur Willy Lorenz Thomas Bernhard; das Gerichtsverfahren endete mit einem Vergleich. Band 22 der Gesammelten Werke ("Der öffentliche Bernhard") wird Bernhards Text und diese Auseinandersetzung dokumentieren.

2004 beschrieb die Furche in einem Essay zum 15. Todestag Thomas Bernhards als erste Zeitung, die Eingriffe und Veränderungen, die Thomas Bernhards frühe Gedichtbände "Auf der Erde und in der Hölle" und "In hora mortis" vom Typoskript bis zum fertigen Buch durchgemacht haben. So entstand der Kontakt zum Herausgeber der Gedichte in den Gesammelten Werken, wo diese Textvarianten auch dokumentiert sein werden.
(Cornelius Hell)

So unbekannt war der 23-jährige Thomas Bernhard, dass in der redaktionellen Notiz zur ersten großen Gedichtveröffentlichung in einer Zeitung sein Name verschrieben wurde. Schlimmer noch: In einem Sonett fehlte die zweite Strophe. Die fügte Hedwig Stavianicek, Bernhards "Lebensmensch", handschriftlich auf einer Kopie ein, die im Thomas-Bernhard-Archiv, Gmunden, aufbewahrt wird. Wieland Schmied, der Freund, hat die Veröffentlichung von vier Beispielen aus den "Salzburger Sonetten" lanciert. Wie viele Gedichte dieser zwischen 1952 und 1954 entstandene Zyklus umfasste, lässt sich nicht rekonstruieren: Im Druck erschienen sind nur vier weitere an anderen, eher entlegenen Orten.

Erst 1957 kam es, im Salzburger Otto Müller Verlag, zur Publikation eines Gedichtbandes, der ersten Buchveröffentlichung von Thomas Bernhard überhaupt: Auf der Erde und in der Hölle. Bereits wenige Monate später lagen die Psalmen In hora mortis sowie die Sammlung Unter dem Eisen des Mondes vor - ohne dass sie bei Kritikern und Lesern auf Resonanz gestoßen wären. Nachdem Ende 1960 und 1961 der Otto Müller Verlag und S. Fischer zwei Gedichtmanuskripte ablehnten, stellte Bernhard kurz darauf die lyrische Produktion ganz ein - um 1963 mit Frost als Prosaautor zu reüssieren.
(Raimund Fellinger)

Der Autor betreut das Werk Thomas Bernhards im Suhrkamp Verlag und gibt im Rahmen der Gesammelten Werke den Band "Gedichte" heraus, der 2006 erscheinen wird.


An einem Sonntag im Mai 1954 machte Thomas Bernhard einen Besuch bei Wieland Schmied, der damals in der Bernhard-Gasse in Mödling wohnte und brachte dabei auch einige seiner Gedichte mit. Schmied, 1952-60 als Kunstkritiker für die Furche tätig, sorgte für die Veröffentlichung der nebenstehenden vier Gedichte und verschaffte Bernhard auch die Möglichkeit, von Juli 1955 bis Anfang 1956 sechs Kunstkritiken (u. a. über Oskar Kokoschka) im Blatt zu publizieren.

Am 3. Dezember 1955 erschien in der Furche Bernhards Artikel "Salzburg wartet auf ein Theaterstück", in dem er mit dem Salzburger Landestheater erstmals öffentlich eine Institution angriff. Der damalige Intendant Peter Stanchina klagte wegen Ehrenbeleidigung - das war der erste der Prozesse, die Bernhards Schreiben auslöste. Der energische Widerspruch im Salzburger Volksblatt trug den Titel "Thomas Bernhard furchte" und begann mit der Frage: "Was mag nur in den guten Jungen gefahren sein?" Für die Zeitung war Bernhard, der noch keine Buchveröffentlichung vorzuweisen hatte, "unser heimischer Nachwuchsdichter". Bernhards geharnischte, aber fundierte Kritik kam damals völlig unerwartet; so kannte man ihn (noch) nicht.

1969 veröffentlichte Thomas Bernhard in einem Sonderheft der Zeitschrift Theater heute den Essay "In Österreich hat sich nichts geändert"; darin erinnerte er sich an seine früheren Artikel und schrieb über die Furche, sie unternehme "eine Quadratur des perversen katholisch-nazistischen Stumpfsinns". Daraufhin verklagte der damalige Furche-Chefredakteur Willy Lorenz Thomas Bernhard; das Gerichtsverfahren endete mit einem Vergleich. Band 22 der Gesammelten Werke ("Der öffentliche Bernhard") wird Bernhards Text und diese Auseinandersetzung dokumentieren.

2004 beschrieb die Furche in einem Essay zum 15. Todestag Thomas Bernhards als erste Zeitung, die Eingriffe und Veränderungen, die Thomas Bernhards frühe Gedichtbände "Auf der Erde und in der Hölle" und "In hora mortis" vom Typoskript bis zum fertigen Buch durchgemacht haben. So entstand der Kontakt zum Herausgeber der Gedichte in den Gesammelten Werken, wo diese Textvarianten auch dokumentiert sein werden.
(Cornelius Hell)

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