Zwei Anlässe locken nach Schwaz

1945 1960 1980 2000 2020

Das "Haus der Völker" präsentiert eine sehenswerte Schau von Kulturschätzen aus Tibet.

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Das "Haus der Völker" präsentiert eine sehenswerte Schau von Kulturschätzen aus Tibet.

Nach Tibet zu reisen ist langwierig und anstrengend und meist Sache abenteuerlustiger Tramper oder ehrgeiziger Extremalpinisten. Aber derzeit liegt "Bod", wie es die Einheimischen nennen, sehr nahe. Nämlich in Schwaz, Tirol. Hier haben sich im "Haus der Völker" seltene Objekte der Tibetsammlung des Münchner Volkskundemuseums und der Sammlungen von Heinrich Harrer und Peter Mauch eingenistet. Ein Schritt nur - und man ist in Tibet!

Im Zentrum der reichbestückten Sonderausstellung winkt vorerst einmal der zornige Regengott Vajrapani, auch Hüter der tantrischen Geheimlehre, von einem kunstreichen Pracht-Tangka (Rollbild) herunter. Die Motive der Tangkas, gemalt, gestickt oder auch appliziert, dienen der Meditation, vermitteln aber auch den zahlreichen Analphabeten Tibets auf verbildlichte Art die Weisheiten der buddhistischen Lehre.

Die tiefreligiösen "Bod-pa" (Tibeter) suchen ihr Heil im lamaistischen Götter-Pantheon, dessen wichtigste Gestalten in Bronze - vergoldet - aus einer Vitrine leuchten und neben dem Buddhismus Elemente der alten animistischen Bon-Religion, wie auch andere religiöse Einflüsse in sich vereinen. Der meterlange Radong, ähnlich unserem Alphorn, ruft volltönend zum Gebet am farbig gefaßten Holzaltar, in dessen Schreinen verschiedene Gottheiten vor sich hinschmunzeln: Ein Medizinbuddha, ein Religions-Schützer (mit fünf Köpfen, acht Armen, drei Beinen) und sogar der historische Buddha Gautama (563-483 vor Christus) scheinen durchaus geneigt, uns ihr langgezogenes Ohr zu leihen. Wir aber würden gern ein bißchen mehr über Land und Leute erfahren: Die Bevölkerung Tibets läßt sich im großen und ganzen in Hirtennomaden und seßhafte Bauern gliedern.

Keine Klarheit besteht über die Einwohnerzahl; sie schwankt wegen mangelnder Volkszählung zwischen 2,5 und 6 Millionen. Ab dem 14. Jahrhundert waren die Dalai-Lamas die geistlichen und weltlichen Machthaber im Land. Seit 1950 ist Tibet autonome Republik unter Führung der Volksrepublik China. Viele Klöster und Kunstschätze sind während der chinesischen Kulturrevolution zerstört worden.

Umsomehr erfreut es das Besucherherz, neben glanzvollen Teppichen, Rollbildern, schimmernden Skulpturen auch bestechend liebevolle Kleinodien zu entdecken: Gebetsmühlen mit heiligen Texten im Gebetszylinder, Medizinbeutel aus Leopardenfell, Gefäße zur Herstellung von Buttertee, dem Nationalgetränk Tibets, Gebetszettel, die man nach langen Märschen auf den Pässen als Dank und Bitte zugleich in die Höhe warf, Manisteine mit der gebräuchlichsten Gebetsformel des lamaistischen Kulturraumes: "Om mani padme hum" - "Das aus dem Lotos geborene Juwel" - all das berührt seltsam tief.

Tantrische Trommeln und Flöten sind verstummt - wir gehen hinaus aus einem Land, dessen fremdartigem Zauber man sich kaum entziehen kann. H. R.

Bis 1. August Haus der Völker, 6130 Schwaz, Tel. 05242/66090, Fax 05242/ 66091

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