hn & dalai lama - © APA / Jäger  -  FURCHE-Herausgeber Heinz Nußbaumer und der Dalai Lama

Dalai Lama, 75: Geburtstag eines Gottes

1945 1960 1980 2000 2020

Der 14. Dalai Lama, Tibets religiös-politisches Oberhaupt und die weltweit am meisten bewunderte Persönlichkeit, feiert diese Woche im Exil den 75. Geburtstag. Seine demonstrative Gewaltfreiheit hat ihm den Friedensnobelpreis gebracht, aber keine Heimkehr – und keine Freiheit für seine geschundene Heimat.

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Der 14. Dalai Lama, Tibets religiös-politisches Oberhaupt und die weltweit am meisten bewunderte Persönlichkeit, feiert diese Woche im Exil den 75. Geburtstag. Seine demonstrative Gewaltfreiheit hat ihm den Friedensnobelpreis gebracht, aber keine Heimkehr – und keine Freiheit für seine geschundene Heimat.

„Jetzt also werden wir beide alt“, sagte er bei unserem bisher letzten Wiedersehen lachend, faltete die Hände – und legte seinen kahl geschorenen Kopf an meine Stirn. Mehr als 30 Jahre waren seit unserer ersten Begegnung vergangen. Für ihn 30 beispiellose Jahre – weltweit geliebt und doch politisch im Stich gelassen. Drei Jahrzehnte, in denen sich sein Äußeres kaum verändert hat: Da ist die bordeauxrot-gelbe Mönchskutte. Da sind die schlichten Sandalen, die unbekleideten Arme. Vor allem aber die wachen, ruhigen Augen in einem Gesicht, das immer wieder von einem fröhlichen Bubenlachen verzaubert wird.

Mit 75 Jahren steht Seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, jetzt vor einer Lebensbilanz von großer Widersprüchlichkeit:

Er ist der „spirituelle Superstar“ und Friedensnobelpreisträger, dessen Geburtstag weltweit gefeiert wird. Nach Umfragen die am meisten bewunderte lebende Persönlichkeit, auch in Österreich. Eine moralische Ausnahmefigur wie Mutter Teresa oder Nelson Mandela, die Sportstadien und Buchregale füllt.

Und er ist das als „Gottkönig“ verehrte religiös-politische Oberhaupt der Tibeter, das für Buddhisten kein „Gott“ nach unserem Verständnis ist – und für sein Volk seit über 50 Jahren auch kein „König“ sein darf. Dessen übermenschlicher, gewaltfreier Einsatz für seine geschundene Heimat kein Stück mehr an Autonomie und an Freiheit erbracht hat; der ohnmächtig miterleben musste, wie seit seiner Flucht 1959 mehr als 1,2 Millionen Tibeter an Folter, Hinrichtung und Hunger starben; wie Hunderttausende verhaftet und verschleppt wurden; wie die Hälfte des alten Tibets mit einem Federstrich anderen chinesischen Provinzen zugeschlagen wurde; wie mehr als 6000 Klöster geplündert und zerstört wurden.

Dalai Lama-Bilder, am Körper versteckt

Es gibt keinen Tag, der ihm Hiobsbotschaften aus der Heimat erspart: über Verfolgung, Umerziehung und chinesischer Masseneinwanderung, über Zwangs-Sterilisierungen und -Abtreibungen ...

Unvergesslich bleiben mir jene Tage, in denen eine Handvoll Österreicher – als erste westliche Besucher nach Chinas „Kulturrevolution“ – im Sommer 1979 in Lhasa unterwegs waren. Wie uns Tibeter weinend die versteckten Dalai-Lama-Bilder am Körper zeigten. Wie Bauern in Prozessionen durch ein „Museum“ geschleust wurden, in denen ihr Herrscher als Bösewicht und „menschenfressendes Ungeheuer“ präsentiert wurde. Nirgendwo sonst habe ich eine so verzehrende Liebe eines Volkes für seinen geistigen Führer erlebt.

Aber auch dort sind 50 Jahre nicht spurlos vorübergegangen. Das Tibet von einst – weltvergessen und vielfach zum letzten Fluchtort des Okkulten und Mysteriösen, zum sagenumwobenen „Shangrila“ und „Shambala“ verfremdet – ist längst versunken. Zurück blieb unter Pekings Herrschaft ein Land, das zwischen Entfremdung, Kulturverlust, Massentourismus und Chinas Neokapitalismus seine eigene Identität zu verlieren scheint. Und ein Volk, in dem viele nicht mehr verstehen, wieso ihr geliebtes, fernes Oberhaupt noch immer auf Gewaltfreiheit beharrt, wo doch nur offener Widerstand eine letzte Chance bieten könnte – und sei es auch nur durch die so erzwungene Aufmerksamkeit des Westens.

Unverrückbar wiederholt der Dalai Lama sein Credo: „Friede kann nur durch Friede in den Herzen erreicht werden.“ Ein Grundsatz, der außerhalb des Denkens der chinesischen Führung liegt – und den mehr und mehr frustrierte Tibeter nicht teilen wollen.

Enttäuschend ist seine Bilanz zum 75er aber wohl auch dort, wo seine größte Fangemeinde zu Hause ist – im Westen.

Zwiespältige Rolle des Westens

Dort erleben der Dalai Lama und seine Getreuen seit Jahrzehnten das stets gleiche Wechselspiel zwischen schwärmerischer Bewunderung und dem Kotau vor dem exponierenden Wirtschaftsgiganten China. Im Westen, wo das Schicksal Tibets zum Spielball von Populismus und politischen Interessen wurde – auch in Österreich. Wo sich Spitzenpolitiker je nach Großwetterlage mediengerecht an seiner Seite inszenieren – oder ihn scheuen und ausladen. Wo selbst dramatische Menschenrechts-Berichte (Tibet gilt – neben Tschetschenien – als das Land mit dem „niedrigsten Standard an Freiheit weltweit“) auf verschlossene Ohren stoßen – und die Vertreter Tibets auf verschlossene Türen. Und wo heillose Peinlichkeit herrscht, wenn einzelne Mutige – zuletzt die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – dem Friedensnobelpreisträger dennoch die Ehre geben. Mehrmals habe ich miterlebt, mit welch buddhistischer Gelassenheit er inzwischen auf derlei Machtspiele reagiert.

Und längst weiß er, wie sehr er selbst – und seine für uns so fremdartige Kultur – zur Projektionsfläche für unerfüllte spirituelle Sehnsüchte unserer westlichen Welt geworden ist. Zu einem Hochglanzprodukt auf dem Supermarkt der Esoterik, das man – mangels Wissens – nicht ständig zu hinterfragen braucht. Ein moderner Heiliger, der – ungewollt – viele Wünsche nach Mystik erfüllt. Und der seinen westlichen Anhängern immer wieder empfiehlt, sich doch zunächst im Reichtum ihrer eigenen Religionen umzuschauen.

Aus der Nähe betrachtet fällt auf, wie sehr sich der Dalai Lama bemüht, diese mystischen Erwartungen zu brechen – mit seiner unverwechselbaren Mischung aus rationaler Klarheit, intellektueller Brillanz und persönlicher Schlichtheit. Und wie unstillbar seine Neugier und seine Offenheit für die „Welt von heute“ ist.

Die Religion wird weiterleben

Eine Offenheit, die seiner Herkunft und seiner Erziehung total zu widersprechen scheint: Der Bauernbub Tenzing Gyatso aus dem tibetischen Nirgendwo, den man 1937 – durch Visionen, Wolkenstimmungen und jahrhundertealte „Findungs-Rituale“ – als Wiedergeburt des 13. Dalai Lama erkannt und im Kleinkindalter nach Lhasa gebracht hatte. Der seine Kindheit, hoch geehrt und doch eingesperrt, im düsteren Labyrinth des Potala verbringen musste – Tibets Gralsburg, halb Palast, halb Kloster. Der zwischen Altären, vergoldeten Gräbern und dem zeitlosen Singsang seiner monastischen Lehrer erzogen wurde. Dem erst sein Freund Heinrich Harrer den Blick in die Weite öffnete. Der bald die Rückständigkeit des tibetischen Systems durchschaute – und der ab 1951 erleben musste, wie seinem Volk die überfälligen Reformen von außen, von Chinas Soldateska, aufgezwungen wurden.

Was dann geschah ist bekannt: Seine Flucht über den Himalaja nach Indien – mit ihm mehr als 80.000 Tibeter; sein Leben im Exil; sein Kampf um Heimkehr und um mehr Freiheit für sein Land; seine zahllosen vergeblichen Dialogangebote. Seine weltweite Ausstrahlung – und seine politische Machtlosigkeit.

Nie ist mir eine andere Persönlichkeit von Weltgeltung begegnet, die sich selbst und ihre Rolle vor der Geschichte so sehr infrage gestellt hat wie er. „Das Drama Tibets heißt nicht: Was geschieht mit den Dalai Lamas“, hat er mir einmal gesagt. „Ich bin ein Nichts. Vielleicht bin ich der letzte Dalai Lama. Aber sicher bin ich nicht der letzte tibetische Gläubige. Unsere Religion kann auch ohne Klöster, ohne Mönche und ohne Dalai Lamas weiterleben – tief in den Herzen der Menschen und ganz ohne Zugriff von außen.“

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