"Autonomie, nicht Los-von-China!"

Kelsang Gyaltsen, der Sonderbotschafter des Dalai Lama, zum "mittleren Weg" seiner Heiligkeit, über frustrierte Tibeter und chinesische Tibet-Fans.

Die Furche: Herr Sondergesandter, in österreichischen Kinos läuft derzeit der Film "Angry Monk", der von einem tibetischen Mönch handelt, der seine Profession wütend an den Nagel hängt - kennen Sie den Film?

Kelsang Gyaltsen: Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber schon viel Positives darüber gelesen und auch meine Freunde sind von diesem Film sehr begeistert.

Die Furche: Ich frage nur, weil ich von Ihnen wissen möchte, ob auch "Angry Tibetians", also wütende Tibeter vorstellbar sind - ob der bislang friedvolle Freiheitskampf der Tibeter auch einmal gewaltsam werden kann?

Gyaltsen: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Und wenn Sie die Geschichte Tibets anschauen, dann sehen Sie, dass es 1949/50, als die chinesische Armee in Tibet einmarschiert ist - in großen Teilen Tibets bewaffneten Widerstand gegen diese Invasion gegeben hat. Nachdem diese Widerstandsbewegung aus Tibet verdrängt wurde, hat sie jenseits der Grenze im Norden von Nepal eine Guerillabasis gegründet. Von diesem Lager aus haben Freiheitskämpfer bis in die 1970er Jahre gegen die Chinesen gekämpft.

Die Furche: Warum wurde dieser Kampf beendet, haben die Chinesen die Guerillabewegung besiegt?

Gyaltsen: Nein, aber seit Anfang der 1970er Jahre ist seine Heiligkeit der Dalai Lama für alle Tibeter wirklich zur zentralen Führungsfigur geworden. Und der Dalai Lama hat an alle Tibeter appelliert, den bewaffneten Widerstand aufzugeben und mit friedlichen Mitteln für die Freiheit Tibets zu kämpfen. Seither führt die Tibet-Bewegung einen strikt gewaltlosen Freiheitskampf.

Die Furche: Und diese friedvolle Linie wird von allen Tibeteren unterstützt?

Gyaltsen: Viele Tibeter sind sehr enttäuscht und frustriert über die gewaltlose Politik des Dalai Lama. Sie vertreten die Ansicht: Wir haben mit dieser Politik in den letzten 40 Jahren nichts erreicht, wir sind keinen Schritt weitergekommen. Diese Kritik gibt es vor allem unter den jüngeren Tibetern - in Tibet und im Exil.

Die Furche: Und wenn man die erfolglosen tibetischen Verhandlungen mit China anschaut, haben diese Kritiker ja nicht Unrecht.

Gyaltsen: Dieser Meinung bin ich absolut nicht: Ein bewaffneter Widerstand der Tibeter hätte dem tibetischen Anliegen viel, viel mehr geschadet als genützt. Mit einem bewaffneten Widerstand wären wir von einer Lösung des Problems noch weiter entfernt als wir es heute sind. Die gewaltfreie Politik seiner Heiligkeit des Dalai Lama hat viel dazu beigetragen, dass wir überall in der Welt Sympathie und Anteilnahme finden.

Die Furche: In der Welt schon, aber nicht in China - und das wäre doch entscheidend.

Gyaltsen: Unsere gewaltfreie Politik bewirkt, dass selbst unter den Chinesen viele die Politik des Dalai Lama unterstützen. Und längerfristig können wir das Tibet-Problem nur lösen, wenn wir bei der chinesischen Bevölkerung auf Verständnis und Unterstützung stoßen. Daher wird längerfristig die Politik seiner Heiligkeit des Dalai Lama richtig und erfolgreich sein.

Die Furche: Warum hängt China eigentlich so sehr an Tibet, dass es dafür sogar bereit ist, sich ständig internationaler Kritik auszusetzen? Geht es um Rohstoffe, um Lebensraum, um eine Machtdemonstration ...

Gyaltsen: Wir haben in China Machthaber, die fürchten, dass jegliche Konzession, zu einer Unterminierung ihrer Herrschaft führen könnte. Die chinesische Regierung hält ihr eigenes Volk an einer sehr kurzen Leine. Wenn China freier, offener und demokratischer wird, dann wird die Angst der Chinesen verschwinden, auch in Bezug auf Tibet einer vernünftigen Lösung zuzustimmen.

Die Furche: Vernünftige Lösung heißt für Sie ja nicht die völlige Loslösung Tibets von China, sondern ein Autonomiemodell ähnlich dem von Südtirol.

Gyaltsen: Wir haben das Autonomiemodell in Südtirol studiert; mit der Regierung in Südtirol haben wir sehr enge Beziehungen und wir haben von ihren Erfahrungen gelernt, wie eine echte Autonomie für das tibetische Volk aussehen muss. Aber wir sind uns auch bewusst, dass sich die Situation in Tibet sehr stark von Südtirol unterscheidet - vor allem: China ist nicht Italien.

Die Furche: Aber so wie Südtirol ein Teil Italiens ist, soll Tibet ein Teil Chinas bleiben?

Gyaltsen: Die Position seiner Heiligkeit des Dalai Lama ist keine Unabhängigkeit für Tibet, sondern eine echte Autonomie für das tibetische Volk im Rahmen der Volksrepublik China. Wir wollen keine Trennung, wir wollen im Rahmen der Volksrepublik bleiben und in diesem Staatsverband echte Autonomie erlangen. Und in diesem großen Verband von 1,3 Milliarden Menschen sollten doch die rund sechs Millionen Tibeter so zusammen leben können, wie sie es wollen.

Die Furche: Pflegt die tibetische Exilregierung Kontakte zu anderen Minderheiten in China?

Gyaltsen: Wir haben Kontakte zu Angehörigen anderer Minoritäten, aus der Inneren Mongolei, aus Ostturkestan, zu den Uiguren. Aber wir haben bis heute keine gemeinsame politische Linie gegenüber Peking gefunden.

Die Furche: Wie sieht es mit anderen Allianzen in der Region aus - ist die benachbarte Mongolei ein Freund des tibetischen Volkes?

Gyaltsen: Ganz sicher. Enge Beziehungen zwischen Tibet und der Mongolei gibt es seit Jahrhunderten. "Dalai Lama" ist ein mongolischer Titel, und auch der Buddhismus in der Mongolei ist ein tibetischer Buddhismus. Die mongolischen Mönche rezitieren buddhistische Gebete auf tibetischer Sprache. Die Mongolen betrachten den Dalai Lama als ihr religiöses Oberhaupt. Die Mongolen sind unsere Brüder im Glauben ...

Die Furche: ... gilt diese brüderliche Verbundenheit in gleichem Maße auch für die Politik?

Gyaltsen: Die Innere Mongolei ist heute ein Teil der Volksrepublik China. Die Äußere Mongolei ist ein unabhängiger Staat. In der Inneren Mongolei leben noch zwei bis drei Millionen Mongolen und über 20 Millionen Chinesen - ein schreckliches Beispiel dafür, was den Tibetern widerfahren könnte, wenn wir keine vernünftige und realistische Lösung mit den Chinesen finden. Politisch jedoch sind die Möglichkeiten der Äußeren Mongolei sehr begrenzt, denn sie ist sehr von China abhängig.

Die Furche: Stimmt es, Sie als Person dürfen mit China einen politischen Dialog führen, weil Sie nicht offiziell der tibetischen Exilregierung in Indien angehören?

Gyaltsen: Die Situation ist sehr widersprüchlich - die tibetische Exilregierung wird ja weder von China noch von irgendeinem anderen Land dieser Welt anerkannt. Ich werde deswegen in China als Sonderbotschafter seiner Heiligkeit des Dalai Lama empfangen. Aber gleichzeitig weiß die chinesische Regierung natürlich genau, dass ich Mitglied der Exilregierung bin und dort einen Rang bekleide. Auf was es uns aber letztlich ankommt, ist der direkte Kontakt, der direkte Dialog mit der chinesischen Seite.

Die Furche: In dem es aber bislang zu keinen wirklichen Fortschritten gekommen ist?

Gyaltsen: Das müssen Sie aus verschiedenen Blickwinkel betrachten: Wenn Sie die Politik der chinesischen Regierung ansehen, dann ist es in der Tat so, dass es keine Fortschritte gibt - außer dass wir nach vielen Jahren wieder direkten Kontakt haben. Doch an der Situation in Tibet, was die Unterdrückung betrifft, was die Menschenrechte betrifft, hat sich nichts Positives verändert. Im Gegenteil, in den letzten Monaten hat sich die Situation eher weiter verschlimmert.

Die Furche: Was wäre dann der andere, positivere Blickwinkel?

Gyaltsen: Das ist der Blick auf die chinesische Gesellschaft: Hier sehen wir entscheidende positive Entwicklungen. Noch vor 20 Jahren dachten Chinesen, Tibet sei rückständig, abergläubisch, primitiv ... Das hat sich total verändert: Tibet ist in China in Mode gekommen. Unter den gebildeten Chinesen unterstützen sehr viele die Gewaltlosigkeit des Dalai Lama und seinen "mittleren Weg" in Richtung Autonomie. Tausende Chinesen kommen als Pilger nach Tibet, besuchen die heiligen Stätten, nehmen bei tibetischen Lamas Unterricht ...

Die Furche: Viele werden für ihre Reise die neue Eisenbahn nach Lhasa benutzen - wie stehen Sie zu dem umstrittenen Projekt?

Gyaltsen: Wenn diese Eisenbahn nur dazu verwendet wird, mehr Touristen nach Tibet und mehr Rohstoffe aus Tibet zu bringen, um damit die kulturelle und wirtschaftliche Ausbeutung Tibets zu beschleunigen - dann ist das Projekt eine Katastrophe. Andererseits bietet diese Eisenbahn die Chance, dass Tibet für den Rest der Welt zugänglicher wird. Bis jetzt hat China in Tibet freie Hand. Wenn die drastischen Unterdrückungsmaßnahmen der Chinesen aber jetzt für viel mehr Menschen klar ersichtlich sind, dann besteht die Chance, dass sich China einschränken muss.

Die Furche: Im Oktober hat es eine von China organisierte "Tibet-Kulturwoche" in Österreich gegeben - österreichische Politiker haben diese Veranstaltung unterstützt. War das ein Fehler, ist man da der chinesischen Propaganda auf den Leim gegangen?

Gyaltsen: Manche Kreise in China glauben, dass sie die Kritik gegen ihre Tibet-Politik mit mehr Propaganda aus dem Weg schaffen können. Und wenn westliche Regierungen gegenüber dieser Kulturgruppe unkritische Bemerkungen machen, dann werden jene Kräfte bestärkt, die auf Propaganda setzen, ohne ihre Politik in Tibet zu verändern. Damit senden westliche Politiker ein falsches und für uns Tibeter sehr schwer wiegendes, ja gefährliches Signal an die chinesische Führung.

Die Furche: Der Dalai Lama wollte zu seinem 70. Geburtstag letztes Jahr in Lhasa sein - das war nicht möglich, wird er mit 80 nach Hause kommen?

Gyaltsen: Ich bin überzeugt, dass der 14. Dalai Lama eines Tages wieder in Tibet und in Lhasa sein wird: ob mit 75, mit 80 oder mit 85 ... - das ist schwierig vorauszusagen!

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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