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"Feinde" als Wesensgleiche ansehen

Der XIV. Dalai Lama - charismatische Persönlichkeit und spirituelle Institution: Eine Würdigung zum 70. Geburtstag.

Seine Heiligkeit, der xiv. Dalai Lama, hat in der Spanne von 70 Jahren mit dem tibetischen Volk Höhen und Tiefen erlebt wie keiner seiner Vorgänger. Kampf, Krieg, Leid, Exil und Fremdherrschaft hat es in Tibet immer gegeben, aber dieser Dalai Lama hat auch die Auflösung einer Jahrhunderte von der Weltsicht des Buddhismus geprägten feudalen Gesellschaft durch eine von allen Seiten übermächtig eindringende säkulare Neuzeit erlebt.

In Tibet haben sich die in dieser Religion angelegten gesellschaftsformenden und politischen Komponenten auf deutliche und besondere Weise geschichtlich entfalten können, und die Institution der Dalai Lamas ist auch Beispiel für eine der Legitimierungen weltlicher Herrschaft im Rahmen buddhistischer Möglichkeiten. Den Tibetern gilt er als eine Wiederverkörperung des Heilsbringers Avalokiteschwara/Tschenresi, der das aktive Mitleid mit den leidenden Lebewesen zur Vollkommenheit entwickelt hat. In diesem erkennen sie ihren mythischen Urvater ebenso wie den ersten König des im 7. Jahrhundert u.Z. gegründeten tibetischen Großreiches.

Einzug mit vier Jahren

Tenzin Gyatso, der xiv. Dalai Lama, wurde in einer nordosttibetischen Familie gefunden und zog 1939 in Lhasa ein, wo er von den besten Lehrern ausgebildet wurde. Schon 1950, mit nur 15 Jahren, wurde er, bedingt durch die Gefahren des Machtvakuums nach dem Zweiten Weltkrieg, ins Amt der politischen Führung des Landes eingeführt. Seinen ersten raschen Bemühungen um die Fortsetzung der gesellschaftlichen Erneuerung durch seinen Vorgänger widersetzten sich nicht nur die konservativen Eliten in den Klöstern und der Adel im Lande, es blieb ihm auch keine Zeit. 1950 marschierte die chinesische Volksbefreiungsarmee in Tibet ein und erreichte im September 1951 Lhasa. Die militärische Präsenz und die erzwungenen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen führten schließlich zum Volksaufstand 1959 und zur Flucht des Dalai Lama und der Führungsschichten nach Indien. Pandit Nehru gab ihm Exil in Dharamsala.

Den traumatischen Erlebnissen des Verlusts der Heimat, der Leiden des Volkes in der folgenden "demokratischen Reform", in der, wie es heißt, "der Himmel auf die Erde fiel", und der "Kulturrevolution" setzte der Dalai Lama vom indischen Exil aus jahrzehntelang die Bemühung entgegen, die Weltöffentlichkeit auf die Lage des tibetischen Volkes aufmerksam zu machen. Es ist nicht zu bezweifeln, dass diese Anstrengungen, wenn auch auf indirekte und dialektische Weise wenigstens teilweise erfolgreich gewesen sind.

Not als Anlass zur Tugend

Seine Haltung zu den chinesischen Machthabern blieb jedoch stets geprägt durch die von Schantideva im 8. Jahrhundert empfohlene buddhistische Meditationspraxis, nach der man die so genannten "Feinde" als Wesensgleiche ansehen solle, und die von ihnen ausgehende Not als Anlass dafür, die eigenen Tugenden der ausdauernden Stärke und der Ertragensgeduld zu entwickeln.

Die Exiljahre brachten ihm nicht nur die größere Nähe der anderen Weltreligionen, besonders des Christentums, sondern machten ihn, den führenden Vertreter der größten religiösen Schulrichtung, auch zum Förderer aller anderen Richtungen innerhalb des tibetischen Buddhismus in den Bemühungen ihre besonderen Traditionen fortzusetzen. Er scheute daher, erst vor kurzem, auch nicht einen Konflikt mit strenggläubigen Anhängern seiner eigenen Tradition.

Was immer die Zukunft für den Dalai Lama, als charismatische Person und spirituelle Tradition, für das tibetische Volk und für den Buddhismus bringen mag, bleibend haben sich die zahllosen Vorträge und Buchveröffentlichungen eingeprägt, in denen er als Meister seiner Tradition in einfacher Klarheit die Lehren des Buddhismus erläutert und seine ethischen Grundprinzipien als mögliche Bausteine für eine neue Welt darstellt: mitfühlende Liebe zu allen Lebewesen, Geduld und Verstehen der Anderen schaffen den Frieden als höchstes weltliches Gut. Dabei agiert er nie missionierend, spricht überhaupt nur, wenn er darum gebeten wird. Die führenden Persönlichkeiten der anderen Weltreligionen respektieren ihn daher.

Ein moderner Philosoph

Der Dalai Lama war mehrfach Gast von Kardinal König im Palais des Erzbischofs. Während der letzte Papst sich durchaus kritisch über den Buddhismus geäußert hat, hat er den Dalai Lama andererseits zu allen großen Gesprächen zwischen den Religionen eingeladen.

Selbst Philosophiehistoriker, habe ich den Dalai Lama in Gesprächen nicht nur als hervorragenden Kenner der kritischen und konstruktivistisch-idealistischen philosophischen Traditionen des indischen und tibetischen Buddhismus erlebt, sondern auch der buddhistischen Erkenntnistheorie und Logik. Bemerkenswert ist dabei, und dies zeigt sich vor allem in der Art, wie er mit der mittelalterlichen Weltsicht des Buddhismus umgeht, dass er diese dogmatischen Systeme als dynamischer Denker im Lichte neuzeitlicher Erkenntnisse aus den verschiedensten Bereichen, vor allem aber aus denen der Physik und der Hirnforschung kritisch betrachtet und, manches verstärkend, anderes verwerfend, neu zu bewerten sucht. In seinen Büchern ist von dieser Seite seines intellektuellen Lebens allerdings nur wenig zu finden, wohl weil er auf die Tradition Rücksicht nehmen muss. Dennoch ist er durch diese kreative Denkarbeit an wesentlichen Bereichen buddhistischer Weltsicht als Vorbild weithin einflussreich und wird für den Weg des Buddhismus aus der Vor-Moderne in die Zukunft Bleibendes bewirken.

Der Autor ist Professor für Tibetologie an der Universität Wien.

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