Digital In Arbeit

Sexuelle Energie in Weisheit verwandeln

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur im Christentum wirft der Umgang mit Sexualität Fragen auf - und provoziert unterschiedliche Antworten. In bezug auf sexuellen Mißbrauch gibt es auch übertragbare Ansichten.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur im Christentum wirft der Umgang mit Sexualität Fragen auf - und provoziert unterschiedliche Antworten. In bezug auf sexuellen Mißbrauch gibt es auch übertragbare Ansichten.

Seit Wochen ist der Fall Groer ein heißes Medienthema und beschäftigt die Öffentlichkeit. In der Debatte wird auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Zölibats, des Versprechens der sexuellen Enthaltsamkeit, gestellt. Denn daß viele Priester und Ordensleute nicht imstande sind, dieses Gelübde auch einzuhalten, scheint dem Volksmund evident zu sein. Warum hält die katholische Kirche trotzdem an dieser Lebensform fest, auch auf die Gefahr hin, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren? Und wie soll eine Religion, eine religiöse Institution, generell mit dem menschlichen Verlangen nach Sexualität umgehen?

Tatsächlich lehren viele Religionen eine asketische, sexuell enthaltsame Lebensführung als höchste Form spirituellen Daseins. Was aber ist der innere Sinn davon? Sieht man von historischen, wirtschaftlichen und pragmatischen Gründen ab, so ist die Antwort gemeinhin, daß die sexuelle Energie in den ausschließlichen Gottes-Dienst und damit zugleich in den Dienst an den Nächsten umzuwandeln ist. So mancher Suchende auf dem Weg zu Gott wird sich aber fragen, wie das im Konkreten funktionieren soll.

Weitverbreitete sexuelle Askese Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie andere Religionen mit dem Spannungsfeld von Sexualität und Spiritualität umgehen. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus wird von Mönchen und religiösen Lehrern sexuelle Enthaltsamkeit verlangt. Im Hinduismus ist das Dasein als Sannyasin ein religiöses Ideal. Wenn man alle gesellschaftlichen Pflichten wie Ausbildung, Beruf, Gründung einer Familie und Aufziehen der Kinder erfüllt hat, so ist - gemäß dem Dharma, der heiligen kosmischen Ordnung - die Krönung eines erfüllten Lebens, sich im Alter der ausschließlichen Suche nach Gott zu widmen. Viele Männer verlassen dann ihre Familien und ziehen in einen Tempel, um intensiv die religiösen Schriften zu studieren, die Gebete und Rituale auszuüben und ein Leben in materieller Armut und Askese zu führen. Von den Gurus, den religiösen Lehrern, als auch von den Brahmacaryas, den Tempelpriestern, wird ebenfalls ein zölibatärer Lebenswandel verlangt. Die hinduistische Philosophie besagt, daß keine Anhaftung an andere Menschen entwickelt werden soll, um nicht von der Konzentration auf Gott abgelenkt zu werden. Verschiedene religiöse Praktiken wie das anhaltende Rezitieren von Gebeten und heiligen Silben, Atemübungen, Visualisation und Meditation dienen dazu, sexuelle Energie in Weisheit, den Dienst an den Menschen und die Hingabe an Gott zu transformieren.

Buddhismus: Meditation statt Sex Auch in vielen buddhistischen Traditionen gilt für die Mönche die Zölibatspflicht. Diese Vorschrift geht auf Siddhartha Gautama, den Buddha, den historischen Gründer des Buddhismus, zurück. Laut buddhistischer Lehre geht es darum, das Feuer der Leidenschaften zu ersticken, um ein friedvolles Leben ohne leidbringende Begierde und Anhaftung führen zu können. Und um eine Wiedergeburt zu vermeiden. Denn alle Wünsche führen zu Handlungen, die gemäß dem Gesetz von Ursache und Wirkung neues Karma hervorbringen und damit zu neuen Wiedergeburten führen. Was gleichbedeutend ist mit dem wiederholten Erleben von Leidzuständen, die es zu beenden gilt. Während die Erfüllung sexueller Bedürfnisse nur eine vorübergehende, kurzfristige Befriedigung nach sich zieht, kann erst die Aufgabe aller Wünsche und Anhaftungen einen dauerhaften inneren Frieden garantieren. Als Übungsweg wird dazu die Meditation gelehrt. Der Marburger Religionswissenschaftler Hans-Jürgen Greschat wies in diesem Zusammenhang auf die Berichte buddhistische Mönche, die jahrelanges Meditationstraining hinter sich haben. Diese würden in tiefen Versenkungszuständen glückselige Einheitserfahrungen machen, die das Fehlen sexueller Erlebnisse kompensieren. Und die in ihrer Intensität und Tiefe sogar den sexuellen Genuß um ein vielfaches überschreiten würden. Aufgrund dieser Erfahrungen sei es für die Mönche nicht schwer, auf sexuelle Kontakte zu verzichten.

Dennoch entwickelte sich in Nordindien ab dem achten Jahrhundert nach Christus eine neue Richtung, die die Sexualität explizit in die religiöse Lehre mit einschloß, nämlich der Tantrismus. Er fand sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus seinen Niederschlag und setzte sich vor allem im Tibetischen Buddhismus fort. Der Tantrische Buddhismus entstand als Gegenbewegung zum institutionalisierten Buddhismus, in dem sich das Streben nach Erleuchtung nur mehr als philosophischer Diskurs zwischen Mönchen und oberen gesellschaftlichen Schichten abspielte. Jetzt konnte auch der Laie, der einfache Mensch von der Straße, der Gaukler und Bettler Erleuchtung erfahren, und zwar mitten in seiner Alltagswelt - und auch durch Sexualität. Nun wird die sexuelle Vereinigung mit einem Partner als notwendige Voraussetzung für die Erlangung der vollkommenen Erleuchtung angesehen, wie die Religionswissenschaftlerin Miranda Shaw in ihrem Buch "Erleuchtung durch Ekstase" herausarbeitet. Dadurch nimmt der Tantrische Buddhismus eine Sonderstellung unter den buddhistischen Traditionen ein. Der Körper wird als "Sitz der Glückseligkeit", als Quelle von Kraft und Wissen verstanden. Übungen und Methoden, die jedoch der Geheimhaltung unterliegen, sollen dazu dienen, die Intensität der Meditation zu erhöhen und innere Energieblockaden zu beseitigen, um innere Freiheit und Wonne zu erfahren. Dabei werden zwei Formen unterschieden, nämlich einerseits die Vereinigung mit einer imaginierten Partnerin bzw. einer visualisierten Gottheit und andererseits die Vereinigung mit einer realen Frau. Diese muß jedoch hohen Anforderungen entsprechen und bereits zahlreiche vorbereitende Übungen absolviert haben.

Tantrismus: Ideal und Mißbrauch Wie läßt sich aber diese tantrische Lehre mit der von Buddha gelehrten Askese vereinbaren? Die Argumentation lautet, daß es sich um einen zweifachen Stufenweg zur Erleuchtung handelt. Der erste Weg ist der der Entsagung, während der zweite Weg des Yogi als der höhere und schnellere Weg gilt, der jedoch starke Fähigkeiten des Schülers voraussetzt. Denn gleichzeitig beinhaltet die tantrische Praxis eine Reihe von Gefahren, wie die der Anhaftung, der psychischen Verletzung oder der religiösen Fehlinterpretation.

Daß es zum Mißbrauch der tantrischen Praxis kommen kann, bewies die Debatte um den Fall der June Campbell. Die Religionswissenschaftlerin und Tibetologin war in den siebziger Jahren als Übersetzerin eines sehr bekannten, hochangesehenen tibetischen Lamas tätig gewesen. Aber erst im vergangenen Jahr offenbarte sie in ihrem Buch "Traveller in Space", daß sie damals eine heimliche Liebschaft mit dem Lama unterhalten hatte, der dem Zölibat verpflichtet war. Und sie berichtete weiters, daß sie durch Drohungen zur Geheimhaltung dieser Liaison gezwungen worden wäre. Die Berufung auf tantrische Praktiken wurde ihrer Meinung nach als Denkmantel für die Befriedigung sexueller Wünsche benutzt. Dieser Bericht löste in der buddhistischen Szene sowohl in den USA als auch in Europa heftige Diskussionen aus. Da der betreffende Lama inzwischen verstorben ist, können die Vorwürfe nicht mehr verifiziert werden.

Lama Sonam Jorphel Rinpoche, ein hoher tantrischer Lehrer der Drikung-Kagyü-Schule, hat dennoch zu dem Fall Stellung genommen. Er weist darauf hin, daß es in erster Linie wichtig sei, eigene Fehler zu erkennen und einzugestehen, anstatt öffentlich Anklagen gegen andere zu erheben. Nur wenn eigene Sünden bereut werden, kann auch die Vergebung erfolgen. Außerdem entspreche es buddhistischer Lehre, Mitgefühl mit dem Täter zu entwickeln und keine Gedanken der Rache zu hegen. Heilbringend sei, sich selbst an die Gebote zu halten und gleichzeitig das Gute zu sehen, das überall geschieht. Fehler eines einzelnen seien nicht Fehler der Religion an sich. Schließlich arbeite der tantrische Buddhismus mit der sexuellen Begierde, um sie in Weisheit und Mitgefühl, das Ziel der religiösen Praxis, zu transformieren.

Aussagen, die fast alle auch ins europäisch-christliche Umfeld übertragbar sind. Und die aufzeigen, daß innerhalb einer Religion nicht der sexuelle Fehltritt das Beklagenswerte ist, sondern vielmehr der unangemeßene Umgang mit den menschlichen Begierden.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau