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Gewalt und Terror im Namen Buddhas?

Der Buddhismus ist auch Teil der wechselvollen Geschichte verschiedener Länder Asiens, in denen, natürlich auch unter Rückgriff auf religiöse Denkmuster, Gewalt gutgeheißen wurde.

Von der vermeintlichen Rückkehr der Religionen, wie sie in den 1980er-und 1990er-Jahren vielfach hoffnungsvoll thematisiert wurde, scheint aktuell zumindest im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs nur eine generelle Problematisierung von Religion als potenzieller Störfaktor übrig geblieben zu sein. Insbesondere die sogenannten monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam werden dabei als intrinsisch mit Gewalt verbundene kulturelle Faktoren genannt.

Ein wenig abgehoben scheint dagegen die Wahrnehmung asiatischer Religionen zu sein, worunter insbesondere dem Buddhismus eine Sonderstellung zukommt. Gerade mit dieser bedeutenden Religionstradition verbindet sich die These einer "richtigen", gewaltfreien und absolut friedlichen Religion, quasi als Alternative zur Misere der genannten Monotheismen.

Umso irritierender erscheinen aber dann mediale Berichte, wie sie gerade in den letzten Monaten wieder präsent wurden, die von aktiver Hetze buddhistischer Mönche gegen religiöse Minderheiten (konkret in Burma, aber schon in vorigen Jahrzehnten in Sri Lanka) berichten. Und nicht zuletzt der historisch breitere Blick lässt die These, dass der Buddhismus automatisch mit Gewaltlosigkeit verbunden wäre, wanken. Es ist schlichtweg naiv anzunehmen, dass aus allen Religionen eine einzige nichts mit Gewalt und deren Legitimation zu tun hätte. Der Buddhismus ist eine der bedeutendsten religiösen Traditionen Asiens und damit auch Teil der wechselvollen Geschichte verschiedener Länder, in denen, natürlich auch unter Rückgriff auf religiöse Denkmuster, Gewalt gutgeheißen wurde. Deshalb ist es durchaus legitim, auch beim Buddhismus die Frage zu stellen, wie das Verhältnis zur und der Anwendung von Gewalt aussieht.

Die nachfolgenden Ausführungen sind dabei nicht mit historischen Beispielen verbunden, sondern konzentrieren sich auf die Frage, ob man in buddhistischen Texten und Traditionen Argumentationsfiguren isolieren kann, die potenziell für die Legitimation von Gewaltakten Verwendung finden können und unter bestimmten Bedingungen auch fanden. Dies orientiert sich an der Grundthese des Religionswissenschafters Hans G. Kippenberg, der im Zusammenhang mit der Frage nach religiöser Legitimation von Gewalt eine Mittelposition einnimmt: Religionen sind nicht intrinsisch gewalterzeugend (wie dies etwa in den Religionstheorien Walter Burkerts oder bei René Girard behauptet wird, und, in allerdings sehr modifizierter Weise, auch bei Jan Assmann), können aber bei passenden negativen Außenfaktoren Gewaltakte legitimieren. Dabei spielen insbesondere die "heiligen", das heißt kanonischen Texte der Religionen eine zentrale Rolle, die kritisch auf so geartete Aussagen untersucht werden müssen.

Einzigartige ethische Festlegung

Vorab muss festgestellt werden, dass der Buddhismus an sich eine sehr eindeutige ethische Festlegung kennt, die in dieser Form auch im Vergleich mit anderen Religionen einzigartig ist. In der ersten der sogenannten pañcas¯ıla, das heißt der fünf Sittlichkeitsregeln, die als der kleinste gemeinsame ethische Nenner aller buddhistischen Traditionen gelten, wird festgehalten, dass es zu keinem Töten, ja Schädigen von Lebewesen kommen darf (konkret eigentlich von allem, was prana, "Lebensatem", hat). Diese Festlegung, die in der deutlichen Form keine Parallele bei anderen Religionen hat, steht als Überschrift über der buddhistischen Tradition. Sie fügt sich auch zu einigen Texten aus den sogenannten "Lehrreden" des Buddha, in der beispielsweise eine Art generell pazifistische Grundhaltung entgegentritt, die gegen jegliche Form des Kriegshandwerks Stellung bezieht (so beispielsweise im sogenannten Yodhajiva-Sutta über einen "Hauptmann" bzw. einen "Söldner" im Gespräch mit dem Buddha).

Ungeachtet dieser Tatsache entstanden aber auch im Buddhismus Argumentationsfiguren, die potenziell für die Legitimation von Gewalthandlungen instrumentalisiert werden können. Dies geschah insbesondere in der nordbuddhistischen Tradition des sogenannten "Großen Fahrzeugs" (Mah¯ay¯ana), das sich schon in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten entwickelte und zu dem bestimmenden Faktor des Buddhismus in seiner Verbreitung nach Ostasien wurde. Solche Argumentationsfiguren begegnen dabei in verschiedenen Texten dieser Tradition, wobei es vielfach gar nicht explizit um die Thematisierung oder Legitimierung von Gewalt ging, sondern vielmehr darum, bestimmte Denkfiguren zu Ende zu denken bzw. konsequent durchzuargumentieren. So entwickelten sich beispielsweise um die Figur eines sogenannten Bodhisattva (der an sich ein Wesen ist, das aus eben diesem Mitleid auf die Erlösung verzichtet, um andere Lebewesen zur Erlösung zu bringen) oftmals eigenartig anmutende Gedankengänge, die dessen maximal erhobene Stellung als (Sogut-wie-)Erlöster auch mit der Idee verbanden, ihn (als) über jeglicher herkömmlicher Moral stehend zu betrachten. Dabei kommt es sogar dazu, dass das zentrale Moment des buddhistischen "Mitleids", das als Hauptcharakteristikum des Bodhisattva gilt, in einer Art pervertierter Lesung mit Tötungshandlungen in Verbindung gebracht wird.

Eine klassische Formulierung für diese oft als "mercy killing" bezeichnete Argumentationsfigur findet sich in der sogenannten Bodhisattvabh¯umi, einem Mahayana-Text aus dem dritten oder vierten Jahrhundert, der ein berühmtes Gleichnis enthält: Ein Bodhisattva erlangt die Einsicht, dass ein Räuber vorhat, mehrere hundert Menschen zu töten. Es sei nun absolut legitim, dass der Bodhisattva diesen Menschen tötet, weil er ihn "aus Mitleid" davor bewahrt, sich selber zu schaden im Hinblick auf sein weiteres Schicksal im Wiedergeburtenkreislauf. Dabei wird versichert, dass auch der Bodhisattva durch diese Tat keinen Schaden im Hinblick auf seine eigene Erlösung davonträgt: "Wenn der Bodhisattva in dieser Absicht jenem Menschen mit Bedauern und allein aus Sorge um dessen zukünftiges Schicksal das Leben nimmt, bleibt er ohne Schuld und erwirbt sogar viel Verdienst." Ähnlich und ein wenig ausgebaut begegnet die gleiche Argumentation in dem zeitlich ungefähr gleich datierten Upaya-kaushalya-Sutra. Diesmal ist ein Bodhisattva auf einem Schiff und erkennt, dass ein Mitfahrender vorhat, das Schiff zum Kentern zu bringen und damit alle darauf Befindlichen zu töten. Wenn er den potenziellen Mörder "mit großem Mitleid und unter Einsatz der rechten Mittel mit voller Überlegung ersticht und erschlägt", rettet er nicht nur diesen vor den (buddhistischen) Höllen, sondern auch die ganze Gruppe vor dem Tod.

Missbrauch der Lehren ist möglich

Wie schon festgestellt, muss man diese Passagen wohl als Gedankenspiele interpretieren, in denen buddhistische Argumentationsfiguren konsequent zu Ende gedacht werden, doch steht völlig außer Frage, dass sie gegebenenfalls auch missbräuchlich verwendet werden können. Das gilt übrigens auch für eine weitere potenzielle Legitimationsstrategie für Gewalt, die ebenfalls aus Texten der nordbuddhistischen Tradition stammt. Dies hängt mit der buddhistischen These von der "Leerheit" von allem zusammen, die sich vor allem im Mahayana entwickelt hat und auf die frühbuddhistische Lehre von der Vergänglichkeit und der Unbeständigkeit aller Dinge zurückgeführt werden kann. Explizit ausgesprochen ist das beispielsweise im Mah¯aprajñ¯ap¯aramitopadesa (entstanden vor dem fünften Jahrhundert): "Da das lebende Wesen ja (in Wirklichkeit) gar nicht existiert, gibt es auch nicht das Vergehen des Mordes. Da das Vergehen eines Mordes nicht existiert, gibt es auch keinen Grund, es zu verbieten. Wenn jemand tötet tut er also nicht Falsches."

Es könnten noch weitere Beispiele genannt werden, die in ähnlicher Weise mit diversen Pervertierungen argumentieren. In der Geschichte des Buddhismus kam es nun in der Tat immer wieder dazu, dass man diesen Argumentationsfiguren auch folgte. Die sogenannten Kriegermönche, die insbesondere aus dem japanischen Mittelalter bekannt sind, oder die enge Verwebung der martialischen Kriegskunst der Samurai mit dem Zen-Buddhismus sind nur zwei historische Beispiele für eben solches. Doch spielen so geartete Denkfiguren auch in diversen Nationalitätskonflikten eine Rolle, wie die eingangs zitierten tagesaktuellen Beispiele zeigen. Vielfach sind diese Entwicklungen mit Themen wie Nationalität oder Herrscherloyalität verbunden, doch können sie eine zusätzliche Aufladung durch religiöse Begründung erfahren. Somit ist auch der Buddhismus durchaus offen für Gewaltlegitimation, wenn dies gegebenenfalls gewünscht wird. Obwohl es sicher nicht im Sinne des Erfinders war.

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