Welcher Karmapa Lama ist der richtige?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Karmapa ist der dritthöchste Würdenträger des Tibetischen Buddhismus. Seine Flucht aus Tibet Anfang Jänner ging durch die Weltpresse. Das Problem: Es gibt einen anderen Karmapa. Der Streit um den richtigen Karmapa ist ein Politikum. Auch Chinas Religionspolitik erscheint einmal mehr desavouiert.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Karmapa ist der dritthöchste Würdenträger des Tibetischen Buddhismus. Seine Flucht aus Tibet Anfang Jänner ging durch die Weltpresse. Das Problem: Es gibt einen anderen Karmapa. Der Streit um den richtigen Karmapa ist ein Politikum. Auch Chinas Religionspolitik erscheint einmal mehr desavouiert.

Die Nachricht, daß der 14jährige Karmapa Urgyen Thinley Dorje aus seinem Kloster Tsurphu in Tibet geflohen und in einer achttägigen Wanderung über verschneite Pässe ins nordindische Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exilregierung und des Dalai Lama, gelangt sei, erregte in den vergangenen zwei Wochen die Weltöffentlichkeit. Woher diese Aufregung?

Der Karmapa ist der dritthöchste Würdenträger der tibetisch-buddhistischen Hierarchie - nach dem Dalai Lama und dem Panchen Lama. Er ist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Tradition, der größten Schule unter den vier Richtungen im Tibetischen Buddhismus. Sein Vorgänger, der 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, war ebenso wie der Dalai Lama 1959 aus dem besetzten Tibet geflohen und hatte im indischen Exil einen großen Kreis von Schülern aufgebaut. Vor allem die Königsfamilien in Sikkim und Bhutan unterstützten ihn, das Kloster Rumtek in Sikkim wurde zu seinem neuen Hauptsitz erklärte.

Als einer der ersten Lamas hatte er die Gründung buddhistischer Zentren im Westen veranlaßt und war selbst mehrfach in die USA und nach Europa gereist. Auch in Österreich, das der 16. Karmapa 1977 besucht hatte, gibt es heute mehrere Zentren der Karma-Kagyü-Schule. Als der Karmapa 1981 in Chicago an Krebs starb, trauerte eine weltweite Schülergemeinde um ihren Lehrer, der im Tibetischen Buddhismus eine zentrale Rolle auf dem Weg zur Erleuchtung spielt.

Gemäß seinen Anweisungen sollen die Praktizierenden einen stufenweisen Weg von Meditationsübungen beschreiten, der sie zum Loslassen des Egoismus und zur Hilfestellung für andere befähigen soll. Die trauernden Schüler des 16. Karmapa trösteten sich mit der Aussicht, daß - gemäß dem tibetischen Wiedergeburtsglauben - der Lehrer sich bald reinkarnieren würde. Die Lehre besagt, daß spirituell hochstehende Lamas in der Lage seien, ihr "Bewußtsein" nach dem Tod und einem Aufenthalt in einem Zwischenzustand, dem Bardo, in einem neuen Körper zu bringen. Ein vierköpfiges Kollegium von Stellvertretern des 16. Karmapa war dazu ausersehen, diesen Jungen entsprechend der tibetischen Tradition mittels Prophezeihungen aufzufinden.

Der Nomadenbub 1992 präsentierte einer von ihnen, Tai Situ Rinpoche, einen Brief, von dem er sagte, er habe ihn vom Karmapa vor dessen Tod bekommen. In dem Brief waren verschlüsselte Hinweise für die Auffindung der Wiedergeburt zu lesen. Die Suche wurde eingeleitet, der Dalai Lama informiert und eine Botschaft an das Stammkloster Tsurphu in Tibet gesandt. Tatsächlich fand ein Suchtrupp in der osttibetischen Provinz Kham den siebenjährigen Nomaden jungen Urgyen Thinley, auf den die Beschreibung genau zutraf.

Der Bub wurde nach Tsurphu gebracht und der Weltöffentlichkeit als 17. Karmapa vorgestellt. Der Dalai Lama gab daraufhin seine Anerkennung, die er schriftlich bestätigte. Aber auch die Chinesen - und das war ein bedeutendes Novum - gaben ihre offizielle Anerkennung.

Die Gründe dafür waren vielfältig: für die Tibeter ist der Karmapa eine zentrale Figur, deren Nichtanerkennung möglicherweise Aufruhr bedeutet hätte. Durch die Anerkennung jedoch wollte die chinesische Regierung der Welt eine liberale Haltung in Religionsangelegenheiten demonstrieren. Sie hoffte vor allem, in einem Karmapa unter ihrer Patronanz einen Gegenpol zum Dalai Lama aufbauen zu können, um durch ihn Einfluß auf das tibetische Volk zu gewinnen und so den Autonomiebestrebungen der Tibeter ein Ende setzen.

Der "Gegenspieler" Doch innerhalb der tibetischen Gemeinschaft selbst entspann sich nun ein Streit um die Einsetzung des Knaben. Denn Shamarpa, ein weiterer Stellvertreter aus dem Kollegium und zweithöchste Autorität der Karma-Kagyü-Schule, zweifelte nach dem Bekanntwerden des Prophezeihungsbriefes dessen Authentizität an. Er vermutete darin eine Fälschung - es kam zu Anschuldigungen und Attacken. Sharmapa erklärte, daß er durch eine vertrauenswürdige Person Informationen über die tatsächliche Wiedergeburt des Karmapa habe.

Die Karma-Kagyü-Schule fing an, sich zu spalten. Inzwischen wurde Urgyen Thinley Dorje in seine Stellung als Karmapa eingeführt. Am 27. September 1992 erfolgte die feierliche Inthronisation in Tsurphu, bei der sowohl die chinesische Anerkennung durch den "Minister für religiöse Angelegenheiten und Minderheiten" als auch die Anerkennung des Dalai Lama überreicht wurden.

Doch der Streit in der Kagyü-Schule ging weiter. Am 17. März 1994 stellte Sharmapa in Neu-Delhi der Öffentlichkeit den elfjährigen Trinle Thaye Dorje als Karmapa vor. Er berief sich dabei vor allem auf seine Autorität als Stellvertreter des 16. Karmapa. Der Knabe soll 1983 in Lhasa geboren worden sein und bereits in früher Kindheit von sich selbst gesagt haben, er sei der Karmapa.

Die Anhänger waren nun vor das Problem gestellt, welchen der zwei Jungen sie als den "wahren Karmapa" anerkennen sollten. Was vordergründig als "spirituelles Problem" erscheint, ist hinter den Kulissen beinharter Machtkampf. Es geht um die Vorherrschaft im Hauptkloster Rumtek, die Kontrolle der westlichen und asiatischen Zentren mit ihren reichen Spendengeldern sowie um Macht und Einfluß innerhalb der tibetischen Gemeinschaft. Anschuldigungen und Verleumdungen waren von beiden Seiten zu hören. Es trat de facto eine Spaltung der Karma-Kagyü-Schule ein, die auch in der österreichischen Anhängerschaft vonstatten ging. Die jeweils andere Partei wurde und wird nach dem Motto "nicht einmal ignorieren" behandelt.

Doch bereits im vergangenen Jahr war wieder Bewegung in die Sache gekommen. Sharmapa führte seinen Schützling Trinle Thaye Dorje auf Weltreise, zuerst durch die asiatischen Zentren in Singapur, Hongkong und Taiwan. Hier wurde er mit großen Ehren empfangen, denn auch in diesen Ländern hat der Tibetische Buddhismus seit langem eine wachsende Anhängerschaft zu verzeichnen. Seit Anfang diesen Jahres findet eine Europa-Tournee durch Deutschland und Frankreich statt. Vom 21. bis 23. Jänner ist Trinle Thaye Dorje auch in Wien und hält im Festsaal der Wiener Börse Vorträge und Einführungen in den Tibetischen Buddhismus (Informationen unter Tel. 01/5137728).

Blamage für China Bei den Anhängern Trinle Thaye Dorjes schlug am 5. Jänner die Nachricht von der Flucht Urgyen Thinley Dorjes wie eine Bombe ein. Der inzwischen 14jährige war mit einigen Begleitern erschöpft in Dharamsala angekommen, hatte zwei Besprechungen mit dem Dalai Lama geführt und wurde dann in ein nahes Kloster gebracht, wo er seither völlig von der Öffentlichkeit abgeschirmt wird. Als Grund für seine Flucht wurde von seiten der Karma-Kagyü-Schule genannt, daß der Karmapa mehrmals bei den chinesischen Behörden um Ausreise angesucht hätte, die ihm jedoch nie bewilligt wurde. So wurde ihm das Zusammentreffen mit seinem Mentor Tai Situ Rinpoche verwehrt, der ebenfalls keine Einreisegenehmigung nach Tibet erhielt. Neben dieser Begründung wurde von seiten der tibetischen Exilregierung auf die nach wie vor anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in Tibet sowie die Beschränkung der Religionsfreiheit verwiesen.

Die chinesische Regierung, für die diese Flucht eine Blamage und ein Scheitern ihrer Religionspolitik in Tibet bedeutet, hat sich bisher an die Version geklammert, der Karmapa habe Ritualgegenstände im Ausland holen wollen. So wahren die Chinesen ihr Gesicht und halten gleichzeitig die Tür für eine mögliche Rückkehr offen. Inzwischen wurde jedoch bekannt, daß Mönche in Tsurphu verhaftet wurden.

Prolongierter Streit Der Karmapa hatte seine Flucht vertuscht, indem er vorgegeben hatte, eine spirituelle Rückziehung durchzuführen. Auf die Information, der Karmapa wolle in Indien um Asyl ansuchen, reagierten die Chinesen mit Drohgebärden in Richtung Neu-Delhi. Hier argumentierte man vorerst, man wisse nichts von einem solchen Gesuch. Allerdings ist mittlerweile die Diskussion voll im Gange, ob man dem Karmapa Asyl oder einen Flüchtlingsstatus gewähren soll. Die Exilregierung um den Dalai Lama hält sich bisher äußerst bedeckt. Sie weiß, daß mögliche Repressionen gegen die Bevölkerung in Tibet drohen.

Wie immer die Sache weitergehen wird, klar ist jedenfalls, daß auch der innertibetische Machtstreit zwischen den zwei Karmapas in die nächste Runde gehen wird. Denn offensichtlich teilen nicht alle die Weisheit einer alten Kagyü-Nonne: "Es kann gar nicht genug Karmapas geben in dieser Welt".

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau