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Heinrich Harrer - dem toten Freund

Abschied von einem Freund: "Heinrich an Heinrich" schrieb er über seine Briefe und Postkarten der letzten Jahre. Heinrich Harrer ist "heimgegangen", wie man dort sagt, wo er herkam. Mehr als 93 glückliche, erfüllte Jahre waren es am Ende geworden. Lange schon hatte er sich auf die Unausweichlichkeit jedes Lebensbogens vorbereitet: "Bewusst absteigen" hat er es genannt - und er tat es mit der Heiterkeit und Zufriedenheit eines großen Bergsteigers, der von den höchsten Gipfeln geschaut hatte. Jeder Tag war ihm ein Geschenk.

Was er eigentlich war: Forscher? Geograph? Entdeckungsreisender? Abenteurer? Schriftsteller? Lachend hat er sich oft "Professor ohne Beruf" genannt - weil sein Leben, sein Schicksal so herrlich quer zu allen Einordnungen unserer Zeit lag. Und weil seine Neugierde - seine Wachheit bis zuletzt - keine Grenzen duldete, von der Botanik bis zur Physik, von den Weltkulturen bis in die Musik und Malerei.

Ehrfurcht ...

Kein anderer Österreicher hat so viele noch unerforschte Regionen und Völker dieser Erde besucht - von Tibet bis zum Amazonas, von Neuguinea bis in die letzten "weißen Gebiete" des schwarzen Kontinents. Kein anderer hat so viele Bücher, Filme veröffentlicht und verkauft - auch in Zeiten, in denen das Wort "Bestseller" noch unbekannt war. Und keiner so viele wissenschaftliche Ehrungen weltweit erhalten. Er hat sie in großer Bescheidenheit entgegengenommen. Immer mit Blick auf seine Vorbilder - Alexander von Humboldt vor allem - und seine großen Kollegen... Immer auch dankbar für das Geschenk seiner Talente, seiner harten, fordernden Jugend, aber auch der Zufälle und des Glücks.

Dass er hoch betagt in der geliebten Heimat sterben konnte, das war auch Ernte seines Respekts und seiner Liebe für die Menschen, die er in allen Winkeln der Erde aufgespürt hat - und die ihn dafür aufgenommen, geschützt, ja ihn, den Schwerstverletzten, unter unsäglichen Mühen aus dem Dschungel getragen hatten.

Respekt und Liebe prägten auch seine große Lebensfreundschaft mit dem Dalai Lama, die fast sechs Jahrzehnte überdauert hat. Mehrfach war ich Augenzeuge ihrer Begegnungen, die - bei aller Vertrautheit - auch eine berührende gegenseitige Ehrfurcht ausstrahlten: vor dem hohen, göttlichen Amt des Einen; vor der Weisheit, der Treue und dem Alter des Anderen. Mit kindlicher Freude verwendete der Gottkönig den tibetischen Namen, den Harrer für mich erfunden hatte: "Tarkashing" - der Walnussbaum.

Vor mehr als 30 Jahren waren wir einander ein erstes Mal begegnet: Harrer hatte eines meiner Photos aus Neuguinea gesehen - es zeigte eine Papua-Frau, die ein Schwein an ihrer Brust nährte - und um eine Kopie für seine Vorträge gebeten. Aus einem Telefonat wuchs Nähe. Vergeblich bemühte ich mich Jahre später, seine wertvolle tibetische Sammlung für Österreich zu retten - bürokratischer Kleingeist verhinderte es. Sie ist heute der Stolz des Völkerkundemuseums in Zürich.

Mehr als alles andere hat uns die Liebe zu Tibet zusammengeschmiedet. Als ich 1979 nach Lhasa aufbrach - als Teilnehmer der ersten kleinen Delegation nach den Zerstörungen der Kulturrevolution -, war er mein unsichtbarer Begleiter: In vielen Briefen und Gesprächen hatte er mich vorbereitet, nach seinen Spuren zu suchen; mehr aber noch nach den verbliebenen Spuren einer verwüsteten Kultur. Seine Beschreibungen führten mich zu seiner alten Gastfamilie in Lhasa, zu den Plätzen seiner einst geheimen Begegnungen mit dem jungen Dalai Lama. Und auf den Dachboden eines Krankenhauses in Lhasa, auf dem ich die alten, kostbaren tibetischen Medizin-Wandbilder entdecken, photographieren und später dem Dalai Lama überbringen konnte. Harrers eigenes Wiedersehen mit Tibet, drei Jahre später als unauffälliger Tourist, wurde zu einer Reise voll Glück und Trauer. Zur Heimkehr in ein fremd gewordenes Land.

... und Sehnsucht

Harrer war bereits 85 Jahre, als ihn plötzlich die politische Dunkelheit seiner Jugend einzuholen schien: Er, der strahlende Bezwinger der Eiger-Nordwand, war 1938 über Nacht zum Symbol des "kraftvollen, zähen jungen Deutschen" geworden, in dessen Ruhm sich die ns-Prominenz sonnte, den sie missbrauchte und auch verlockte. Nicht lange freilich; weniger als ein Jahr nach dem ns-Einmarsch war er bereits unterwegs in den Himalaja, den Beginn seines Lebensabenteuers. Nun, fast sechs Jahrzehnte später, sollte der versöhnende Weltgeist Harrer zum ertappten Nazi werden - nicht zufällig während der us-Verfilmung seiner "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt. Auf Harrers Wunsch hin organisierte ich ein Treffen mit Simon Wiesenthal, dessen Einfluss und Klugheit das ferne Wüten aber nicht wirklich abwenden konnte. Dass es schließlich doch verklang, mag an Harrers klugen, auch selbstkritischen Wortmeldungen gelegen haben - oder schlicht daran, dass Hollywood schon zu viel in die große Saga seines Lebens investiert hatte, um noch einen Flop zu riskieren.

Inmitten seiner Blumen und in der Geborgenheit seines Hauses hoch über Hüttenberg hat er zuletzt gemeinsam mit seiner Frau Carina sein Leben geordnet. Die Ernte seiner Erlebnisse und Begegnungen - zehntausende Photos, Zeichnungen, Dokumente - hat er seinem letzten großen Lebenswerk, dem "Harrer-Museum" im Heimatort übertragen.

Bis zuletzt war er ein Prophet dafür, dass jedes Abenteuer mit einem Jugendtraum beginnt. Mit der Sehnsucht nach der "blauen Blume", geheimnisvoll und fern.

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