China den politischen Erfolg gönnen!"

Für Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzk ist die Alternative zum gegenwärtigen politischen System in China nicht die Demokratie, sondern ein Bürgerkrieg.

Die Furche: Frau Professor, war der Westen naiv zu erwarten, dass sich die Menschenrechtslage in China durch die Zuerkennung der Olympischen Spiele nachhaltig ändern würde?

Susanne Weigelin-Schwiedrzk: Politische Veränderungen werden nicht über die Zuerkennung olympischer Spiele erreicht. Zugleich beobachten wir schon lange, dass äußerer Druck die politischen Verhältnisse in China nur geringfügig und, wenn überhaupt, nicht im Sinne des Druck Ausübenden beeinflusst.

Die Furche: Freuen Sie sich über die Vergabe der Spiele an Peking?

Weigelin-S.: Mich hat der Beschluss seinerzeit vollkommen kalt gelassen. Ich kenne Peking recht gut und konnte mir nie vorstellen, dass diese Stadt mit ihrer schlechten Luft ein guter Ort für Olympische Spiele sein könnte. Ich habe damals allerdings unterschätzt, welch große Bedeutung die Olympiade für das Selbstbewusstsein Chinas haben würde. Erst später habe ich bemerkt, dass gerade die Diskussion über einen möglichen Boykott die Erwartungshaltung vieler Chinesen enorm erhöht hat: Die Olympiade steht heute für die lang ersehnte Anerkennung Chinas als gleichberechtigter Partner in der Welt.

Die Furche: Was halten Sie von einem Boykott der Spiele?

Weigelin-S.: Nichts. Ich bin der Auffassung, dass sich die Lage in China seit der Zuerkennung der Spiele an Peking nicht verschlechtert hat. Im Gegenteil: In vielen Bereichen hat sie sich verbessert. Dazu gehört ausdrücklich auch die Religionspolitik. Außerdem: China ist zwar ein Land mit einer boomenden Wirtschaft, aber es gibt noch viele Teile des Landes, in denen große Armut herrscht. Ein solches Land zu Milliardeninvestitionen in Sportspielstätten zu veranlassen und dann einen Boykott auszusprechen, halte ich für sehr problematisch. Schließlich dient der Boykott letztlich nur der Beruhigung des schlechten Gewissens im Westen.

Die Furche: Wie soll der Westen gegenüber China auftreten?

Weigelin-S.: Ich empfehle, China nicht in jeglicher Hinsicht als rückständig zu betrachten. Wer sich intensiv mit China beschäftigt, merkt bald, dass dieses Land im Positiven wie im Negativen Dinge zu bieten hat, die wir noch nicht erlebt haben, die unsere Zukunft aber bringen könnte. In diesem Sinne heißt, sich mit China auseinanderzusetzen, immer, über unsere Zukunft nachzudenken.

Die Furche: Soll man China also den politischen Triumph erfolgreicher Olympischer Spiele gönnen?

Weigelin-S.: Ja, denn dieser Triumph ist auch ein Triumph für die ganze Welt. Wenn Ende August eine positive Bilanz gezogen werden kann, dann heißt das: Eines der größten Entwicklungsländer der Welt hat ein Niveau erreicht, das es ihm erlaubt, eine Veranstaltung von derartiger Komplexität reibungslos durchzuführen. Das sollten wir bei aller Angst vor China als Weltmarktkonkurrenten positiv betrachten. Sollte die Bilanz negativ ausfallen, heißt das, dass die Kapazität des Staates so zu wünschen übrig lässt, dass er selbst ein so prestigereiches Projekt wie die Olympischen Spiele nicht problemlos über die Bühne bringen kann.

Die Furche: Der UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak meint, die Bereitschaft Chinas zur politischen Öffnung sei zwar da, nur so kontrolliert werde es auf Dauer nicht gehen. Nowak sagte: "Wenn man das weiter versucht, wird es irgendwann einmal explodieren. Davor habe ich Angst."

Weigelin-S.: Ich teile diese Angst. Die Alternative zum augenblicklichen System in China ist nicht Demokratie, sondern Bürgerkrieg.

Die Furche: Wovor genau muss man sich fürchten?

Weigelin-S.: Ich warne davor, mit dem Feuer zu spielen. Wir werden das Problem China nicht los, indem wir uns vorstellen, wir könnten das dortige politische System ändern. Im Gegenteil: Die chinesische Bevölkerung, die in großen Teilen über ein stärker ausgeprägtes politisches Gespür verfügt, als man im Westen annehmen würde, lebt mehrheitlich mit dem politischen System, weil es derzeit dazu keine Alternative gibt. Sie hat Angst vor dem Chaos, weil sie die historische Erfahrung von Krieg und Bürgerkrieg, nicht zuletzt die Erfahrungen der Kulturrevolution, in ihrem Gedächtnis gespeichert hat.

Furche: Wie stabil ist die KP?

Weigelin-S.: Die Macht der KP ist so lange stabil, wie sie nicht gezwungen ist, ihre Macht mit Gewalt zu verteidigen.

Die Furche: Werden wir zu unseren Lebezeiten noch ein demokratisches China erleben?

Weigelin-S.: Nein. Ich sehe in China keine Kraft, die als Alternative zur Kommunistischen Partei das Land in seiner derzeitigen Ausdehnung mit Hilfe eines demokratischen Systems zusammenhalten könnte. Ich glaube, es hilft weder uns noch den Menschen in China, wenn wir uns nichts anderes vorstellen können, als dass sich in China das verwirklicht, was wir aus Europa kennen.

Die Furche: Sie selbst kennen China seit über 30 Jahren: Was sind die augenfälligsten Veränderungen abseits des wirtschaftlichen Aufschwungs?

Weigelin-S.: Ich war in China, als Mao Zedong starb und wenig später die "Viererbande" gestürzt wurde. Ich habe damals erlebt, dass sich die politische Haltung meiner Kommilitonen innerhalb von 24 Stunden in ihr Gegenteil verkehrt hat. Darüber staune ich noch heute. Ich frage mich, wann das das nächste Mal passiert.

Die Fragen stellte via Mail Julia Kospach.

Die tibetische Schriftstellerin Tsering Woeser wird für "politische Irrtümer" in ihren Büchern verfolgt. Tibets Zukunft sieht sie düster. Von Sven Hansen

Bis zu den Unruhen im März galt Tibet vielen Chinesen als exotisch chic. Sie reisten auf das Dach der Welt, waren von der dortigen Spiritualität fasziniert und schmückten sich mit tibetischer Kleidung und Accessoires. Zum Verständnis zwischen Tibetern und Chinesen hat das nach Meinung der in Peking lebenden tibetischen Schriftstellerin und Bloggerin Tsering Woeser nicht beigetragen: "Diese chinesische Mode ist oberflächlich und hat ihren Ursprung in der Nachahmung des Westens." Für den ist Tibet schon lange interessant.

Woeser: "Unter den 56 sogenannten Minderheiten in China gilt die tibetische Kultur als besonders geheimnisvoll. Früher wurde sie als rückständig dämonisiert. In den letzten Jahren ist sie zu einer Mode geworden." Doch laut Woeser gleicht das Verhältnis zwischen Chinesen und Tibetern dem eines Herren zu einem Haustier: Er findet das Tier toll und spielt gern mit ihm - wenn es ihn aber beißt, wird es weggesperrt.

Geheimdienst vor der Tür

Seit 2003 lebt die Schriftstellerin in Peking. Das Treffen mit Woeser und ihrem chinesischen Mann findet unter konspirativen Umständen in einem Hotelzimmer statt. Vor dem Gebäude stehen sonnenbebrillte Männer - die Agenten der chinesischen Staatssicherheit geben sich nicht einmal Mühe, sich verborgen zu halten. Nach dem Gespräch folgen sie dem Ehepaar in die Tiefgarage zum Auto. "Ich werde ständig kontrolliert," klagt sie. "Telefon und Post werden überwacht, und ich bekomme keinen Reisepass."

Woeser, deren tibetischer Vater Soldat in der chinesischen Volksbefreiungsarmee war, ist innerhalb Chinas eine der regierungskritischsten offenen tibetischen Stimmen. Sie hat zehn Bücher auf chinesisch geschrieben, die meisten sind in der Volksrepublik verboten. Zwei ihrer Bücher handeln über die Kulturrevolution in Tibet. Woeser beschreibt darin das Schicksal von Personen, die auf alten Fotos ihres Vaters zu sehen sind - ein Tabubruch, die Bücher mussten in Taiwan veröffentlicht werden. Woeser verlor ihre Stelle bei der staatlichen Tibetischen Kulturvereinigung in Lhasa. Die KP-Einheitsfrontabteilung und das Kontrollamt für Verlagswesen beschlossen, dass ihre Schriften "politische Irrtümer" enthalten. Auch weil sie sich positiv über den Dalai Lama geäußert hat, lebt sie in einem innerchinesischen Exil. Mehrfach wurde ihr Peking-kritischer Blog (woeser.middle-way.net - siehe auch Artikel Seite 19) gesperrt oder von regimetreuen Hackern angegriffen.

"Tibet ist am Ende!"

Woeser nimmt den Dalai Lama in Schutz. Nicht das von Peking verteufelte Oberhaupt der Tibeter sei der Auslöser der Unruhen, sondern Pekings Tibet-Politik. "Chinas Regierung denkt überhaupt nicht nach, warum die antichinesische Gewalt in Tibet ausgebrochen ist", klagt sie, und "Peking reagiert auf die Unruhen mit Propaganda und vergrößert damit den Graben zwischen Tibetern und Chinesen." Auch die jüngste Gesprächsrunde zwischen Vertretern des Dalai Lama und Peking macht ihr keinen Mut.

Für Woeser sind die antichinesischen Unruhen das Ergebnis lange angestauter Unzufriedenheit mit Pekings Tibet-Politik. Die Olympischen Spiele sind eine Gelegenheit, diesen Unmut auszudrücken und den Tibetern eine Stimme zu geben. "Doch das Hauptproblem ist, dass es in Tibet keine wirkliche Autonomie gibt. Das führt zu allen anderen Problemen in Wirtschaft, Religion und Kultur." Der Lebensstandard in Tibet habe sich zwar erhöht, räumt sie ein. "Aber hauptsächlich profitieren davon die Han-Chinesen." Die Tibeter sind in Lhasa eine Minderheit im eigenen Land. Zwar gibt es inzwischen Schulen, die auf Tibetisch unterrichten. Aber der Unterricht dort ist so schlecht, dass viele Tibeter ihre Kinder in chinesischsprachige Schulen schicken, weil diese sonst keine Berufschancen haben. In zehn bis fünfzehn Jahren könnte Tibet endgültig verloren sein, fürchtet sie. Als sie im vergangenen Jahr mehrere Monate dort recherchiert hat, ist ihr nämlich aufgefallen, dass viele Tibeter sagen: "Tibet ist am Ende!"

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