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Das Geheimnis des Drachen

China wird in wenigen Jahren die wirtschaftlich erfolgreichste Nation der Welt sein. Auf die Suche nach der entscheidenden Erfolgsformel im Neuen Reich der Mitte.

Dürre Arbeiter in blauen Mao-Anzügen, überall Fahrrad-Geklimper, viele Analphabeten - so erlebte ich China bei meinem ersten Besuch vor 25 Jahren. Damals war sich die westliche Welt einig: China ist ein Entwicklungsland ohne große Aufstiegschancen.

Noch heute sehen viele Europäer auf China herab. Und benützen das Land als verlängerte Billig-Werkbank. Allerdings: Laut einer repräsentativen Umfrage des renommierten Pew-Research-Center fürchten sich 70 Prozent der Europäer vor China.

Wie passt herabsehen, benützen und fürchten zusammen? Wovor fürchten wir uns? Vor der Größe Chinas? Vor der Missachtung der Menschenrechte? Vor dem wirtschaftlichen Erfolg?

Aus der Geschichte wissen wir: Angst war noch nie ein guter Ratgeber, wenn es um eine Annäherung an das Fremde ging.

Also versuche ich es mit Neugierde. Und reise neuerlich nach Schanghai. Schon beim Anflug auf die 23-Millionen-Metropole am Jangtsekiang fallen mir die vielen gläsernen Wolkenkratzer auf. Ich recherchiere: In den letzten 25 Jahren wurden in Schanghai mehr Wohn- und Bankentürme gebaut als in New York in einem Jahrhundert. Der größte Containerhafen der Welt liegt heute nicht mehr in Rotterdam, Singapur oder Hongkong, sondern in "hinauf aufs Meer“, wie Schanghai wörtlich zu übersetzen ist. Fast 150 Jahre lang war die Londoner Underground die längste U-Bahn der Welt; mittlerweile muss sie sich nach der Metro Shanghai und der U-Bahn von Peking mit Platz drei begnügen. China hat bereits 2013 die Euro-Zone hinter sich gelassen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) datiert den Zeitpunkt, zu dem Chinas Wirtschaftsleistung die der USA übersteigen wird, auf das Jahr 2016. Dann also wird China die mächtigste Wirtschaftsnation der Welt sein.

Und wo ist das Geheimnis?

Was ist das Geheimnis dieses fulminanten, wirtschaftlichen Erfolges?

Von dem China-Experten und Sachbuchautor Frank Sieren weiß ich: Es soll einen China-Code geben, der auf einer kulturellen Eigenart der Chinesen beruht - nämlich dem Wir-Gefühl. Wenn dem so ist, warum wurde dieser Code nicht schon von anderen Ländern kopiert? Und überhaupt - Wir-Gefühl? Ich sitze mitten in Schanghai in einem Taxi, der Fahrer rast über eine rote Fußgängerampel, drängt hupend eine Mutter mit Kinderwagen zurück auf den Gehsteig. Vorrangschilder und Zebrastreifen interessieren hier niemand, um jeden Zentimeter wird gekämpft, es gilt das Gesetz des Stärkeren.

Kaum aus dem Taxi, schreit mir von allen Seiten Neonreklame entgegen. Parfüms, Autos, Kleidung. Vor riesigen Shopping-Malls voller Luxusläden stehen Straßenhändler mit Billigkopien von Smartphones, Uhren und Turnschuhen. Es wird geworben, gehandelt, gefeilscht. Turbokapitalismus pur. Wo bitte versteckt sich das Wir-Gefühl?

In einem dieser Einkaufspaläste treffe ich einen Wir-Gefühl-Experten: Pfarrer Michael Bauer (44) betreut seit fast 10 Jahren die katholische Gemeinde von Schanghai. Der hagere, groß gewachsene Mann hält mir seine Visitenkarte entgegen. Mit beiden Händen, wie es auch die Chinesen tun. Ein Höflichkeits-Ritual. Später finde ich den historischen Hintergrund heraus: Wer beide Hände an der Karte hat, kann nicht zuschlagen.

Was hat ihn bewogen, nach China zu gehen? Bei seinem ersten Kontakt mit dem Land ist er auf den Satz eines katholischen Mönchs gestoßen, der um 1710 versucht hatte, in Schanghai eine Missionsstation aufzubauen - bis der Mönch selbst ins Zweifeln geriet: "Warum eigentlich sind wir so sicher, im Besitz der überlegenen Kultur zu sein, obwohl unsere nicht annähernd so alt ist wie die chinesische?“ Der Satz stimmt auch mich nachdenklich.

Einen ersten zielführenden Hinweis zu Chinas Erfolgsformel gibt mir der in Schanghai lebende China-Experte Prof. Dr. Markus Hernig, der mit einer Chinesin verheiratet ist: "Man muss sich die Sprache genauer ansehen! Chinesen sagen nur halb so oft "ich“ wie Europäer. Aus der konfuzianische Tradition heraus sind die Familie und die Gemeinde wichtiger als das Individuum.“

Tatsächlich unterstützt die chinesische Regierung das Wir-Gefühl mit Milliardensummen. Sie fördert Großprojekte, die den Selbstwert der Nation heben sollen: Wir haben den leistungsstärksten Computer der Welt, das größte ICE-Netz, die meisten IT-Studenten.

"Wenn kreative, begabte Menschen in China den Duft der Freiheit spüren wollen, müssen sie Unternehmer werden“, hält Dr. Wilfried Eckstein entgegen, der mehrere Jahre das deutsche Goethe-Institut in Schanghai geleitet hat. Erklärt also das Verlangen nach Freiheit den rasanten Anstieg von erfolgreichen, chinesischen Unternehmen?

Die hohe Schule der Kopie

"Kreative Meisterschaft entwickeln viele Chinesen vor allem beim Abkupfern“, kontert die Schweizer Unternehmensberaterin Susanne Sahli, die zwischen Hongkong und Schanghai pendelt und chinesische Firmen berät. "Das hat Tradition, denn viele chinesische Philosophen haben das Kopieren zur hohen Schule erklärt: Jede Kopie ist ein Kompliment an den geistigen Eigentümer.“

Was westlichen Patentinhabern weniger gefällt. Doch die Mehrzahl der Chinesen sind auch ungeheuer fleißig, nahezu alle in China tätigen europäischen Unternehmer bestätigen das.

Pastor Peter Kruse, der seit Jahren die evangelische Gemeinde in Schanghai betreut, rückt einen völlig anderen Aspekt in den Fokus: "Der rasante Aufstieg Chinas hat mit der Religion zu tun. Bei vielen Chinesen ist Buddha für den Geist zuständig, der Daoismus für den Körper, Konfuzius für die Gesellschaft. Gut ist, was gerade hilft. Viele Chinesen sind spirituell optimal aufgestellt!“

Nur ein Philosoph existiert seit fast zweieinhalbtausend Jahren, der von nahezu allen Chinesen wie ein Religionsführer verehrt wird: Konfuzius.

Insbesondere seine Lehren von der Harmonie erfreuen sich bis heute größter Beliebtheit. "Du sollst nicht lügen“, heißt es in der Bibel. Konfuzius aber kontert: "Die Wahrheit ist ein tödliches Schwert.“ Andere Menschen nicht zu verletzen hat für ihn eine höhere Priorität als die nackte Wahrheit. Deshalb gibt es im Chinesischen sechs Arten "Ja“ zu sagen. Aber keine für "Nein“. Optimalerweise soll der Kritisierte durch subtil vermittelte Hinweise selbst erkennen, was für einen Unsinn er gesagt oder getan hat.

Zurückstellung des Egos

Peu à peu zeichnen sich Indizien ab, die wesentliche Bestandteile einer Formel für Chinas wirtschaftlichen Erfolg darstellen könnten: Der Fleiß der Menschen; unterdrückte Kreativität, die sich im Unternehmertum entfaltet; das Zurückstellen des Egos und des Wortes "Ich“; das staatlich verordnete Wir-Gefühl; die konfuzianische Priorisierung der Harmonie gegenüber der nackten Wahrheit; die ungebändigte Lust, am Aufstieg des Landes teilzuhaben; die Freude am Lernen und Kopieren; der pragmatische Umgang mit Religionen.

Apropos Kopieren. Vielleicht sollten wir den Spieß einmal umdrehen und aus den Ingredienzien einer möglichen Erfolgsformel das eine oder andere stibitzen. Auch darüber hat Konfuzius schon nachgedacht - es gibt nämlich drei Arten zu lernen: 1. Durch Nachdenken, das ist die edelste. 2. Durch Nachahmung, das ist die leichteste. 3. Durch Erfahrung, das ist die bitterste.

Als ich zurückfliege, sitzt neben mir eine chinesische Dame. Sie schenkt mir ein Lächeln und kauft in Europa Firmenanteile für ihren Investmentkonzern. Von ihr höre ich: "Viele Europäer empfinden Chinas Aufstieg als Krise.“ Doch im Chinesischen hat das Wort Krise noch eine zweite, ganz andere Bedeutung: Chance.

Die chinesische Dame

Ein Roman über Lügen, die verletzen, und Wahrheiten, die töten.

Von G. Rekel, Styria Premium 2013.

256 Seiten, Hardcover, e 19,99

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