Papsttreu, aber nicht vom Papst ernannt

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Entgegen westlichen Presseberichten lebt die chinesische Kirche. Aber ganz anders, als hierzulande vermutet wird.

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Entgegen westlichen Presseberichten lebt die chinesische Kirche. Aber ganz anders, als hierzulande vermutet wird.

Das China Mao Zedongs und der blauen Ameisen ist Geschichte. Auch die Ereignisse am Platz des Himmlischen Friedens sind Vergangenheit. Im September 1998 hat China den Entschluß bekanntgegeben, der Menschenrechtskonvention beizutreten. Vergangenheit ist de facto auch der Staatsmarxismus. Das heutige China hat seinen Blick nach Nordamerika gerichtet, in die USA und nach Kanada. Die freie Wirtschaft und der Erfolg des Tüchtigen gelten als die neuen Ideale. Aber auch die Religion ist wieder geachtet und erfreut sich eines interessierten Wohlwollens von seiten des Staates.

Eine Delegationsreise der Universität Salzburg zu Partneruniversitäten in China gab dem Verfasser als Mitglied der Theologischen Fakultät am Rande des Besuchsprogramms auch Gelegenheit, Kontakt zu Vertretern der Kirche zu suchen. Stationen der Reise waren die Hauptstadt Beijin (Peking), die alte Kaiserresidenz Xi'an, das boomende Wirtschaftszentrum Shanghai und die eben erst an China zurückgefallene ehemalige britische Kronkolonie Hongkong.

An der Pekinger Akademie für Sozialwissenschaften besteht im Rahmen des Forschungsinstitutes für Weltreligionen eine Abteilung zur Erforschung des Christentums. An der Peking-Universität wurde erst 1996 aus dem "Department of Philosophy" ein "Department of Religious Studies" ausgegliedert. Unterabteilungen sind der allgemeinen Religionswissenschaft, dem Buddhismus, dem Taoismus und dem Christentum gewidmet. Zwei Professoren für die letztgenannten Bereiche, die an der katholischen Universität Löwen in Belgien promoviert sind - beide nach eigener Aussage Nicht- oder Noch-nicht-Christen - schätzen den Anteil der Christen an der chinesischen Bevölkerung bereits auf mindestens 10%.

Obwohl der katholische Bischof von Peking, Fu Tieshan, bei einem Treffen in der österreichischen Botschaft über eine solche Zahl nur lachen kann, berichtet auch er, daß die Kirche wächst. In Peking zählt er für die Katholische Kirche 600 Erwachsenentaufen pro Jahr, in ganz China 6.000. Er schätzt insgesamt etwa 5 Millionen Katholiken und 10 Millionen Protestanten. Das wären von einer Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden gerade etwas mehr als 1%. Die Diskrepanz der Zahlen erklärt sich vielleicht daraus, daß die Organisiertheit von Religion den Chinesen fremd ist. Buddhist ist man als gelegentlicher Besucher des Tempels. Konfuzianismus und Taoismus sind als Religionen tot. Das Christentum ist dagegen als Weltanschauung des Westens attraktiv und für Gebildete interessant, ohne daß man deshalb schon einer Kirche beitreten würde.

Daß man hierzulande über die katholische Kirche in China wenig oder nichts weiß, ist kein Zufall. Sie gilt kirchlichen Medien als schismatische, von Rom getrennte Staatskirche, die außerhalb ihres Horizontes liegt. Berichtet wird nur von gelegentlichen Verfolgungen der "romtreuen Untergrundkirche" durch den chinesischen Staat. Opfer dieser einseitigen Berichterstattung sind die chinesischen Katholiken, denen die Solidarität der katholischen Weltkirche vorenthalten bleibt.

Bischöfe halb anerkannt Tatsache ist, daß zwischen der Volksrepublik China und dem Vatikan bis heute keine diplomatischen Beziehungen bestehen (sie bestehen zu Taiwan), und daß der chinesische Staat eine Ernennung von Bischöfe durch den Vatikan als einer ausländischen Instanz prinzipiell nicht zuläßt. Fast alle heute im Amt befindlichen Bischöfe wurden bereits ohne Mitwirkung Roms in China gewählt und geweiht. Etwa zwei Drittel dieser Bischöfe sind aber vom Papst nachträglich durch die Übersendung eines Ringes persönlich und inoffiziell im Amt bestätigt worden. Ob ein Bischof um diese Bestätigung nachsuchen kann, hängt von den politischen Implikationen ab. Sofern daraus keine Rechtsfrage gemacht wird, scheint der Staat diese Vorgangsweise zu dulden. Vermutlich sieht man darin auch ein Modell für eine zukünftige Normalisierung. Der heute noch aktuelle Konflikt reduziert sich daher auf eine Neuauflage des mittelalterlichen Investiturstreites. Der Vatikan macht die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vom Nachgeben Chinas in der Frage der Bischofsernennungen abhängig. Gerade dies scheint aber das Selbstbewußtsein der Chinesen nicht zuzulassen.

Von allen Gesprächspartnern wurde mir versichert, daß es nur eine einzige chinesische Kirche gibt, die selbstverständlich mit dem Papst in Gemeinschaft steht. In kirchlichen Räumen hängt das Bild des Papstes. In der Liturgie gibt es keinen Unterschied zur Meßgestaltung bei uns: Volksaltar, aktuelle Meßbücher und Gottesdienst in chinesischer Sprache, Volksgesang, Ministrantinnen am Altar, Frauen tragen die Lesung vor, Handkommunion. In der Frage der Bischofsbestellungen ist man mit dem Status quo zufrieden.

Was die Untergrundkirche betrifft, so habe ich bei Leuten der offiziellen Kirche großes Verständnis dafür gefunden, daß Priester und Bischöfe, die vor der Öffnung Chinas oft viele Jahre eingekerkert waren, sich mit dem kommunistischen Staat nicht abfinden können. Daß dieser umgekehrt die Aktivitäten der staatsfeindlichen Untergrundkirche zu unterbinden sucht, kann nicht verwundern. Hier ist es gerade in letzter Zeit wieder zu schikanösen Maßnahmen gekommen. So wurde ein Marienwallfahrtsort in der Provinz Hebei bei Peking geschlossen und der Besuch illegaler Gottesdienste mit hohen Strafen belegt. Die Anhängerschaft variiert zwischen Null (Xi'an), einem Fünftel (Shanghai) und einem Drittel (Peking) der Gläubigen, ein Potential, das jedenfalls groß genug ist, um dem Staat gefährlich zu erscheinen und dem Vatikan als Faustpfand im chinesischen Investiturstreit zu dienen.

Da der Vatikan den chinesischen Episkopat, den er ja größtenteils anerkannt hat, aber auch den der Untergrundkirche, offiziell ignoriert - im Annuario Pontificio (dem Päpstlichen Jahrbuch, in dem alle Bischöfe und Diözesen der Welt verzeichnet sind) werden die chinesischen Bistümer als vakant geführt: Das heißt nichts anderes, als daß die chinesische Kirche für die westliche Öffentlichkeit nicht existent ist. Angesichts der jüngsten gigantischen Flutkatastrophe in China gab es denn auch durch die Caritas oder Aktionen wie Misereor oder Bruder in Not keine Hilfe, und die chinesische katholische Kirche ist in der traurigen Lage, daß sie anders als protestantische und buddhistische Hilfsorganisationen kaum über Mittel verfügt, den Menschen in ihrer Not beizustehen.

Dabei hat diese Kirche beachtliches vorzuweisen: Die Kirche verfügt in 115 Bistümern über etwa 5.000 Kirchen, 17 "kleine" Seminare und 12 Priesterseminare mit insgesamt 1.700 Schülern und Theologiestudenten. 100 Theologiestudenten studieren im westlichen Ausland. Seit dem Ende der Kulturrevolution 1979 wurden bereits 1.000 Priester geweiht. In 40 Frauenkonventen wirken 3.000 Schwestern. Trotz ihrer Autonomie macht sich die Kirche die Ergänzung des Episkopates nicht leicht. 35 Bistümer sind vakant, weil Kandidaten im vom Kirchenrecht geforderten Alter von 35 Jahren noch nicht zur Verfügung stehen. Von den amtierenden 70 Bischöfen sind 30 bereits über 80 Jahre alt und nur fünf unter 70.

Bischof Fu Tieshan von Peking, dem ich diese Informationen danke - sie wurden mir später mehrfach bestätigt -, wird als Seelsorger gelobt. Als Bischof der Hauptstadt ist er aber auch ein Mann des Staates: Mitglied des Nationalen Volkskongresses und seines ständigen Ausschusses, Mitglied des Parlamentsausschusses für Erziehung, Kultur und öffentliche Gesundheit sowie in leitender Funktion in drei staatlichen Organisationen für internationale Beziehungen. Als ich ihn nochmals in seiner Residenz bei der Pekinger Südkirche aufsuchen wollte, war ich von der Ärmlichkeit so betroffen, daß ich den Besuch unterließ. Die Kirche selbst ist liebvoll gepflegt und auch außerhalb des Gottesdienstes von Beterinnen belebt.

Jesuit lehrt in 2 Chinas In apostolischer Armut lebt auch der sowohl vom Staat als auch vom Vatikan anerkannte Bischof Li Du'an von Xi'an. Lange vor und nach der Mittagsmesse steht seine bescheidene Kanzlei für das Gespräch mit den Gläubigen offen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Daneben ißt er seinen Eintopf und organisiert meinen Besuch im Priesterseminar außerhalb der Stadt. Das Seminar mit 122 Theologiestudenten ist ganz neu, das Gelingen seiner Errichtung "ein Wunder". Ich treffe dort den Innsbrucker Jesuiten, Professor Lois Gutheinz, der ganz offiziell in den Seminaren sowohl in Taipeh (!) als auch in Shanghai und Xi'an Dogmatik lehrt. Das Einzugsgebiet des Seminars, die Provinz Chang Xi, zählt 240.000 Katholiken in 20 Pfarren mit etwa 30 Kirchen. Sie werden zur Zeit von 180 Priestern betreut - Tendenz aufgrund der Zahl der Seminaristen steigend. Außerdem wirken in der Provinz 500 geistliche Schwestern Diakon Joseph Ma Kangkai bringt mich zu der berühmten Inschrifttafel aus dem neunten Jahrhundert mit einem Abriß der frühesten Kirchengeschichte Chinas. Danach besuchen wir die Nordkirche von Xi'an, einen mehrgeschoßigen Neubau: im Mittelgeschoß die eigentliche Kirche, zur Abendmesse voll bis auf den letzten Platz, darunter und darüber Wohn-, Gruppen- und Verwaltungsräume.

China und Hongkong In der neugotischen Bischofsresidenz in Shanghai trifft sich eine Jugendgruppe nach der Abendmesse. Bischof Alois Jin Luxian hält sich gerade in seinem Bildungshaus auf, 100 km von Shanghai entfernt. Er hat in Innsbruck studiert und war der Sprachlehrer der Kinder des Staatspräsidenten Jang Zemin. In seinem Priesterseminar studieren zur Zeit 170 Theologen. Im Herbst werden 8 Diakone zu Priestern geweiht. Für eine Stadt von 14 Millionen Einwohnern erscheint dies wenig, für eine Gemeinde von 160.000 Katholiken, gemessen an österreichischen Verhältnissen, außerordentlich viel. Die Untergrundkirche schätzt mein Gesprächspartner Professor Chen auf nochmals ein zusätzliches Fünftel der Gläubigen.

Ganz anders als in Festlandchina ist die Situation in Hongkong. Die für 50 Jahre zugesicherte eigenständige Verwaltung erstreckt sich auch auf die Kirche. Zwar steht der nächste Bischof von Hongkong in der Person des Generalvikars und Koadjutors Joseph Zen schon fest, aber kann auch von Rom frei ernannt werden. Die in englischer Sprache und auf hohem Niveau redigierte Kirchenzeitung berichtet kritisch über das Verhältnis zwischen der chinesischen Regierung und dem Vatikan und dokumentiert auch die Aktivitäten der Untergrundkirche. Trotzdem wird das Blatt auch in Festlandchina bezogen.

Die chinesische Religionspolitik stammt aus der Mao-Ära und war darauf angelegt, das Absterben der Religionen durch ihre Isolierung vom Ausland zu beschleunigen. Diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Die Kirche lebt. Und diese Kirche braucht Solidarität der Weltkirche. Was in der Kirche weltweit gewünscht wird, die Wahl der Bischöfe im eigenen Land, ist hier per nefas staatlich verordnete Wirklichkeit. Wir sollten unsere Schwestern und Brüder im Glauben gerade dafür nicht bestrafen.

Der Autor ist Professor für Patrologie und Alte Kirchengeschichte an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Salzburg.

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