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Religiöser Wiederaufbau?

Mit der Abhaltung einer neuntägigen Synode - der ersten seit 18 Jahren -, der Bildung eines „Selbstverwaltungsrates” aus Geistlichen und Laien und der Wahl ihres neuen Oberhauptes ist die seit 1957 von Rom getrennte und unter staatlicher Kontrolle stehende „Patriotische? katholische Kirche in der Volksrepublik China formal wieder zu den Verhältnissen zurückgekehrt, die bis zur Entfesselung der „Kulturrevolution'1 bestanden hatten.

Die Hierarchie ist wiederhergestellt, der neue Primas, der 63jährige bisherige Bischof von Tsinan in der Provinz Schantung, Zong Huaide, wurde am 1. Juni unter Teilnahme von rund 700 Gläubigen in der Pekinger Südkirche (Nantang) feierlich inthronisiert. Das 33 Mitglieder umfassende Bischofskollegium unter Vorsitz des Schanghaier Oberhirten Aloysius Zhang Jiashu fungiert wieder als Leitungsorgan und oberste Lehrinstanz dieser Nationalkirche, die demnächst auch ein theologisches Institut erhalten wird.

An der Synode nahmen über 200 Bischöfe, Priester, Nonnen und Laienvertreter teil, die nach dem Ansturm der Roten Garden und der Schließung oder Zerstörung der Kirchen vor 14 Jahren viel Schlimmes erlebt und untereinander keinen Kontakt mehr gehabt hatten.

„ Werkzeug der Aggression”

Für einige unter ihnen öffneten sich erst vor kurzem die Tore der Gefängnisse und Arbeitslager, andere wieder sind seit Jahren in profanen Berufen tätig und arbeiten als Gärtner, Verkäufer, Chauffeure, Ärzte oder Ubersetzer (wie der Bischof von Hanyang, Tu Shi-hua, der seit zwei Jahren Abgeordneter zum Nationalen Volkskongreß ist). Heute fühlen sie sich nach den Worten des neuen Erzbischofs Zong endgültig von dem Odium befreit, hinter dem Schleier des religiösen Apostolats „Werkzeug der imperialistischen Aggression” gewesen zu sein.

Zum Abschluß ihrer Tagung wurden die Repräsentanten der „patriotischen” Katholiken im Namen der Kommunistischen Partei von Politbüromitglied Ulanhu aufgefordert, ihren Beitrag zur „Modernisierung des Vaterlandes” als eine der nichtpolitischen Organisationen innerhalb der volksdemokratischen Einheitsfront zu leisten (ebenso wie die Buddhistische, die Islamische und die erst vor wenigen Wochen zu neuem Leben erweckte Taoisti-sche Vereinigung).

Nach einem Bericht des Parteiorgans „Volkszeitung” verpflichteten sie sich, die „Unabhängigkeit” der Kirche zu verteidigen und „entschlossen gegen die reaktionären Einflüsse aus dem Ausland und die illegalen Aktivitäten einer kleinen Minderheit schlechter Menschen unter dem Deckmantel der Religion vorzugehen”.

Dieser Passus, den die amtlicheNach-richtenagentur „Neues China” in der englischen Fassung ihrer Meldung über die Beschlüsse der Synode diskret entfallen ließ, ist der erste indirekte Hinweis auf die Existenz einer katholischen Opposition gegen den regimetreuen Klerus. Der französische Kardinal Roger Etchegaray vertrat nach seiner China-Reise im März dieses Jahres sogar die Ansicht, die offizielle Kirche stelle nur eine Minderheit innerhalb der katholischen Glaubensgemeinschaft Chinas dar.

Zurückhaltender äußerte sich Kardinal König, der unmittelbar nach Etchegaray in die Volksrepublik aufgebrochen war. Er wolle an der Ehrlichkeit des derzeit unter staatlicher Aufsicht durchgeführten „religiösen Wiederaufbaues” nicht zweifeln, sagte der Wiener Erzbischof nach seiner Rückkehr aus Peking.

Seine „patriotischen” Gesprächspartner - unter ihnen der letzte noch mit Zustimmung des Heiligen Stuhls konsekrierte und im Päpstlichen Jahrbuch verzeichnete Bischof Franciscus Wang Xueming von Huhehot in der Inneren Mongolei - hätten auf ihn den Eindruck gemacht, daß sie „Katholiken sind und sein wollen”.

Keinem der beiden Kardinäle war es möglich, sich ein Bild von der wirklichen Lage zu machen. Uber das kirchliche Leben konnte man nur bezüglich der Diözese Peking mit Zahlen aufwarten (rund 3000 Gläubige, wobei zu berücksichtigen ist, daß es keine Kindertaufen mehr gibt). Gelegenheit zu Kontakten mit vatikantreuen Gläubigen hatten die Oberhirten aus Frankreich und Österreich nicht.

Von einer „schweigenden und unsichtbaren” Kirche, die dem Papst treu ergeben ist, spricht der chinesische Priester und Historiker Louis Wei Tsing-sing, der sich im Vorjahr auf Einladung offizieller Stellen drei Monate in China aufhielt.

Lebendes Symbol des Widerstandes gegen die „ Reformbewegung der drei Autonomien” („Selbsterhaltung, Selbstverwaltung, Selbstverbreitung”), die der Gründung der Patriotischen katholischen Vereinigung vorausgegangen war, ist der wegen seiner bedingungslosen Treue zu Rom seit einem Vierteljahrhundert in Schanghai eingekerkerte 79jähr. Bischof Ignatius Kong Pinmei. Er wurde 1955 verhaftet und fünf Jahre später als „imperialistischer Agent und hartnäckiges Rechtselement” zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Meldungen über seine Freilassung haben sich nicht bewahrheitet.

Der Grundsatz der „drei Autonomien”, der faktisch auf Nichtanerkennung der Jurisdiktion des Heiligen Stuhls trotz formeller Unterordnung unter seine Autorität hinauslief, wurde von Pius XII. in seinem apostolischen Rundbrief „Ad Sinarum Gentem” (Oktober 1954) verurteilt. In seiner letzten Enzyklika „Ad Apostolorum Principes” wandte sich der Papst 1958 gegen die eigenmächtigen Bischofsweihen.

Der vom Regime aus dem Gefängnis geholte und an die Spitze der Patriotischen Vereinigung gestellte Erzbischof von Mukden, Ignatius Pi Shushi, hatte zwar den Vatikan telegraphisch um Approbation der ersten „autonomen Bischofswahlen” ersucht, nach der erfolgten Ablehnung und der den Konse-kratoren und Konsekrierten angedrohten Exkommunikation die Weihen jedoch vorgenommen.

Abgeschwächter Druck

Vor der Kulturrevolution zählte man über 40 solcher Bischofsweihen. Ende vergangenen Jahres wurde in der Person des zum neuen Pekinger Oberhirten „gewählten” Priesters Michael Fu Tieshan erstmals wieder ein Bischof konsekriert. Die Reaktion des Heiligen Stuhls war, obwohl das Wort Schisma nicht mehr gebraucht wird, unmißverständlich negativ.

Eine zufriedenstellende Beantwortung der Frage nach der Zukunft des katholischen Lebens, das in China immer eine Außenseiterrolle gespielt hat, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Hatte man befürchtet, die Kulturrevolution würde das Ende der Kirche in China bedeuten, so steht heute zumindest fest, daß in den großen . Städten Kirchenbesuch und Sakramentenempfang offiziell sichergestellt sind, sieht man von dem etwas abgeschwächten Druck einer permanenten atheistischen Propaganda ab.

(Der Autor war von 1973 bis 1975 als österreichischer Austauschstudent an der Universität Peking und arbeitet derzeit als Nachrichtenjournalist)

Auch er fürchtet bereits um seine Wiederwahl: Ministerpräsident Menachem Begin.

Foto: Israel Sun

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