7090095-1994_26_05.jpg
Digital In Arbeit

Der rote Kapitalismus sprengt die Große Mauer

19451960198020002020

Chinas Weg der „sozialistischen Marktwirtschaft" fordert massive menschliche, soziale und ökologische Opfer.

19451960198020002020

Chinas Weg der „sozialistischen Marktwirtschaft" fordert massive menschliche, soziale und ökologische Opfer.

Was viele Beobachter so schnell nicht für möglich gehalten haben, ist längst Realität geworden: China ist wieder voll im Geschäft. Dabei hat es nach dem Massaker auf dem, „Platz des Himmlischen Friedens" vor fünf Jahren so ausgesehen, also seien ausländische Konzerne, Manager und Geldgeber für lange Zeit abgeschreckt. Schockierend brutal schlug das Regime in Peking die studentische Demokratiebewegung nieder, bei der via Fernsehen die ganze Welt Zeuge wurde.

Aber Schrecken und Betroffenheit dauerten nicht allzu lange. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde für Ministerpräsident Li Peng, dem „Schlächter vom Tiananmen", in Europas Metropolen schon wieder der rote Teppich ausgerollt. Diese Woche wird er von Bundeskanzler Franz Vranitzky empfangen (siehe Seite 1), danach stehen Bonn und Bukarest auf dem Programm.

Die westliche Politik drückt ein Auge zu und sieht daher nur das, was auch der Wirtschaft seit geraumer Zeit ins Auge sticht: Die Chinesen erleben einen Boom, das „Wunder" einer ungestümen Wirtschaftsentwicklung, Ergebnis eines waghalsigen Experimentes namens „sozialistische Marktwirtschaft", mit dessen Hilfe das Land prosperiert. Unübersehbar ist das „Reich der Mitte" zum Hoffnungsgebiet für das 21. Jahrhundert geworden.

Vor 15 Jahren, schon unter dem großen alten Mann Deng Xiaoping, begann die kommunistische Führung das Wirtschaftssystem des Landes zu reformieren. Die ländlichen Volkskommunen wurden aufgelöst und durch Millionen kleiner privater Familienbetriebe ersetzt. Die Versorgung des großen Landes klappt seither deutlich besser. Außerdem wurden kleine „Inseln", Sonderwirtschaftszonen, im Süden des Landes eingerichtet. Sie agierten als die „roten Retorten", in denen der Kapitalismus erprobt und die Tore für ausländische Investitionen aufgestoßen werden durften.

Die einseitige Bevorzugung der Bauern nahm aber den Städtern jegliche Lebensperspektive für ihr tristes Dasein. Die daraus resultierende soziale Spannung, eine stockende Beform, Korruption und die aufmüpfigen Studenten ergaben dann 1989 den Sprengstoff für die Unruhen, für die stellvertretend die Ereignisse am „Platz des Himmlischen Friedens" stehen. Wobei meist vergessen wird, daß nicht nur Studenten, sondern auch das einfache Volk in Scharen auf die Straßen strömte.

Chinas Führung hat aus diesen Ereignissen trotzdem gelernt. Sie kann sich nur an der Macht halten, wenn sie einer größeren Schicht ihres 1,2 Milliarden-Volkes Wohlstand gönnt. Dazu kreierte sie die „sozialistische Marktwirtschaft". Gefragt sind „neue Menschen" mit Eigeninitiative, individuelle Leistung und Privatsphäre. „Werdet reich!" lautet die neue Parole der Partei. Eines ist dabei aber klar: am Ein-Partei-System wird nicht gerüttelt. Die KP allein wird weiterhin den Kurs steuern.

Viele Chinesen machen bei diesem Experiment begeistert mit. Der inzwischen ausufernde Kapitalismus zeigt aber auch sein unmenschliches Gesicht: Millionen schuften unter frühkapitalistischen Bedingungen,

200 Millionen Menschen sind Analphabeten, etwa 100 Millionen auf der Suche nach Arbeit. Selbst die Akademie der Sozialwissenschaften Chinas spricht von 20 Millionen, „die im Elend leben".

Dazu kommt eine gigantische Landflucht. 50 Milionen Bauern, so war kürzlich zu lesen, haben allein 1993 ihr Land verlassen, um in den südlichen Städten etwas von den „Segnungen" der neuen Entwicklung zu erhaschen. Der Lebensraum dort erinnert schon an Metropolen wie Hongkong oder Manhattan.

Dazu kommen politische Spannungen: Die reichen südchinesischen Provinzen wollen mehr Unabhängigkeit. Sie haben es satt, brav ihre Einnahmen an das „gefräßige" Beamtenzentrum in Peking abzuführen. Die ungestüme Wirtschaftsentwicklung führt außerdem zu einer gewaltigen Umweltbelastung. Gnadenloser Fortschritt geht mit hemmungsloser Zerstörung einher. Der Jangtse, mit 8.800 Kilometern längster Fluß Chinas, ist großteils vergiftet. Der Müll wird einfach in die Natur gekippt, der Boden verätzt, oder er muß sukzessive modernen Fabriken weichen. Dazu kommt eine gigantische Luftverschmutzung, vor allem durch die Verfeüe-rung stark schwefelhaltiger Kohle.

Auch jetzt hat die chinesische Regierung wieder alle Hände voll zu tun, um im unruhigen Land für Stabilität zu sorgen. China dürfte vor einer ähnlich problematischen Situation wie vor den Protesten 1989 stehen. Wieder heizen galoppierende Inflation, grassierende Korruption und soziale Spannungen die Stimmung im Land an. Um die Inflation zu entschärfen, hat Peking erst kürzlich beispielsweise wieder landesweit strenge Preiskontrollen bei wichtigen Lebensmitteln verordnet.

Viel ist davon die Rede, daß nur mehr der letzte Tropfen fehlt, um das Faß zum Überlaufen zu bringen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau