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"China wird seine Banken retten müssen"

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Lange suchte die globalisierte Wirtschaft ihr Heil (Wachstum) im sicheren Aufschwung der chinesischen Wirtschaft. Doch nun trübt sich die Konjunktur in China ein und gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Wirtschaftsexperte Ho-Fung Hung ist skeptisch.

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Lange suchte die globalisierte Wirtschaft ihr Heil (Wachstum) im sicheren Aufschwung der chinesischen Wirtschaft. Doch nun trübt sich die Konjunktur in China ein und gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Wirtschaftsexperte Ho-Fung Hung ist skeptisch.

Wie wird sich China entwickeln? Wird es zum Handelskrieg mit den USA kommen, und wie soll sich Peking gegenüber Nordkorea verhalten? Ho-Fung Hung, 44, von der Johns Hopkins University in Baltimore ist Autor des Buches "The China Boom. Why China will not rule the world". Er war auf Einladung des Zentrums für Internationalen Dialog VIDC in Wien.

DIE FURCHE: Südkorea, Taiwan, Singapur, China. Alle diese Länder haben unter autoritären Regimen den Wirtschaftsaufschwung geschafft. Ist ein autoritärer Staat Voraussetzung für Wachstum?

Ho-Fung Hung: Ich würde sagen: ein starker Staat, nicht notwendig ein autoritärer. Sowohl Südkorea als auch Taiwan haben sich ja wirtschaftlich auch nach der Demokratisierung gut entwickelt.

DIE FURCHE: Wäre Chinas Aufstieg als Demokratie denkbar?

Hung: Schwer zu sagen. Indien ist eine Demokratie und hat in jüngster Zeit höhere Wachstumsraten als China. In den 1990er-Jahren verglich man diese beiden Länder oft und sagte, Indien wächst weniger schnell, weil es so chaotisch ist. Aber jetzt holt Indien auf. Premier Modi ist zwar auch ziemlich autokratisch, doch es gibt Wahlen und eine freie Presse.

DIE FURCHE: China könnte sich doch auch dahin entwickeln?

Hung: Viele Leute hoffen das, aber ich bin weniger optimistisch. Die Kommunistische Partei und die Armee sind die einzigen organisierten Institutionen. Selbst wenn China den Pfad der Demokratie beschreiten wollte, so wäre das ein langer Weg. Zuletzt ist der Staat sogar in die Gegenrichtung marschiert und autokratischer geworden.

DIE FURCHE: Sollte doch eine Perestroika eingeleitet werden, wären die Folgen so verheerend wie in der Sowjetunion?

Hung: Ich bin sicher, wenn ein chinesischer Gorbatschow käme, würde das Land nicht zusammenbrechen. Als Hu Jintao 2002 antrat, sahen viele in ihm einen Gorbatschow. Und dasselbe passierte 2012 mit Xi Jinping. Aber beide waren autokratischer als ihre Vorgänger. Die Elite der KP weiß ihre Interessen gut zu schützen. In der Sowjetunion war die Perestroika ein Ausweg aus einer langen Stagnation. Aber die chinesische Führung sieht keine Notwendigkeit, mit Liberalisierungen zu experimentieren.

DIE FURCHE: China hat den Ruf, eine erfolgreiche Kopiermaschine zu sein und nach und nach eigene Technologien zu entwickeln. Ist das der richtige Weg?

Hung: Die chinesische Führung fordert mehr Innovation in der Wirtschaft. Aber selbst wenn die Wirtschaft Innovationen schafft, bleibt sie eine Kopiermaschine. Neue Technologien sind in anderen Ländern zur Reife gekommen. China hat Mobiltelefone und Solarpaneele kopiert, für den chinesischen Markt angepasst und produziert sie heute billiger. Nehmen wir Amazon, den größten Online-Versand der Welt aus den USA. Ali Baba ist die chinesische Version von Amazon mit zusätzlichen Funktionen. Dasselbe passiert auf dem Automobilsektor. Das ist der chinesische Weg. Deswegen gibt es viele Klagen und Prozesse wegen der Verletzung von Urheberrechten. Gleichzeitig ist China ein interessanter Markt und die chinesische Regierung reguliert den Zugang. Deswegen ziehen es viele Konzerne vor zu schweigen. Die chinesische Regierung weiß aber, dass das Wachstum nicht ewig auf Kopieren und Anpassen fußen kann.

DIE FURCHE: Es gibt Klagen über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Unternehmen wie Foxconn. Ist das auch in China Thema?

Hung: Tatsächlich haben viele Arbeiterinnen Selbstmord begangen, weil sie die Bedingungen nicht aushalten. Wir hören von Foxconn, weil dieses Unternehmen im Auftrag von Apple iPhones herstellt. Aber es gibt keine Veranlassung anzunehmen, dass es bei staatlichen chinesischen Firmen, die Handys produzieren, besser zugeht. DIE FURCHE: Können die Arbeiter immer noch etwas auf die Seite legen? Hung: Ja, es würde reichen, um zu Hause ein kleines Geschäft aufzubauen. Aber dort fehlt die Kaufkraft. Und in der Stadt sind die Ersparnisse wegen des höheren Preisniveaus viel weniger wert. Insgesamt machen die Ersparnisse der Haushalte einen sehr geringen Teil der Ersparnisse aus. Die Unternehmen und der Staat akkumulieren viel größere Reserven.

DIE FURCHE: Nordkorea hatte in den 1950er-Jahren eine vergleichbare Ausgangsposition wie China. Was haben die Kims falsch gemacht?

Hung: Die Industrialisierung in Nordkorea war ganz ähnlich wie im Nordosten Chinas: Die Region gehörte zum Japanischen Kaiserreich, das dort Schwerindustrie installierte. Als China seine Reformen in Gang setzte, kamen die Impulse aber aus den Südprovinzen, in räumlicher Nähe zu Hong Kong, Singapur und Taiwan. Dem industrialisierten Nordosten mit der staatseigenen Schwerindustrie geht es nicht gut, nicht viel besser als Nordkorea. Das Kim-Regime hatte vor einigen Jahren Sonderwirtschaftszonen zugelassen, wo südkoreanische und chinesische Unternehmer produzieren konnten. Aber die wurden wieder geschlossen, weil die Kims einen destabilisierenden Effekt fürchteten. Das war die falsche Entscheidung. China begann unter Deng Xiaoping mit Sonderwirtschaftszonen, die sich dann zu Knospen der wirtschaftlichen Transformation entwickelten. Das war nicht leicht durchzusetzen, denn die alte Garde der KP war dagegen. In Nordkorea wollte man nichts riskieren und hat verloren.

DIE FURCHE: Also ist die Isolation das Problem Nordkoreas?

Hung: Mangel an Mut, die Sonderwirtschaftszonen reifen zu lassen. Auch in China gab es eine Krise, als 1988/89 die Korruption ausuferte und alles außer Kontrolle zu geraten drohte. Aber die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen, und die Reform konnte voranschreiten. Das Kim-Regime war zu furchsam.

DIE FURCHE: Was bedeutet das verlangsamte Wirtschaftswachstum für China?

Hung: Das Wachstum ist ungleich gewesen und hat zu einer Polarisierung der Klassen geführt. Zwar haben auch die Ärmsten einen Wohlstandszuwachs erfahren, aber nicht mit der Geschwindigkeit wie die Reichen. Wenn sie sich mit den Reichen vergleichen, liegen sie weit zurück. Aber wenn sie ihre Eltern oder die Kindheit zum Maßstab nehmen, dann erkennen sie einen Aufstieg. Jetzt sind die Wachstumsraten mit 6,5 und 7 Prozent nur mehr halb so hoch, wie vor ein paar Jahren. Aber die große Herausforderung ist nicht die Wachstumsrate, sondern die Differenz zwischen Wachstum und Kreditrate. DIE FURCHE: Wie das?

Hung: China hängt stark vom Export ab. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die Märkte schwächer geworden. Deswegen hat China mehr Geld in Investitionen gesteckt. Staatliche Banken pumpen Kapital in Lokalregierungen und Staatsunternehmen, die Infrastruktur schaffen. Aber diese Projekte rechnen sich nicht so schnell. Das Ergebnis ist eine steigende Kreditquote, mit der das Wachstum nicht Schritt halten kann. 2017 nähert sich das Verhältnis den 300 Prozent. Irgendwer muss diese Kredite früher oder später bedienen. Japan ist in den 1990er-Jahren das gleiche passiert. China wird wahrscheinlich, wie damals Japan, die großen Banken retten müssen. Die Dynamik der Wirtschaft wird versanden und wir werden Zombie-Unternehmen haben.

DIE FURCHE: China war nie eine Kolonialmacht. Kann man die Investitionen in Afrika als Kolonialismus bezeichnen?

Hung: Vor zehn Jahren ging es um die Sicherung der Ressourcen. Damals explodierten die Rohstoffpreise und China wollte sich langfristig den Zugang sichern. So kam es auch zu den hohen Krediten an Venezuela, das in Form von Öl bezahlte. Jetzt sind die Rohstoffpreise gefallen, und bei der Präsenz Chinas in Afrika und Lateinamerika geht es nicht mehr nur um Ressourcen, sondern auch um ein Ventil für die Überkapazitäten. Investitionen zu Hause sind nicht so ertragreich, also sucht man sozusagen jungfräuliches Land in Übersee, wo Infrastruktur, Häfen, Containeranlagen und Ähnliches gebaut werden können. Im frühen 20. Jahrhundert taten die europäischen Mächte das Gleiche: sie exportierten ihre Überkapazitäten. Früher oder später werden diese Interessen in Übersee militärisch geschützt werden müssen. Da muss sich China etwas überlegen. Es gibt ja schon Proteste in Ländern wie Pakistan und Sri Lanka.

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