Wachablöse in der Weltwirtschaft

Die USA kämpfen verzweifelt um den Erhalt der US-Dominanz in der globalenWirtschaft. Doch China verfügt über die eindeutig besseren Karten.

Während alle anderen sich um den Platz vor den Mikrofonen und TV-Kameras stritten, der englische Premier Gordon Brown seine Botschaft eines "neuen Zeitalters" verkündete und der politische Optimismus sich in Wellenform über die globalen Informationsnetze verbreitete, da räumten drinnen im weiten Saal des Excel-Konferenzzentrums in London East End ein Grüpplein Diplomaten und Politiker ihre Plätze, zogen vorbei an den raumfüllenden G20-Gipfel-Plakaten mit der über dem Planeten Erde aufgehenden Sonne und entschwanden durch einen Hinterausgang des Zentrums. Die chinesische Delegation konnte auch ohne öffentliches Aufsehen zufrieden sein. Tags darauf hieß es in der China Post: "Die ganze Welt war Zeuge, als China den Vereinigten Staaten half, über die Jahrhundertkrise hinwegzukommen."

Tatsächlich übertraf der Gipfel die von Experten gesetzten Erwartungen - nämlich keine! - bei weitem. Tatsächlich rangen sich die Staaten zu einer einschneidenden Sanierung der Finanzmärkte durch, samt Schließung von Steueroasen und globalem Aufsichtsgremium durch den Internationalen Währungsfonds. Und tatsächlich machten dabei auch die Pekinger Abgesandten mit, die zuvor noch ein striktes Nein gegen die Kontrolle ihrer Finanzmärkte in Hongkong und Macao durch den IMF angekündigt hatten. Doch diesen Gefallen mussten sich die EU und Barack Obama einiges kosten lassen - und zwar beim umfassendsten Hilfspaket, das die globalisierte Wirtschaft nun wiederbeleben soll.

Tatsächlich ist der Anteil Chinas an diesem Eine-Billion-Dollar- Paket zur Rettung des Handels gering, zieht man in Betracht, dass China bereits die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist: 40 Milliarden Dollar wird China beisteuern. Im Gegenzug könnte das neue Welthandelspaket China überproportional zugute kommen. "30 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes hängen am Export", sagt Stephen Green von der auf Asien spezialisierten Standard Chartered Bank: "Wir glauben deshalb, dass China bedeutend von dem Handelspaket profitieren wird."

Basierend auf solchen Erwartungen und der nach wie vor darniederliegenden Konjunktur in Europa und den USA mehren sich die Reden über ein neues Weltsystem, dessen Lenker nicht mehr die USA sind. Warum? China ist das einzige Land unter den G20, das auch 2009 noch ein Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent erreichen wird. Die Erwartungen für die Europäischen Länder gehen Richtung minus fünf Prozent. Die Führung unter Präsident Hu Jintao nützt diesen Vorteil geschickt. Sie hat ihr Milliarden-Krisenbekämpfungsprogramm in noch laufender Hochkonjunktur auf den Weg gebracht mit dem Effekt, dass die chinesische Wirtschaft nach einer kurzen Schockwelle wieder ansprang. Chinas Banken präsentieren sich in der tiefsten Krise als vergleichsweise erfolgreich. War 2006 nicht eine einzige von ihnen unter den Top 20 Banken, so sind es nun schon drei, während die USA in diesem Vergleich von sieben auf drei Banken fielen. Zeitgleich zu den chinesischen Konjunkturdaten, von der Financial Times als "Hoffnungsschimmer" gefeiert, veröffentlichten die USA ihre Billionen-Krisenpläne, was einen Aufwärtstrend an den Börsen nach sich zog.

Chinas Chance in der Krise

Sicherlich profitieren die Europäer mit ihrer exportorientierten Wirtschaft von den Importen Chinas, vor allem wenn es zu einer Aufwertung der chinesischen Währung Yuan kommt, den die chinesische Führung in den vergangenen Jahren zur Stärkung der eigenen Exporte künstlich niedrig hielt. Wenn aber China die Regeln des Aufschwungs diktieren könnte, wie würde die Wirtschaftsmacht Nummer eins, die USA, darauf reagieren? Nicht umsonst kämpft US-Präsident Barack Obama um das Vertrauen der Europäer und bietet sich ein ums andere Mal an, "die Führungsrolle" im globalen Kampf gegen die Krise zu übernehmen. Der Präsident weiß: Nach dem Kampf gegen die Krise kommt der Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung. Dabei hat China deutlich bessere Karten als die mit 2,4 Billionen Dollar tief verschuldeten USA.

China besitzt die größten Devisenreserven aller G20-Nationen, insgesamt 1,96 Billionen Dollar, und ist damit der größte Gläubiger der Welt. Mit einer Billion Dollar schlägt dabei allein die Verschuldung der USA bei China zu Buche. Von einem gegenläufigen Trend kann nicht die Rede sein, denn auch die Neuverschuldung der USA wird in Form von Staatsschuldverschreibungen erfolgen, die zum Teil in den Safes der Bank of China landen werden.

Diese Entwicklungen schlagen sich nun auch in der Finanzwirtschaft nieder. Laut einer Umfrage des US-Investmenthauses Coller Capital unter den 156 größten Private-Equity-Investoren wollen 78 Prozent in Fonds investieren, die über Veranlagungen in China und Indien verfügen. Das sind 33 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Ein Mann steht auf, wenn er 30 Jahre alt wird." Heuer vor 31 Jahren begann das chinesische Wirtschaftswunder.

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