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Wie geht Aufklärung?

Gurke_Aufklärung - © Unsplash/Charles Ph
Gesellschaft

„Sexualität wird immer noch massiv tabuisiert“

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Angst komme man im Bereich HIV-Prävention nicht weiter, ist die Sexualpädagogin und -therapeutin Bettina Weidinger überzeugt.

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Mit Angst komme man im Bereich HIV-Prävention nicht weiter, ist die Sexualpädagogin und -therapeutin Bettina Weidinger überzeugt.

DIE FURCHE: Frau Weidinger, warum gibt es eine große Kluft zwischen Informationen über HIV/Aids und dem Verhalten?

Bettina Weidinger: Eine echte Sexualpädagogik bedeutet die Verbindung von Wissen, Emotionen und Handeln. Eine solche Sexualpädagogik geschieht in Österreich noch selten. Sie ist zwar in aller Munde, wenn Studien mit schlechten Ergebnissen publik werden, aber das, was gefordert wird, ist Wissenszufuhr. Mechanisches Lernen ist wichtig, wenn es ums Einmaleins geht, aber nicht, wenn ich mein Handeln reflektieren soll.

DIE FURCHE: Sind Sexualität und speziell die HIV-Prävention Bereiche, die besonders schwer zu vermitteln sind?

Weidinger: Das Schwierige und zugleich Schöne ist die Emotionalität. Der Unterschied zwischen Informationsgebung und Sexualpädagogik ist der, dass sich Zweitere darum kümmert, die emotionale Ebene mit einzubeziehen. Damit meine ich die Reaktionen der Personen, mit denen gearbeitet wird. Zudem muss ich so praxisnah und lebendig über das erzählen, was ich vermitteln will. Wenn ich aber mit Eltern oder Schulen rede, heißt es immer, die Jugendlichen müssten noch mehr wissen. Niemand sagt, sie hätten gerne, dass Jugendliche kompetent sind in ihrer Sexualität.

DIE FURCHE: Warum?

Weidinger: Davor fürchten sich alle, das ist viel zu emotional. Sexualität wird immer noch massiv tabuisiert. Nicht was nackte Bilder anbelangt, sondern in der tiefsten Emotionalität: die Sehnsucht, die Leidenschaft, das Spüren. All das wird im Gespräch mit Jugendlichen ignoriert. Natürlich ist das, was übrig bleibt, das mechanische Wissen. Man geht davon aus, wenn jemand mehr weiß, dann verhält er sich richtig. Aber wir alle wissen, dass es viele Dinge gibt, wo wir zwar auf der kognitiven Ebene wissen, was wir tun sollten, und doch anders handeln, etwa im Straßenverkehr. In der Pädagogik gibt es trotzdem die Idee, wenn man oben das Richtige rein füllt, kommt unten das Richtige raus. Das Konzept kippt langsam. Es ist uns bewusst geworden, wir sind nicht machbar.

DIE FURCHE: Also hat die Sexualpädagogik ihre Grenzen?

Weidinger: Natürlich. In der Sexualpädagogik geht es uns nicht ums Machen. In dem Sinn arbeiten wir, ketzerisch gesprochen, antipädagogisch. Wir arbeiten nicht mit Jugendlichen und Erwachsenen, indem wir ihnen sagen, was sie zu tun haben, das wäre grenzüberschreitend, sondern wir müssen ein Risikobewusstsein schaffen. Jugendliche müssen wissen, dass sie für sich verantwortlich sind. Viele handeln nach Normen anderer, aber spüren nicht ins sich hinein: Was will ich. Sexualpädagogik bedeutet die Vermittlung von Körperkompetenz, emotionaler Kompetenz, das Erlernen, sich wahrzunehmen und zu spüren. Es geht um ein positives Identitätsgefühl in der Sexualität.

DIE FURCHE: Gibt es Gruppen, die man schwer mit Sexualpädagogik erreicht, etwa als Beispiel 50-jährige Männer oder Frauen?

Weidinger: Es geht um die Betroffenheit. Die Grenzen liegen genau dort. Wenn ich sage, ich will, dass die Leute tun, was ich sage, liege ich falsch. Wenn ich sage, das, was ich vermittle, ist ein Input zur Auseinandersetzung, dann gibt es Grenzen, da muss ich akzeptieren, dass ich nicht alles erreichen kann. Etwa, dass jene 50-Jährigen in jeder Situation ein Kondom verwenden. Ich sage auch den Jugendlichen: Es geht nicht darum, dass ihr tut, was ich sage, sondern es geht darum, dass ihr wisst, was High-risk- und Low-risk-Situationen sind. Was ihr dann macht, ist eure Entscheidung.

DIE FURCHE: So erreicht man sie leichter?

Weidinger: Ja. So ist es letztlich bei jedem Verhalten. Ich glaube, dass wir zu viel Druck ausüben, auch beim Thema Verhütung. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, ist nur mehr negativ besetzt. Da hatte ich bei manchen Jugendlichen das Gefühl, als hätten sie irgendwann die Ohren zugemacht.

DIE FURCHE: Üben Sie Kritik an konkreten Präventionskampagnen der letzten Jahre?

Weidinger: Nein. Es gab in den letzten Jahren bei allen, die in diesem Bereich arbeiten, die Erkenntnis, dass man mit Angstmachen nicht weiterkommt. Hier hat sich etwas getan und es muss sich noch viel mehr tun. Man muss weg von dieser Defizitorientierung hin zu einer Ressourcenorientierung.

DIE FURCHE: Was heißt das?

Weidinger: Wir wollen Kompetenzen stärken. Es gibt viel mehr Projekte für Schulen, die über Gewalt und Nein-Sagen handeln, als Projekte, die ein positives Körpergefühl vermitteln. Wenn wir Schulen ein Angebot machen, wir arbeiten an einer positiven Entwicklung der Sexualität und des Körpergefühls, dann wird man nicht eingeladen, wenn man sagen würde, man macht ein Projekt zu sexuellem Missbrauch, dann schon, als ob dadurch die Kinder geschützt würden.

DIE FURCHE: Frau Weidinger, warum gibt es eine große Kluft zwischen Informationen über HIV/Aids und dem Verhalten?

Bettina Weidinger: Eine echte Sexualpädagogik bedeutet die Verbindung von Wissen, Emotionen und Handeln. Eine solche Sexualpädagogik geschieht in Österreich noch selten. Sie ist zwar in aller Munde, wenn Studien mit schlechten Ergebnissen publik werden, aber das, was gefordert wird, ist Wissenszufuhr. Mechanisches Lernen ist wichtig, wenn es ums Einmaleins geht, aber nicht, wenn ich mein Handeln reflektieren soll.

DIE FURCHE: Sind Sexualität und speziell die HIV-Prävention Bereiche, die besonders schwer zu vermitteln sind?

Weidinger: Das Schwierige und zugleich Schöne ist die Emotionalität. Der Unterschied zwischen Informationsgebung und Sexualpädagogik ist der, dass sich Zweitere darum kümmert, die emotionale Ebene mit einzubeziehen. Damit meine ich die Reaktionen der Personen, mit denen gearbeitet wird. Zudem muss ich so praxisnah und lebendig über das erzählen, was ich vermitteln will. Wenn ich aber mit Eltern oder Schulen rede, heißt es immer, die Jugendlichen müssten noch mehr wissen. Niemand sagt, sie hätten gerne, dass Jugendliche kompetent sind in ihrer Sexualität.

DIE FURCHE: Warum?

Weidinger: Davor fürchten sich alle, das ist viel zu emotional. Sexualität wird immer noch massiv tabuisiert. Nicht was nackte Bilder anbelangt, sondern in der tiefsten Emotionalität: die Sehnsucht, die Leidenschaft, das Spüren. All das wird im Gespräch mit Jugendlichen ignoriert. Natürlich ist das, was übrig bleibt, das mechanische Wissen. Man geht davon aus, wenn jemand mehr weiß, dann verhält er sich richtig. Aber wir alle wissen, dass es viele Dinge gibt, wo wir zwar auf der kognitiven Ebene wissen, was wir tun sollten, und doch anders handeln, etwa im Straßenverkehr. In der Pädagogik gibt es trotzdem die Idee, wenn man oben das Richtige rein füllt, kommt unten das Richtige raus. Das Konzept kippt langsam. Es ist uns bewusst geworden, wir sind nicht machbar.

DIE FURCHE: Also hat die Sexualpädagogik ihre Grenzen?

Weidinger: Natürlich. In der Sexualpädagogik geht es uns nicht ums Machen. In dem Sinn arbeiten wir, ketzerisch gesprochen, antipädagogisch. Wir arbeiten nicht mit Jugendlichen und Erwachsenen, indem wir ihnen sagen, was sie zu tun haben, das wäre grenzüberschreitend, sondern wir müssen ein Risikobewusstsein schaffen. Jugendliche müssen wissen, dass sie für sich verantwortlich sind. Viele handeln nach Normen anderer, aber spüren nicht ins sich hinein: Was will ich. Sexualpädagogik bedeutet die Vermittlung von Körperkompetenz, emotionaler Kompetenz, das Erlernen, sich wahrzunehmen und zu spüren. Es geht um ein positives Identitätsgefühl in der Sexualität.

DIE FURCHE: Gibt es Gruppen, die man schwer mit Sexualpädagogik erreicht, etwa als Beispiel 50-jährige Männer oder Frauen?

Weidinger: Es geht um die Betroffenheit. Die Grenzen liegen genau dort. Wenn ich sage, ich will, dass die Leute tun, was ich sage, liege ich falsch. Wenn ich sage, das, was ich vermittle, ist ein Input zur Auseinandersetzung, dann gibt es Grenzen, da muss ich akzeptieren, dass ich nicht alles erreichen kann. Etwa, dass jene 50-Jährigen in jeder Situation ein Kondom verwenden. Ich sage auch den Jugendlichen: Es geht nicht darum, dass ihr tut, was ich sage, sondern es geht darum, dass ihr wisst, was High-risk- und Low-risk-Situationen sind. Was ihr dann macht, ist eure Entscheidung.

DIE FURCHE: So erreicht man sie leichter?

Weidinger: Ja. So ist es letztlich bei jedem Verhalten. Ich glaube, dass wir zu viel Druck ausüben, auch beim Thema Verhütung. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, ist nur mehr negativ besetzt. Da hatte ich bei manchen Jugendlichen das Gefühl, als hätten sie irgendwann die Ohren zugemacht.

DIE FURCHE: Üben Sie Kritik an konkreten Präventionskampagnen der letzten Jahre?

Weidinger: Nein. Es gab in den letzten Jahren bei allen, die in diesem Bereich arbeiten, die Erkenntnis, dass man mit Angstmachen nicht weiterkommt. Hier hat sich etwas getan und es muss sich noch viel mehr tun. Man muss weg von dieser Defizitorientierung hin zu einer Ressourcenorientierung.

DIE FURCHE: Was heißt das?

Weidinger: Wir wollen Kompetenzen stärken. Es gibt viel mehr Projekte für Schulen, die über Gewalt und Nein-Sagen handeln, als Projekte, die ein positives Körpergefühl vermitteln. Wenn wir Schulen ein Angebot machen, wir arbeiten an einer positiven Entwicklung der Sexualität und des Körpergefühls, dann wird man nicht eingeladen, wenn man sagen würde, man macht ein Projekt zu sexuellem Missbrauch, dann schon, als ob dadurch die Kinder geschützt würden.

Zur Person

Bettina Weidinger ist seit zwölf Jahren als Sexualpädagogin und -therapeutin tätig, sie leitet mit einem Kollegen das Institut für Sexualpädagogik in Wien.

Bettina Weidinger ist seit zwölf Jahren als Sexualpädagogin und -therapeutin tätig, sie leitet mit einem Kollegen das Institut für Sexualpädagogik in Wien.