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Warten auf die letzten Dinge

Samuel Becketts „Warten auf Godot" ,,En attendant Godot" ist nun endlich auch nach Wien gekommen. Es wird im Theater am P a r k r i n g, das damit wieder in die erste Reihe der Wiener Theater vorstößt, gespielt. „Warten auf Godot" ist ebenso leicht zu durchschauen, wie es ein schwieriges Stück ist. Es ist ein Theaterstück und was für eines! und zugleich Reflexion und Meditation über ein Theaterstück, das nicht stattfindet. Es ist ernst und zugleich die Persiflage dieses Ernstes. Es ist beides: ein Schabernack, sinnlos und zugleich ein Sinnbild, Sinnbild der Zeit und ihrer Menschen. Es ist ein groteskes Lustspiel, und es ist eine erschütternde Anklage. Es ist immer zu Ende, und es fängt überall an. Es ist leeres Gefasel, und es ist dichteste Dichtung. Es ist in dem Maße echt, in dem es Bluff ist.

Auf einer Bühne, auf der sich nichts befindet als ein Baum und ein Stein, warten zwei Landstreicher, Estragon und Wladimir. Sie warten auf Godot, von dem sie sich eine Wendung ihres Lebens versprechen und von dem sie so weit entfernt sind, wie Israel zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft von Gott entfernt war. Ihr Leben war leer und schwer, nichts ist ihnen davon geblieben als Narben und Hunger. Aber wenn sie auch nicht wissen, wer Godot ist: sie warten auf ihn. Und wer kann schon von sich behaupten, daß er wartet und daß er bereit ist? Sie warten, und es geschieht nichts. Das ganze Stück ist ihr Zeitvertreib: denn die Zeit ist zwischen ihnen und dem Kommenden, und sie wissen nicht, was sie machen sollen, um diese Zeit zu überstehen. Einiges fällt vor: Pozzo und Lucky, Herr und Sklave im Klassengegensatz, einander hassend und voneinander abhängig, zeigen ihre elenden Kunststücke, spielen auf Befehl „Denken", und wir erkennen in ihnen o, würden wir’s nur erkennen! Beziehungslosigkeit und Tragik des Menschen von heute, der alle Bindungen verloren hat, der nicht mehr Gottes Ebenbild sein will, der keine Mitte mehr hat, der hilflos und verloren im Raum herumtanzt. Den Menschen, dem Oster- messe, Hundeausstellung und H-Bombe nichts anderes mehr sind als gleichgültige Nummern einer hastig zusammengestellten Wochenschau, der, zugedeckt von Illusionen und Sensationen, jeglichen Maßstab verloren hat. — Schließlich tritt ein Junge auf, ein Bote von Godot, und bittet um Geduld: heute könne sein Herr noch nicht kommen; man möge ausharren, morgen komme er bestimmt. Aber es ist nicht sicher, ob der Junge die Antwort, er habe die beiden getroffen, auch ausrichten wird.

Der zweite Akt zeigt denselben Schauplatz, nur der Baum hat über Nacht einige grüne Blätter bekommen. Ist eine Nacht vergangen oder ein Zeitalter? Keiner weiß es. Estragon und Wladimir warten noch immer. Pozzo und Lucky treten wieder auf, Pozzo ist jetzt blind, und wieder geschieht nichts, was wirklich wäre, was zählen könnte. Wenn auf der Bühne auch manches Handgreifliche passiert, kann das zwar als elementares Theater, nicht aber als Ereignis gelten. Und wieder kommt der Junge und bringt seine Botschaft, die vertröstet. Und wieder findet keiner den Weg, der zu Godot führt. Aber sie warten weiter auf dem vereinbarten Treffplatz.

Becketts Stück gehört neben denen Ghelderodes zu den modernsten, die heute geschrieben werden, und ist vielleicht das aktuellste, das Wien in den letzten Jahren sah, ist außerordentlich an jeder Stelle. Zugleich — und hier beginnen wieder die scheinbaren Widersprüche — ist es überhaupt nicht aktuell, sondern nur eine schwarze Wolke aus dem Bereich des Tiefenrealismus, die vorüberzieht; eine radioaktive Wolke allerdings. Aus dem Verstand geschrieben, ist es doch intellektuell nicht erfaßbar, da es das Wesentliche auf eine andere Ebene verlagert. Es formuliert die elementaren Fragen: Was sollen wir tun? Woran sollen wir uns halten? Was wird wahr sein vor Godot? Und es lacht zugleich über diese Fragen. Es läßt nichts geschehen, aber es analysiert die von Anfang an gegebene Situation und läßt sie den Landstreichern ebenso wie uns bewußt werden. Es zeigt den Menschen so, wie er war, ehe er erlöst wurde: arm und besessen. „Warten auf Godot" ist alles andere als ein religiöses Stück. Und doch tut es nichts anderes, als auf die letzten Dinge zu warten.

In das ausgezeichnete Bühnenbild Gerhard Hrubys, das die erschreckende Weite des Schauplatzes sichtbar macht und damit den kleinen Kellerraum ins Unendliche öffnet, stellt Regisseur Erich Neuberg seine verlorenen Menschen zu ihren kleinlichen Verrichtungen und Gesprächen. Kurt Sowinetz als Estragon und Otto Schenk als Wladimir sind beide gleich vollendet im Erfassen ihrer Rollen. Indem sie ihre Fratellini-Späße machen, decken sie Schicht für Schicht ihrer Oberfläche ab, enthäuten sich gewissermaßen. Günther Haenel als Pozzo, Erland Erlandsen als Lucky und Peter Dux als Botenjunge zeichnen ihre Gestalten eindringlich.

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