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Hunger-Terror gegen Kulaken

Als "Volksfeinde" enteignet, verbannt, ausgehungert.

Die Furche: Was war das Ziel des stalinistischen Hunger-Terrors?

Dmytro Zlepko: Stalin wollte den Stand der Kulaken liquidieren. Das waren Kleinbauern, die in die kommunistisch-sozialistische Gesellschaft nicht mehr hineinpassten. Einerseits waren die Kulaken keine Proletarier, andererseits passten sie auch nicht in das Programm der Kollektivwirtschaften. Sie wurden als Störfaktor empfunden und als Volksfeinde mit Verbannung, Enteignung, Hungertod bestraft.

Die Furche: Welche Regionen in der Sowjetunion waren betroffen?

Zlepko: Stalin wollte die Ostukraine industrialisieren, proletarisieren. Deswegen war der Hunger-Genozid dort um einiges massiver als im Westen des Landes, der von Stalin als "Bauern-Ukraine" gedacht war. Aber es gab Hungersnöte auch im Nordkaukasus und in russischen Gebieten.

Die Furche: Wieviele Opfer hat diese Massentötung 1933 gefordert?

Zlepko: Die Zahlen schwanken stark: Bis zu sieben Millionen Opfer in der gesamten Sowjetunion, halte ich für realistisch. Aber es werden auch Zahlen von zehn bis zwölf Millionen Toten genannt.

Die Furche: Gab es Widerstand?

Zlepko: Es gab Selbstmorde von ukrainischen Kommunisten - bis hinauf zum Parteisekretär des Landes -, die sich widersetzten. Diese Kollektivisierungspolitik war in ihren Augen verbrecherisch.

Die Furche: Wer hat Stalins Befehle dann umgesetzt?

Zlepko: Nach Nationalitäten kann man das sehr schwer einordnen. Ich würde die ausführenden Kommissare eher als sowjetische Apparatschiks sehen. Es gibt ein Zitat eines solchen Kommissars, das die Einstellung dieser Menschen sehr gut erklärt: "Wir vollbrachten eine historisch notwendige Tat. Wir erfüllten eine revolutionäre Pflicht, wir versorgten das sozialistische Vaterland mit Brot. Wir erfüllten den Fünfjahresplan - und das war durchzuführen ohne moralische Rücksicht."

Die Furche: Wie reagierte das Ausland?

Zlepko: Die Hungersnot wurde schon 1933 in der ausländischen Presse, ausgehend von England, publiziert. Neben einigen anderen Städten gab es auch in Wien ein großes "Hilfskomitee für die Hungersnot in der Ukraine". Sein Vorsitzender war Kardinal Theodor Innitzer. Noch dabei waren der Oberrabbiner, ein Generalabt der Maroniten, der Pfarrer der ukrainischen Gemeinde und andere hohe Kirchenvertreter.

Die Furche: Wurde Hilfe für die Hungernden vom Regime erlaubt?

Zlepko: Anfang 1933 waren noch einige Hilfslieferungen möglich. Das wurde aber schnell unterbunden. Es blieb nur mehr die moralische Unterstützung.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich. Dmytro Zlepko lehrt Geschichte an der Ukrainischen Freien Universität München.

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