Franz Jägerstätter - © Foto: Digitalisat FFJI / Maria Dammer

Franz Jägerstätter: „Ein Vorbild als wacher Bürger“

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Die Weigerung, an Hitlers Aggressionskrieg teilzunehmen, war für Franz Jägerstätter eine Frage seines christlichen Glaubens. Und seine Frau Franziska trug diese Entscheidung, die Franz’ Tod bedeutete, mit. Jägerstätter-Biografin Erna Putz im Gespräch.

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Die Weigerung, an Hitlers Aggressionskrieg teilzunehmen, war für Franz Jägerstätter eine Frage seines christlichen Glaubens. Und seine Frau Franziska trug diese Entscheidung, die Franz’ Tod bedeutete, mit. Jägerstätter-Biografin Erna Putz im Gespräch.

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Die Theologin, Politikwissenschafterin und Journalistin Erna Putz ist die JägerstätterKennerin. Ihre 1985 erstmals aufgelegte Biografie „... besser die Hände als der Wille gefesselt ...“ sowie die von ihr herausgebrachten Aufzeichnungen Jägerstätters (1987) und sein Briefwechsel mit Franziska (2007) sind Meilensteine der Jägerstätter-Forschung.

DIE FURCHE: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Franz Jägerstätter?

Erna Putz: Seit 1980. Es hat das eine das andere ergeben, und vor allem die Beziehung zu Franziska Jägerstätter war ganz wesentlich. Ich kann schon sagen, dass die beiden mein Leben geprägt haben.

DIE FURCHE: Seit 2007 ist Franz Jägerstätter auch ein katholischer Seliger.

Putz: Die Seligsprechung bedeutet ja, dass ein Mensch als Vorbild christlichen Lebens hingestellt wird. Das ist eine hohe Latte, wenn das mein Vorbild ist. Was mich seither immer wieder beschäftigt, ist die Begründung seiner Seligsprechung: Im von Papst Benedikt unterschriebenen Dekret heißt es, Franz Jägerstätter hat sein Leben hingegeben mit aufrichtigem Gewissen in Treue zum Evangelium und für die Würde der menschlichen Person. Diese Würde der menschlichen Person wurde zuvor kaum ausgedeutet, aber genau dies ist sehr aktuell: Es darf nicht sein, dass gerade junge Menschen als Soldaten aufeinander schießen müssen. Da müsste doch auf der ganzen Welt – so wie man gegen die Todesstrafe oder die Sklaverei eintritt – nachgedacht und gearbeitet werden.

DIE FURCHE: Franz Jägerstätter war einer der Ersten, die zur Ehre der Altäre erhoben wurden, nicht weil er für die Verbreitung des Glaubens kämpfte, sondern aus einem aus christlichem Glauben begründeten, im weitesten Sinn politischen Motiv.

Putz: Genau deswegen gab es ja im Vorfeld den Streit: Ist das ein Martyrium? Aber Märtyrer ist nicht nur der, der um eines Glaubenssatzes stirbt, sondern es geht immer auch um die Glaubenspraxis. Die Weigerung, an diesem Krieg teilzunehmen, war bei Franz Jägerstätter vorbildliche Glaubenspraxis. So wurde dann bei der Seligsprechung argumentiert. Und so wurde er als Märtyrer seliggesprochen. Das heißt dann auch, dass politisches Handeln auch Glaubenspraxis ist.

DIE FURCHE: Es gab später dann Selig- und Heiligsprechungen aus ähnlichen Gründen – etwa in El Salvador der ermordete Erzbischof Óscar Romero.

Putz: Noch Anfang der 1980er Jahre hieß es aus Rom, dass die Fälle von Jägerstätter oder Romero noch „nicht entscheidungsreif“ seien. Das heißt, man hat vor 40 Jahren schon darüber diskutiert, aber in Rom hieß es, diese Materie sei „zu sensibel“. Aber 2007 ist es dann eben doch zur Seligsprechung Jägerstätters gekommen mit der Begründung: Er starb für die Würde der menschlichen Person.

DIE FURCHE: Aber der Preis dafür war hoch: Jägerstätter ließ seine Frau zurück und seine drei kleinen Töchter. Wie kann das „heiligmäßiges“ Verhalten sein?

Putz: Man muss einmal sehen: Franz und Franziska Jägerstätter waren ein sehr glückliches Paar, aber auch im Religiösen sehr verbunden. Und Franziska hat ihn verstanden. Sie hat gesagt: Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er niemanden gehabt. Seine Frau ist diesen Weg mitgegangen. Auch seine Töchter sagen: Das konnte er nur aus dem Glauben heraus tun, und wir haben uns von ihm nicht verlassen gefühlt. Seine Motive und Argumente wurden von der Familie mitgetragen.

DIE FURCHE: Wenn Sie die jetzige politische Landschaft anschauen, dann gibt es die Befürchtung, dass vieles aus der Nazizeit wieder aus den Schlupflöchern herauskriecht. Muss man da nicht auch fürchten, dass man um die Anerkennung eines Zeugnisses wie das von Jägerstätter wieder kämpfen muss?

Putz: Wenn es darum geht, nicht mitzulaufen, sondern für die Überzeugung einzustehen, ist Jägerstätters Beispiel gerade heute wesentlich. Für ihn war wichtig, zu sagen: Mach dir selbst ein Bild und sei genau! Und das wäre eben jetzt so wichtig. Wenn man den Jungen zeigt, was sind fake news, dann ist das auch in seinem Sinn.

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