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Mit Havel unterm Weihnachtsbaum

Auf ein Wort

Weihnachten und Václav Havel. Zwei Begriffe, die in meiner Erinnerung noch weit mehr zusammenhängen, als es in diesen Tagen des Abschieds vom großen Dichter-Präsidenten erscheinen mag. Bald sind zwanzig Jahre seit jenem Dezemberabend vergangen, als Havel gemeinsam mit seinem österreichischen Amtskollegen Thomas Klestil oben am Hradschin einen Christbaum über Prag erstrahlen ließ. Das erste Mal nach Jahrzehnten der KP-Diktatur.

Vom Hradschin zum "Fleck“

Ein unvergesslicher Moment, in dem sich so viele nationale, ideologische und emotionelle Unvereinbarkeiten von einst auf wunderbare Weise auflösten. Ein Abend auch, der die ganze Weite der Persönlichkeit Havels auszumessen schien; seine Herzlichkeit, seine Sehnsucht nach Verständigung, seine scheue Bescheidenheit und Bodenhaftung: Kaum war dem Staatsprotokoll Genüge getan, tauchten wir mit dem Volkshelden der "Samtenen Revolution“ von 1989 in die Alltagswelt der Prager ein - zu einer langen Nacht im legendären Bierlokal "U Fleku“.

Wie oft mir Václav Havel in meiner Zeit als Journalist und an der Seite österreichischer Bundespräsidenten begegnet ist? Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls oft.

Da war zunächst der Besuch beim Bürgerrechtler Havel zu Hause, noch ehe das KP-Regime zusammenbrach. Eine böse Erfahrung: der lauernde Geheimagent im Stiegenhaus. Havels Wohnungstüre x-mal eingeschlagen und nur notdürftig zusammengeflickt. Und dann Havel selbst, hektisch und total übermüdet. "Ein wenig Haft wäre jetzt ganz gut für mich, um mehr schlafen zu können“, sagte er ernsthaft. Fünf Gefängnisjahre hatte er hinter sich. Aber die Geschichte schrieb ein ganz anderes Drehbuch: Fünf Wochen später war er Staatspräsident. Da war sein erster Besuch in Wien. Gemeinsam saßen Klestil und Havel im Burgtheater und hörten Havel-Texte. Der Gast aus Prag hatte Tränen in den Augen. Stunden später traute ein Wiener Gastwirt seinen Augen nicht, als zwei Präsidenten an seinem Stammtisch saßen.

Da waren Havels Reden: enorm mutig, ehrlich und visionär. Noch heute hüte ich sie - stapelweise. Da waren die vielen Treffen der vier Mitteleuropäer Havel, Weizsäcker, Göncz und Klestil - in Salzburg und Alpbach, in Litomyˇsl und Keszthely, in La´ncut und Piran, in Levoˇca, Wien und … Ihr Sinn war es, Bilder einer neuen Gemeinsamkeit in den Köpfen ihrer Landsleute zu verankern. Im Rückblick denke ich: Welch eine Runde geballter europäischer Geistigkeit! Und: Wo sind die Erben jener Aufbruchsjahre?

Ein rotes Herz

Keine andere Hauptstadt hat Österreichs Bundespräsident damals so oft besucht wie Prag; keinen anderen Präsidenten so oft getroffen wie Havel. Viel davon ist seither, unterwegs zur europäischen "Normalisierung“, wieder verloren gegangen!

Später hat Havel jenen, die ihm in den Jahrzehnten seiner Ohnmacht und seiner Macht begegnet sind, ein rotes Herz auf sein Präsidentenbild gemalt - Kürzel für einen Bürger-Präsidenten mit Geist und Herz. Wenn dieser Kontinent je nach einer Symbolgestalt für all seine Dramen und Hoffnungen gesucht hätte - er wäre es gewesen.

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