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Ohrfeige für den Schulterküsser

Frag doch den Inder, heißt in Österreich die Werbung für einen Handynetzbetreiber. Will man wissen, was im Iran gerade läuft, ist man ebenfalls gut beraten, auf die Erklärungen von dieser Seite zu hören. Und Irancell, eine der großen Mobiltelefon-Gesellschaften des Landes, hat ihren Kunden angekündigt, dass es in diesen Tagen zu „technischen Problemen“ kommen könnte. Das sagt viel aus über die Ängste des Regimes, das rund um die Amtseinführung des neuen alten Präsidenten schon einmal vorsorglich das Kommunikationsnetz der Opposition lahm legt. Arme Handynetz-Firma jedenfalls: Muss für ein politisches Versagen völlig außerhalb ihres Verantwortungsbereichs gerade stehen – und vor allem: muss für den Präsidenten lügen.

An dieser staatlich verordneten Lüge, die seine zweite Amtszeit begründet, wird Mahmud Ahmadinedschad auch scheitern. Ein Kim Yong Il darf lügen, ein Robert Mugabe auch, bei Saddam Hussein gehörte es selbstverständlich dazu, doch Ahmadinedschad darf das nicht. Er darf die Welt bezüglich des iranischen Atomwaffenprogramms hinters Licht führen, aber er darf sein Volk nicht belügen. Und sein Erfinder und Mentor Ali Khamenei darf es noch weniger.

Deswegen die Schauprozesse

Das mag auch der Grund gewesen sein, warum Khamenei zurückgewichen ist, als ihn Ahmadinedschad bei seiner Amtseinführung die Hand küssen wollte und letztlich nur ein verhatschtes Schulterbusserl rausgekommen ist. Mit einem Lügner darf die höchste geistliche Autorität des Gottesstaates nicht zu eng sein. Und mit der Lüge sowieso nicht. Deswegen auch die Schauprozesse gegen die angeblichen Verschwörer, die im Pyjama vor Gericht sich selbst und die Hälfte des iranischen Polit-Establishments des Staatsverrats bezichtigen müssen.

Im Krieg erlaubt der Islam die Lüge

Eine der wenigen Ausnahmen, in denen der Islam eine Lüge erlaubt, ist der Krieg. Und die erzwungenen Geständnisse im Teheraner Revolutionsgericht beschreiben den Iran im Kriegszustand. Nicht nur gegen die oppositionellen Kräfte, bis hinauf zu den höchsten Würdenträgern und Ex-Präsidenten, gilt es, die Islamische Republik zu verteidigen, will das Lügner-Duo den Iranern weiß machen. Der wahre Feind komme auch dieses Mal wieder von außen: „Wenn man die Anstifter der Unruhen finden will“, sagte einer der Angeklagten, „muss man bei der Regierung, den halboffiziellen Stellen und dem Geheimdienst der USA suchen.“

Der Iran ist also im Krieg, Lüge und Wahlfälschung sind erlaubt, nützen sie doch dem Fortbestand des Gottesstaates in einer Welt voller Feinde. Khamenei und Ahmadinedschad mögen sich vor sich selbst so rechtfertigen. Viele, sehr viele glauben ihrer Staatslüge nicht: Weder der Großayatollah Montazeri, der die „unreligiösen, illegalen und unmoralischen“ Geständnisse verdammt und auch nicht eine Mutter, die von einem Soldaten bei einer der Demonstrationen dieser Tage zum Heimgehen aufgefordert wurde: „Ich gehe nirgendwohin“, antwortete die Frau laut einem iranischen Internet-Blog: „Wir haben euch so dorthin gebracht, wo ihr jetzt seid, und wir bringen euch so wieder weg – indem wir auf die Straße gehen.“

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