Wotruba-Kirche - Wotruba-Kirche: Vielrezipierte Nachkriegskunst: die Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit auf dem Georgenberg in Wien-Mauer, genannt Wotruba-Kirche, Ansicht von Nord-Ost. - © Rainer Messerklinger

Kult, Kunst und Kirche: „WOTRUBA. Himmelwärts“

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ausstellung „Wotruba. Himmelwärts“ im Belvedere 21 widmet sich der Entstehungsgeschichte eines einzigartigen Sakralbaus.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Ausstellung „Wotruba. Himmelwärts“ im Belvedere 21 widmet sich der Entstehungsgeschichte eines einzigartigen Sakralbaus.

Die Wotruba-Kirche auf dem Georgenberg in Wien-Mauer ist einzigartig, ihre Genesis zog sich über 13 Jahre hin. Am 24. Oktober vor 45 Jahren wurde sie eingeweiht. Der raue Sakralbau wirkt wie eine archaische Kultstätte für einen unbekannten Gott. Er ist ein Zwitterwesen aus Architektur und Skulptur. Vielleicht rührt gerade aus dieser Unbestimmtheit seine singuläre Bedeutung.

Die Rektoratskirche „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“ zählt zu den meistrezipierten Werken österreichischer Nachkriegskunst. Das Belvedere 21 widmet ihr die Ausstellung „Wotruba. Himmelwärts – Die Kirche auf dem Georgenberg“. Mehrere faszinierende Tonmodelle, Skizzen und Pläne machen den Formfindungsprozess des Bildhauers Fritz Wotruba sowie seine Zusammenarbeit mit dem Architekten Fritz Gerhard Mayr nachvollziehbar. Schwarz-Weiß-Fotos dokumentieren die Baustelle, ebenso offenbart die Realisierung dieser Kirche ein Stück Nachkriegsgeschichte.

Die Stifterin

Am Beginn steht ein spektakulärer Fall: Am 5. November 1948 wurde die junge Spitzenbeamtin Margarethe Ottillinger auf der Ennsbrücke wegen Spionageverdachts von den Sowjets entführt und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Staatsvertrag sei Dank, durfte sie 1955 nach sieben Jahren Gefangenschaft komplett entkräftet nach Österreich zurück. Im Lager hatte sie das Gelübde abgelegt, eine Kirche zu errichten, falls sie freikäme. Sie machte Karriere bei der OMV, als Karmelitinnen aus Wien-Oberbaumgarten mit dem Bauvorhaben eines neuen Karmels an sie herantraten, war sie sofort Feuer und Flamme. Kardinal Franz König stellte erzbischöflichen Baugrund in Steinbach zur Verfügung, Prälat Leopold Ungar empfahl Fritz Wotruba, der tatsächlich unentgeltlich ein Modell des Dreifaltigkeitskarmels anfertigte.

1968 zeigte man „Fritz Wotruba. Projekt eines Karmels“ in der Galerie nächst St. Stephan, in Kirche und Architektenschaft regte sich Widerstand. Das Projekt starb, der Grund fiel an die Erzdiözese zurück, die Schwestern zogen in ein Kloster nach Graz. Doch die Erzdiözese Wien beschloss, die Kirche als Pfarrkirche zu verwirklichen. Der Bauplatz am Georgenberg gefiel Wotruba, das gehört sich für eine Kirche, erhöht ihre Wirkung und stimmt Gläubige auf den sakralen Ort sein.

Dass daneben eine Schule entstehen sollte, verkomplizierte die Sache, am 24. Juli 1974 erfolgte endlich die Baubewilligung. Fritz Wotruba, eine charismatische Künstlerpersönlichkeit und Bildhauer europäischen Formats, griff bei diesem Entwurf auf den Typus des Grabmals, Adolf Loos,Josef Hoffmann und die klassische Moderne zurück. Er entwickelte den Baukörper genuin bildhauerisch als Skulptur aus 135 Kuben und Stelen, deren Proportion und Zusammenwirken er an maßstabslosen Modellen aus Ton überprüfte. Selbst seine Fingerabdrücke sind daran noch zu erkennen. Diese Kultstätte suchte die unmittelbare Verbindung zum Himmel, Dach hatte sie keines.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau