Digital In Arbeit

Die kühnen Gedanken des Charles D.

Innovative Theorien verlangen nach einem neuen Vokabular. Charles Darwin begriff, indem er neue Begriffe und Bilder schuf.

Darwin stellte eine Theorie zur Entstehung von Atollen auf, schrieb über den Ursprung von Emotionen bei Mensch und Tier, verfasste ein großes Werk über Rankenfußkrebse etc. Weithin bekannt ist er natürlich als Vater des Evolutionsgedankens. Für seine Abstammungstheorie die richtigen Worte zu finden, war dabei eine eigene Kunst. Einige Beispiele:

Ich denke

Darwin war von seiner fünfjährigen Weltreise auf der Beagle zurückgekehrt, da notiert er 1837 in sein Notizbuch B: "I think" und zeichnet darunter einen Baum mit vielen Verästelungen. Diese berühmte Skizze zeigt, was Darwin bereits mit 28 Jahren dachte: Verschiedene Arten haben gemeinsame Vorfahren. Ja, letztlich haben alle Arten einen einzigen Ursprung. Ob das Bild vom Stammbaum korrekt ist, darüber grübelte er lange - einmal schreibt er: "Der Baum des Lebens sollte vielleicht die Koralle des Lebens genannt werden."

Natürliche Selektion

1844 hat Darwin ein mehr als 200 Seiten dickes Manuskript mit dem Titel "Natural Selection" fertiggestellt. Den Begriff der natürlichen Selektion entwickelt er in Anlehnung zur künstlichen Selektion. Künstliche Selektion findet durch den Menschen statt: Er sucht Tiere aus, kreuzt sie und hofft so Nachkommen mit ganz bestimmten Eigenschaften zu erhalten (Darwin selbst war Taubenzüchter). Bei der natürlichen Selektion züchtet die Natur (dahinter steckt kein Gott): Nur jene, die den "Kampf ums Dasein" bestehen, überleben. Das Manuskript wird nicht veröffentlicht. Vielleicht weil just in jenem Jahr ein Buch mit evolutionären (aber sehr oberflächlich argumentierten) Gedanken erscheint und von den Kritikern zerrissen wird. Das Manuskript ist Darwin aber immerhin so wichtig, dass er es im Falle seines Todes veröffentlicht haben will.

Entstehung der Arten

Erst 1859 - Darwin ist bereits 50 -erscheint "The Origin of Species". Das Buch wurde in nur 15 Monaten geschrieben. Der Grund für die Eile: Alfred Wallace hatte einen Essay mit seinen Überlegungen zum Artenwandel an Darwin geschickt. Darwin war geschockt: Das waren doch exakt seine Ideen!

Deszendenz mit Modifikationen

Mit diesem Ausdruck bezeichnet Darwin in "The Origin of Species" die Wandelbarkeit der Arten im Laufe der Zeit. Das Wort Evolution kommt übrigens in der Erstausgabe kein einziges Mal vor. Deshalb sollte man auch nicht von Darwins Evolutionstheorie reden; seine Zeitgenossen sprachen von der Deszendenztheorie.

Kampf ums Dasein

Bereits 1838 hatte Darwin Thomas Malthus populäres Buch "Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz" gelesen. Malthus meinte, dass der Bevölkerungszuwachs exponenziell stattfinde, die Nahrungsmittelproduktion aber viel langsamer steige. Deshalb soll es zu einem "Kampf ums Dasein" kommen. In Darwins "Die Entstehung der Arten" ist "the struggle of existence" ein zentraler Begriff, der aber vielfach falsch verstanden wurde. Die deutsche Übersetzung von "struggle" mit "Kampf" ist besonders unglücklich; "struggle" bedeutet weniger martialisch einfach "Anstrengung". Darwin dachte auch nicht an blutige Löwenkämpfe und derlei Dinge. Als Beispiel nennt er etwa eine Pflanze, die "am Rande der Wüste mit der Dürre ums Dasein kämpfe".

Das Überleben des Tüchtigsten

Nach der Lektüre von Darwins Artenbuch erfand Herbert Spencer den Begriff "survival of the fittest". Darwin hat ihn in späteren Ausgaben der "Entstehung der Arten" aufgenommen. Auch dieser Ausdruck ist missverständlich: "the fittest" sind nicht "die Tüchtigsten", schon gar nicht "die Stärksten". Fitness ist heute ein biologischer Fach-Begriff, mit dem lediglich die Rate des Fortpflanzungserfolgs bezeichnet wird.

Licht wird auf den Ursprung der Menschheit & ihre Geschichte fallen

So heißt es kryptisch gegen Ende der "Entstehung der Arten". Darwin schreibt nichts darüber, was seine Theorie für das Selbstverständnis des Menschen bedeutet. Seine Zeitgenossen ziehen ihre eigenen Schlüsse: Der Mensch stammt vom Affen ab! Erst zwölf Jahre später publiziert Darwin "Die Abstammung des Menschen". Darin stellt Darwin die Hypothese auf, dass eine ausgestorbene Affenart in Afrika der Vorfahr des Menschen war.

Wenn ich an das menschliche Auge denke, bekomme ich Fieber

Das gestand Darwin in einem Brief dem US-Botaniker Asa Gray. Seine Theorie wollte ja ganz auf göttliche Eingriffe verzichten. Wie genau sich so etwas Komplexes wie ein Auge entwickelt haben könnte, das überstieg die Vorstellungskraft von Darwin bei Weitem. Das Auge wurde lange Zeit von den Kreationisten als Paradebeispiel für göttliches Design angeführt. Richard Dawkins hat jedoch in seinem großartigen Buch "Gipfel des Unwahrscheinlichen" einen möglichen Entwicklungsgang für das Auge nachgezeichnet.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau