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Feuilleton

Lincolns große Trauer in vielen Stimmen

1945 1960 1980 2000 2020

Der unfassbare Tod des eigenen Kindes, im Hintergrund die Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. George Saunders schrieb mit "Lincoln im Bardo" ein erstaunliches Romandebüt und wurde dafür mit dem Man Booker Preis ausgezeichnet.

1945 1960 1980 2000 2020

Der unfassbare Tod des eigenen Kindes, im Hintergrund die Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs. George Saunders schrieb mit "Lincoln im Bardo" ein erstaunliches Romandebüt und wurde dafür mit dem Man Booker Preis ausgezeichnet.

Die amerikanische Union war gerade dabei zu zerbrechen, als Abraham Lincoln Präsident wurde. Bei seiner Amtseinführung am 4. März 1861 waren bereits einige Südstaaten aus der Union ausgetreten -ein blutiger Krieg folgte: um die Erhaltung der Union auf der einen Seite, um die Souveränität der Einzelstaaten auf der anderen, ein Krieg für die Befreiung der Sklaven ebenso wie aus Interesse an der Wirtschaft, ein Krieg für Gleichheit. Lincoln galt als gemäßigter Gegner der Sklaverei, für die Befreiung der Sklaven hätte er selbst wohl keinen Krieg geführt - was er in seinen Reden auch bekräftigte. Er betonte aber das Gemeinsame der Union, kämpfte für deren Erhalt. Im Verlauf des Krieges scheint sich seine Haltung verändert zu haben, immer deutlicher gegen die Sklaverei und für Freiheit und Gleichheit.

Während Lincoln mit Kriegshandlungen und politischen Taktiken beschäftigt war und mit Reden von seinen Ideen zu überzeugen suchte, hatte er auch im Privaten zu kämpfen. Vier Söhne hatte er, Willie, der Drittgeborene, starb 1862 elfjährig an Typhus. Dieser Schicksalsschlag traf den Präsidenten hart. Auch in Steven Spielbergs 2012 erschienenen Historiendrama "Lincoln", das von der Handlung her zeitlich später einsetzt, zieht sich dieser tragische Verlust als roter trauriger Faden durch das Leben der Lincolns.

Die vielen Toten, der eine Verlust

Hier der Krieg mit so vielen Toten, da der eine Tod des geliebten Sohnes. Diesem Fokus, dem individuellen, kaum zu ertragenden Leid eines Vaters, der seinen Sohn verliert, widmete sich der US-amerikanische Schriftsteller George Saunders in seinem erstaunlichen Debütroman "Lincoln im Bardo". Er erzählt von einer Nacht nach dem Begräbnis im Februar 1862. Der Vater kann sich noch nicht verabschieden, sucht die Gruft auf und holt den Sohn aus dem Sarg. Intensiv bringt Saunders diese Begegnung in Sprache, den Schmerz ebenso wie die Nähe zwischen Vater und Sohn, bis sogar ihre beiden Stimmen miteinander verschmelzen. Denn dieser Roman führt in den "Bardo" und da können die Toten in die Lebenden hineinschlüpfen. Im Tibetischen Buddhismus bezeichnet der Bardo eine Art Zwischenzustand. Das Totenbuch, "die Lehre von der Befreiung durch Hören im Zwischenzustand", wird den Sterbenden vorgelesen, Stimmen und Erzählen kommen also beim Übergang eine große Bedeutung zu. Dieser literarische Bardo hier ist voll mit Stimmen, die ziemlich lebendig klingen, vor allem drei: Roger Bevins III, Hans Vollman, der in Erwartung seiner Ehe starb, und Reverend Everly Thomas: Diese drei sorgen wie ein antiker Chor für das Erzählen und die Kommentierung, wollen aber auch in die Handlung eingreifen und dem Sohn helfen, sterben zu können, wofür aber das Loslassen des Vaters nötig ist. Die Trauer und die Begegnung zwischen Vater und Sohn sind herzzerreißend erzählt. Dort, wo es womöglich zu pathetisch werden könnte, fallen sogleich Stimmen ein, die das Pathos ironisch brechen.

Bekannt wurde Saunders durch seine Erzählungen, zuletzt mit dem Band "Zehnter Dezember" (Luchterhand 2014). Für sein Romandebüt erhielt er 2017 den Man Booker Preis. Die Form ist gewagt: ein Roman ohne die eine Erzählperspektive, sondern aus zig Stimmen, wie ein antikes Drama: Stimmen von Toten, Zitate von (echten oder erfundenen?) Büchern, Quellen und Augenzeugen, die einander widersprechen. Lincoln gilt als einer der wichtigsten US-Präsidenten, er wird verehrt als Held. Das Lincoln Memorial in Washington - am Ende der langen National Mall -demonstriert die Größe, die man ihm zuschreibt. Mit diesem Heldentum geht Saunders gekonnt um, indem er es weder ausbaut noch stürzt, sondern mit Zitatsplittern eine durchaus wi-

Die Splitter ergeben nicht nur eine manchmal komische, manchmal berührende individuelle Trauergeschichte eines Vaters, sondern zugleich auch manchmal erschreckende Spiegel des Denkens und Sprechens, der Vorstellungen von Moral und Religion jener Zeit. Und so findet sich unter den Toten - wie eben auch unter den Lebenden - sogar ein rassistischer Leutnant, der von den Vergewaltigungen seiner "STÜCKE" schwärmt. dersprüchliche Geschichte zusammensetzt.

In dieser Nacht, in der Trauer um sein totes Kind, wird mit Abraham Lincoln Entscheidendes geschehen -was, das soll hier nicht verraten werden. Saunders erzählt die Wirkung der Begegnungen im Bardo nahe am Kitsch, aber doch haarscharf an ihm vorbei, angedeutet als durchaus folgenreich auch für die Zukunft des Landes.

Schwarze und Weiße befreit

Der historische Lincoln jedenfalls sprach eineinhalb Jahre nach dem Tod seines geliebten Sohnes die berühmte Rede in Gettysburg und wiederholte darin das Versprechen von Freiheit und Gleichheit, wie es die Unabhängigkeitserklärung verhieß. Sein manchmal so aussichtslos scheinender Kampf gelang: mit der Emanzipationsproklamation vom 1. Januar 1863 wurde die Sklaverei bereits in jenen Südstaaten abgeschafft, die Teil der Konföderierten Staaten waren, in den gesamten Vereinigten Staaten gelang das 1865 durch den 13. Zusatzartikel zur Verfassung. Dies war eine Proklamation, "die nicht nur den schwarzen Sklaven befreite, sondern auch seinen weißen Besitzer. Der Besitzer wurde von jener Bürde und Beleidigung befreit, jenem traurigen Zustand, in dem er so häufig selbst dann, wenn er es gar nicht sein wollte, Herr und Besitzer von Sklaven war. Die Proklamation befreite sie alle". Das formulierte Mark Twain 1907, nachzulesen in seiner empfehlenswerten Autobiografie "Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben. Meine letzten Geheimnisse"(Aufbau 2017). Dieser Weg zur Befreiung, so erzählt es Saunders' lesenswerter Roman, führte durch das Reich der Toten.

Die amerikanische Union war gerade dabei zu zerbrechen, als Abraham Lincoln Präsident wurde. Bei seiner Amtseinführung am 4. März 1861 waren bereits einige Südstaaten aus der Union ausgetreten -ein blutiger Krieg folgte: um die Erhaltung der Union auf der einen Seite, um die Souveränität der Einzelstaaten auf der anderen, ein Krieg für die Befreiung der Sklaven ebenso wie aus Interesse an der Wirtschaft, ein Krieg für Gleichheit. Lincoln galt als gemäßigter Gegner der Sklaverei, für die Befreiung der Sklaven hätte er selbst wohl keinen Krieg geführt - was er in seinen Reden auch bekräftigte. Er betonte aber das Gemeinsame der Union, kämpfte für deren Erhalt. Im Verlauf des Krieges scheint sich seine Haltung verändert zu haben, immer deutlicher gegen die Sklaverei und für Freiheit und Gleichheit.

Während Lincoln mit Kriegshandlungen und politischen Taktiken beschäftigt war und mit Reden von seinen Ideen zu überzeugen suchte, hatte er auch im Privaten zu kämpfen. Vier Söhne hatte er, Willie, der Drittgeborene, starb 1862 elfjährig an Typhus. Dieser Schicksalsschlag traf den Präsidenten hart. Auch in Steven Spielbergs 2012 erschienenen Historiendrama "Lincoln", das von der Handlung her zeitlich später einsetzt, zieht sich dieser tragische Verlust als roter trauriger Faden durch das Leben der Lincolns.

Die vielen Toten, der eine Verlust

Hier der Krieg mit so vielen Toten, da der eine Tod des geliebten Sohnes. Diesem Fokus, dem individuellen, kaum zu ertragenden Leid eines Vaters, der seinen Sohn verliert, widmete sich der US-amerikanische Schriftsteller George Saunders in seinem erstaunlichen Debütroman "Lincoln im Bardo". Er erzählt von einer Nacht nach dem Begräbnis im Februar 1862. Der Vater kann sich noch nicht verabschieden, sucht die Gruft auf und holt den Sohn aus dem Sarg. Intensiv bringt Saunders diese Begegnung in Sprache, den Schmerz ebenso wie die Nähe zwischen Vater und Sohn, bis sogar ihre beiden Stimmen miteinander verschmelzen. Denn dieser Roman führt in den "Bardo" und da können die Toten in die Lebenden hineinschlüpfen. Im Tibetischen Buddhismus bezeichnet der Bardo eine Art Zwischenzustand. Das Totenbuch, "die Lehre von der Befreiung durch Hören im Zwischenzustand", wird den Sterbenden vorgelesen, Stimmen und Erzählen kommen also beim Übergang eine große Bedeutung zu. Dieser literarische Bardo hier ist voll mit Stimmen, die ziemlich lebendig klingen, vor allem drei: Roger Bevins III, Hans Vollman, der in Erwartung seiner Ehe starb, und Reverend Everly Thomas: Diese drei sorgen wie ein antiker Chor für das Erzählen und die Kommentierung, wollen aber auch in die Handlung eingreifen und dem Sohn helfen, sterben zu können, wofür aber das Loslassen des Vaters nötig ist. Die Trauer und die Begegnung zwischen Vater und Sohn sind herzzerreißend erzählt. Dort, wo es womöglich zu pathetisch werden könnte, fallen sogleich Stimmen ein, die das Pathos ironisch brechen.

Bekannt wurde Saunders durch seine Erzählungen, zuletzt mit dem Band "Zehnter Dezember" (Luchterhand 2014). Für sein Romandebüt erhielt er 2017 den Man Booker Preis. Die Form ist gewagt: ein Roman ohne die eine Erzählperspektive, sondern aus zig Stimmen, wie ein antikes Drama: Stimmen von Toten, Zitate von (echten oder erfundenen?) Büchern, Quellen und Augenzeugen, die einander widersprechen. Lincoln gilt als einer der wichtigsten US-Präsidenten, er wird verehrt als Held. Das Lincoln Memorial in Washington - am Ende der langen National Mall -demonstriert die Größe, die man ihm zuschreibt. Mit diesem Heldentum geht Saunders gekonnt um, indem er es weder ausbaut noch stürzt, sondern mit Zitatsplittern eine durchaus wi-

Die Splitter ergeben nicht nur eine manchmal komische, manchmal berührende individuelle Trauergeschichte eines Vaters, sondern zugleich auch manchmal erschreckende Spiegel des Denkens und Sprechens, der Vorstellungen von Moral und Religion jener Zeit. Und so findet sich unter den Toten - wie eben auch unter den Lebenden - sogar ein rassistischer Leutnant, der von den Vergewaltigungen seiner "STÜCKE" schwärmt. dersprüchliche Geschichte zusammensetzt.

In dieser Nacht, in der Trauer um sein totes Kind, wird mit Abraham Lincoln Entscheidendes geschehen -was, das soll hier nicht verraten werden. Saunders erzählt die Wirkung der Begegnungen im Bardo nahe am Kitsch, aber doch haarscharf an ihm vorbei, angedeutet als durchaus folgenreich auch für die Zukunft des Landes.

Schwarze und Weiße befreit

Der historische Lincoln jedenfalls sprach eineinhalb Jahre nach dem Tod seines geliebten Sohnes die berühmte Rede in Gettysburg und wiederholte darin das Versprechen von Freiheit und Gleichheit, wie es die Unabhängigkeitserklärung verhieß. Sein manchmal so aussichtslos scheinender Kampf gelang: mit der Emanzipationsproklamation vom 1. Januar 1863 wurde die Sklaverei bereits in jenen Südstaaten abgeschafft, die Teil der Konföderierten Staaten waren, in den gesamten Vereinigten Staaten gelang das 1865 durch den 13. Zusatzartikel zur Verfassung. Dies war eine Proklamation, "die nicht nur den schwarzen Sklaven befreite, sondern auch seinen weißen Besitzer. Der Besitzer wurde von jener Bürde und Beleidigung befreit, jenem traurigen Zustand, in dem er so häufig selbst dann, wenn er es gar nicht sein wollte, Herr und Besitzer von Sklaven war. Die Proklamation befreite sie alle". Das formulierte Mark Twain 1907, nachzulesen in seiner empfehlenswerten Autobiografie "Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben. Meine letzten Geheimnisse"(Aufbau 2017). Dieser Weg zur Befreiung, so erzählt es Saunders' lesenswerter Roman, führte durch das Reich der Toten.