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Verbeugen, verkleiden, versinken

Der Vorarlberger Autor Wolfgang Hermann schreibt über die verschiedenen Gesichter des Urbanen.

H err Fujita ist Hausmeister und höflich. Wenn man sich dem Lift in seinem Hause voll bepackt nähert, eilt er herbei, hält die Lifttüre auf, drückt den Knopf und verbeugt sich tief. Sehr tief, solange bis man dem Blick entschwunden ist und er eine Grimasse ziehen darf.

Was bleibt, wenn einer in die Fremde zieht? Der Vorarlberger Autor Wolfgang Hermann ist viel herumgekommen. Einige Zeit arbeitete er auch als Lektor an der Sophia-Universität in Tokyo. In seinem Fährtenbuch über Japan bündelt er soziokulturelle Erinnerungen und Reflexionen über die kulturelle Verständigung im Herantasten an die japanische Seele. Annäherungen an Land und Leute sind es, keine topografischen Fährten im herkömmlichen Sinne. Angezapft wird dabei der ganz persönliche Erfahrungshintergrund, der eine Fülle von Quellen liefert, quasi das Rohmaterial. Die "westliche" Identität mit ihren kulturellen und sozialen Prägungen steht der japanischen gegenüber. Kein osmotisches Hinüberwachsen, man wandert vielmehr an den Nahtstellen.

Hermann senkt seinen Blick in ein Leben mit Verbeugungen und "uniformen Gesten", in dem Freundlichkeit, Höflichkeit und Gewissenhaftigkeit einen zentralen Platz haben. Ein simpler Irrtum wird wie selbstverständlich mit einer U-Bahnfahrt von 20 km wieder in Ordnung gebracht. Man erfährt von kulturellen Regeln und Geschenkszeremonien oder man schaut in "die Schreine des Luxus" der konsumbegeisterten Japaner. Der Konditor trägt einen Mundschutz und sollte man jemandem auf der Straße einen Schirm anbieten, so löst man mit Sicherheit ein Blickfeuer aus. Eindringlich und einfühlsam lässt Hermann Impressionen sichtbar werden. In der Begegnung mit dem Fremden werden die Bilder vom anderen als solche bewusst und entlarvt.

Der Sound der Stadt

Dazwischen intoniert Hermann den Sound der Stadt. Inmitten von Mausgetrappel, Holzsandalengeklapper und U-Bahn-Tam-Tam nimmt sich der "Sermon" der Zikaden geradezu sanft aus: er "vibriert, nein: fließt, nein: stockt zwischen den Fassaden."

Für Wolfgang Hermann ist Tokyo "keine Stadt des Raums": "Das Winkelwerk, die Inseln darin nur schwer zu finden. Keine Stadt für Flaneure." Später heißt es: "Das Schweigen der großen Stadt, die Leben vortäuscht, wo nur Lichter sind."

Hermann schreibt diesem Fährtenbuch ein persönliches Lebensgefühl ein. Da pendelt jemand zwischen Euphorie und Depression. Wie gut, dass es beim Ich-Verlust das Flugzeug gibt.

Diese Stimmungscollage, ein dichtes Gewebe, das sprachlich im Lot ist, wird akzentuiert von einem immer wieder lyrisch fließenden Ton. Als präziser Beobachter hat er ein Faible für das Beschreiben jener stillen Momente, die einem beim Eindringen in fremde urbane Tiefen widerfahren. Das gilt auch für sein jüngstes Buch, in dem es um verschiedene Gesichter von Städten geht. Auch hier sind es die Innenansichten aus verschiedenen Perspektiven und das abseits Liegende, das ihn interessiert.

Zum nicht Sichtbaren hin

Hermann konzentriert sich auf spontane Wahrnehmungen von Details und Momenten, auf Verwandlungen und Anverwandlungen des urbanen Raums. In acht Kapiteln oszilliert sein Schreiben zwischen Spuren und Fährten, Brüchen und Wucherungen inmitten von Sonnenuntergängen und Beziehungskonstellationen: "Eine reine Lektion der Stadt anhand ihres Rohgeflechts", während das dichte, flirrende städtische Netz genauso Thema ist. Hermann gelingt dabei eine feinsinnige Verschmelzung von Poesie und philosophischem Moment, selbst wenn die Rede ist von Beton und Stahl: "Stahlnetze. Freischwebende Aluminiumplatten, auf denen die Bilder der Welt reflektieren. Zeitmaschinen in Sekundengröße. Stahlgerüste ohne besondere Verwendung. Mitten unter all dem, lautlos dämmernde Säle zur Verwahrung der Siechen und Tobsüchtigen, die dem Geheimnis auf der Spur sind." Dort, wo "die Stille die Straßen rein fegt" oder das "feuchtwarme Licht" aus den tropischen Wäldern dringt, dort werden die Grenzen zum nicht Sichtbaren und Dahinterliegenden behutsam aufgetan.

Das Gesicht in der Tiefe der Strasse

Momente einer Stadt

Von Wolfgang Hermann

Otto Müller Verlag, Salzburg, Wien 2004

157 Seiten, geb., e 16,-

Das japanische Fährtenbuch

Von Wolfgang Hermann

Neugebauer Verlag, Feldkirch, Graz 2003. 76 Seiten, geb., e 14,90

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