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Feuilleton

Versuch und Irrtum

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Eine kritische Würdigung von Karl R. Popper aus Anlass seines 100. Geburtstages.

Zwei grundlegende Ideen waren für Poppers Denken von seiner frühesten Jugend an bestimmend: die Idee der Fehlbarkeit des Menschen und die Idee der Falsifizierbarkeit von Hypothesen und Theorien. Beide Ideen hängen eng miteinander zusammen und werden daher auch häufig miteinander verwechselt. Dabei sind sie leicht voneinander zu unterscheiden: Fehlbarkeit ist eine Eigenschaft von Menschen, Falsifizierbarkeit jedoch eine Eigenschaft von Hypothesen und Theorien, also von Aussagen und Behauptungen.

Fehlbarkeit

Die These von der menschlichen Fehlbarkeit bezieht sich nicht nur auf den Bereich des Erkennens sondern auch auf den Bereich der Praxis und der Politik. Diese prinzipielle Irrtumsfähigkeit bzw. Fehleranfälligkeit nennt man Fallibilität; von daher leitet sich die Charakterisierung von Poppers Philosophie als Fallibilismus ab.

Poppers Fallibilismus besagt nicht - wie manchmal zu Unrecht unterstellt wird -, dass wir Menschen nur irren und Fehler machen, dass wir also nie die Wahrheit erkennen und nie fehlerfrei handeln. Dass das nicht gemeint sein kann, lässt sich ganz einfach klarmachen: Wenn jemand glaubt, es gebe schwarze Löcher, und jemand anderer glaubt, es gebe keine schwarzen Löcher, muss eines von beiden wahr sein. Wir können bloß nie (oder zumindest fast nie) sicher wissen, ob etwas wahr ist. Der Fallibilismus schließt also keineswegs aus, dass es Wahrheit gibt und dass wir sie auch gelegentlich erkennen; er schließt nur aus, dass wir uns der Wahrheit gewiss sein können. Wie die Geschichte der Wissenschaften lehrt, haben sich oft sogar "Einsichten", die den Menschen als absolut sicher und einleuchtend galten, später als falsch erwiesen. Das einzige, was nach Popper sicher ist, ist die sokratische Einsicht, dass wir nichts oder fast nichts sicher wissen, außer eben gerade das: dass wir nichts oder fast nichts sicher wissen.

Wie wichtig für Popper die Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit war, zeigt sich in seiner Autobiographie (erschienen unter dem Titel "Ausgangspunkte"), die er mit einem Kapitel über dieses Thema eröffnet: Darin berichtet Popper, er verdanke die sokratische Einsicht in die Unendlichkeit seines Nichtwissens dem Tischlermeister Adalbert Pöschl, bei dem er neben seinem Universitätsstudium in die Lehre ging und von dem er sich immer wieder sagen lassen mußte: "Da können S' mi' frag'n, was Sie woll'n: ich weiß alles ..."

Die wichtigsten Stationen

Karl R. Popper wurde am 28. Juli 1902 am Himmelhof in Ober-St.Veit (Wien-Hietzing) geboren. Nach kurzer jugendlicher Begeisterung für den Kommunismus wurde Popper bereits mit 17 Jahren zum erklärten Anti-Marxisten, nachdem er den dogmatischen Charakter und die intellektuelle Anmaßung des Marxismus durchschaut hatte. Popper fühlte sich vom Marxismus vor allem deshalb abgestoßen, weil dieser nicht nur von jedem seiner Anhänger verlangt, sein eigenes Leben für die "gute Sache" einzusetzen (was jeder mit sich selbst ausmachen muss), sondern auch, das Leben anderer Menschen aufs Spiel zu setzen, falls es zur Erreichung politischer Ziele erforderlich ist. Dabei ist es aus wissenschaftlicher Sicht höchst fragwürdig, ob das dafür in Aussicht gestellte Ziel, bessere Lebensbedingungen zu schaffen, auch wirklich erreicht wird; der Marxismus beruht nämlich trotz seines Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit auf dogmatischen Voraussetzungen und bleibt eine bloße Ideologie.

Popper verfasste schon in frühester Jugend kritische Aufsätze gegen den Marxismus, veröffentlichte sie jedoch nicht, weil der damalige Anti-Marxismus in Österreich vom Faschismus geprägt und daher "noch weit schlimmer als der Marxismus" selbst war. Es ist daher ungerecht, wenn Popper später von manchen "ins rechte Eck" gestellt wurde, bloß weil er den Marxismus ablehnte. Erst später, als er es angesichts der Bedrohung durch den Faschismus für erforderlich hielt, veröffentlichte Popper seine Kritik am Marxismus und anderen totalitären Sichtweisen, insbesondere in seinen beiden Büchern "Das Elend des Historizismus" (engl. Originalausgabe 1944/45) und "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (engl. Originalausgabe 1945).

Trotz seiner Ablehnung des Marxismus' hatte Popper großen Respekt vor der damaligen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Österreich, auf die er in seiner Autobiographie ein hohes Lied anstimmte. Vor allem hatte er aber eine hohe Achtung vor den arbeitenden Menschen. Er begann eine Tischlerlehre; außerdem war er als Erzieher für sozial gefährdete Kinder in Wien tätig. Nach der Matura (1922) schloss er die Ausbildung zum Volksschullehrer ab; später erwarb er auch noch die Lehrbefähigung für Mathematik und Physik an Hauptschulen, nachdem er kurz zuvor (1928) an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert worden war. Ab 1930 hatte er eine Anstellung als Hauptschullehrer, und im Frühjahr 1937 übernahm er eine Dozentur in Christchurch (Neuseeland). Ab Anfang 1946 lehrte er dann bis zu seiner Emeritierung an der London School of Economics and Political Science. Auch nach seiner Emeritierung blieb Popper in England und wohnte in der Nähe von London, wo er 1994 starb.

Bereits während seiner Tätigkeit als Lehrer legte Popper die Grundlage für seine spätere internationale wissenschaftliche Karriere. Von einem umfangreichen Manuskript, das er in dieser Zeit verfasste, erschien 1934 ein Extrakt unter dem Titel "Logik der Forschung". Dieses Werk begründete Poppers wissenschaftlichen Ruhm und blieb sein Hauptwerk.

Bei der Entwicklung der Hauptideen dieses Werkes bildete der Wiener Kreis so etwas wie einen intellektuellen Reibebaum für Popper, der die sogenannte "linguistische Wende" in der Philosophie, die mit Wittgensteins "Tractatus" eingesetzt hatte und im Wiener Kreis fortgesetzt wurde, von allem Anfang an vehement ablehnte: Für Popper gibt es echte philosophische Probleme, Philosophie lässt sich für ihn daher nicht - wie bei Wittgenstein und zum Teil im Wiener Kreis - auf bloße Sprachkritik reduzieren. Dem Sinnkriterium des Wiener Kreises setzte Popper sein Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft entgegen.

Falsifizierbarkeit

Wittgenstein und die Vertreter des Wiener Kreises wollten mit ihrem Sinnkriterium so etwas wie ein "Lackmuspapier" zur Unterscheidung zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen liefern. In erster Linie sollten dadurch metaphysische und religiöse Sätze als sinnlos entlarvt werden. Dies schien deshalb erforderlich, weil metaphysische Hypothesen sich immer wieder selbst in die strengen Wissenschaften zu deren Schaden eingeschlichen hatten und ebenso wie religiöse Lehren sehr oft zur Unterdrückung der Menschen eingesetzt worden waren.

Popper zufolge war jedoch die Suche nach einem solchen Sinnkriterium ein müßiges Unterfangen. Für ihn war viel wichtiger, die Wissenschaften von den Pseudowissenschaften abzugrenzen, zu denen er nicht nur die Astrologie, sondern auch die Lehren des Marxismus und der Psychoanalyse rechnete. Das von Wittgenstein und den Vertretern des Wiener Kreises vorgeschlagene Kriterium der Verifizierbarkeit taugt nach Popper weder als Sinn- noch als Abgrenzungskriterium, da oft auch gut bewährte Theorien, die als absolut sicher gelten, später sich als falsch erweisen, also falsifiziert werden. Popper schlug daher die Falsifizierbarkeit als Kriterium für die Abgrenzung zwischen den Sätzen der Wissenschaften und jenen der Pseudowissenschaften vor.

Dass ein Aussage- oder Behauptungssatz falsifizierbar ist, heißt nichts anderes, als dass Umstände bzw. Sachverhalte denkbar sind, bei deren Gegebensein der betreffende Satz falsch wäre. Der Satz, dass die Erde (annähernd) kugelförmig ist, ist falsifizierbar, denn er wäre ja falsch, wenn die Erde tatsächlich scheiben- oder würfelförmig wäre, was zumindest denkbar ist. Ebenso ist der Satz falsifizierbar, dass sich alles, was aus Metall ist und erwärmt wird, ausdehnt; es ist nämlich durchaus denkbar, dass es einen Gegenstand gibt, der aus Metall ist und sich trotz Erwärmung nicht ausdehnt.

Bessere Theorie - bessere Welt

Die Begriffe der Fehlbarkeit und der Falsifizierbarkeit haben einen negativen Beiklang. Poppers Methodologie wurde daher auch mit gutem Grund (von W. V. O. Quine) als "negative Methodologie" apostrophiert. Allerdings hat dieser negative Charakter von Poppers Methodologie auch eine positive Kehrseite: Die Fehlbarkeit des Menschen fordert seine kritische Einstellung und seine Kreativität heraus, um durch die Ausmerzung von Irrtümern und Fehlern zu immer besseren Resultaten zu gelangen. Und die positive Kehrseite der Falsifizierbarkeit eines Satzes liegt darin, dass nur ein falsifizierbarer Satz einen Informationswert hat. Erst aufgrund seiner Falsifizierbarkeit können wir einen Satz strengen Prüfungen, sogenannten Falsifikationsversuchen, unterziehen; nur dadurch ist es möglich, Sätze zu bewähren, indem sie solchen Falsifikationsversuchen standhalten. Durch Versuch und Irrtum oder, genauer gesagt, durch den kreativen Entwurf immer neuer Vermutungen und Hypothesen und die nachfolgende Ausmerzung von Irrtümern und Fehlern gelangen wir zu immer besseren Theorien.

Diese Idee überträgt Popper auch auf die Praxis im Alltagsleben und in der Politik: Auch hier versuchen wir immer wieder, neue Lösungsmöglichkeiten zu entwerfen, die wir dann auf Grund von Kritik durch bessere Ansätze ersetzen. Während wir in den Wissenschaften falsifizierte Hypothesen verwerfen und durch bessere Hypothesen ersetzen, können wir in der Politik durch demokratische Wahlen Einfluss nehmen.

Interessanterweise haben sich führende Vertreter verschiedenster politischer Parteien in Deutschland und Österreich immer wieder auf Popper berufen. Das mag einem verdächtig vorkommen. Es zeigt aber nur, dass Popper das Prinzip der Demokratie im Kern richtig getroffen hat. Eine solche Berufung auf Popper muss aber selbstverständlich nicht immer berechtigt sein. (Allen Anbiederungsversuchen Jörg Haiders hat Popper jedenfalls eine klare Absage erteilt; vgl. "Alles Leben ist Problemlösen", München 1994, S. 292 f.)

Der wissenschaftliche Fortschritt beruht auf der kritischen Prüfung vorgeschlagener Hypothesen und ihrer Ersetzung durch immer bessere, d. h. der Wahrheit nähere Hypothesen. Ähnlich erfolgt der politisch-gesellschaftliche Fortschritt durch demokratische Kontrolle. Wir haben aber keine Garantie, dass es sich dabei um ein Fortschreiten zum Besseren handelt. Dafür ist unser aller kritische Wachsamkeit und Zivilcourage erforderlich, wozu uns Poppers Philosophie aufruft und anspornt.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg.

Eine kritische Würdigung von Karl R. Popper aus Anlass seines 100. Geburtstages.

Zwei grundlegende Ideen waren für Poppers Denken von seiner frühesten Jugend an bestimmend: die Idee der Fehlbarkeit des Menschen und die Idee der Falsifizierbarkeit von Hypothesen und Theorien. Beide Ideen hängen eng miteinander zusammen und werden daher auch häufig miteinander verwechselt. Dabei sind sie leicht voneinander zu unterscheiden: Fehlbarkeit ist eine Eigenschaft von Menschen, Falsifizierbarkeit jedoch eine Eigenschaft von Hypothesen und Theorien, also von Aussagen und Behauptungen.

Fehlbarkeit

Die These von der menschlichen Fehlbarkeit bezieht sich nicht nur auf den Bereich des Erkennens sondern auch auf den Bereich der Praxis und der Politik. Diese prinzipielle Irrtumsfähigkeit bzw. Fehleranfälligkeit nennt man Fallibilität; von daher leitet sich die Charakterisierung von Poppers Philosophie als Fallibilismus ab.

Poppers Fallibilismus besagt nicht - wie manchmal zu Unrecht unterstellt wird -, dass wir Menschen nur irren und Fehler machen, dass wir also nie die Wahrheit erkennen und nie fehlerfrei handeln. Dass das nicht gemeint sein kann, lässt sich ganz einfach klarmachen: Wenn jemand glaubt, es gebe schwarze Löcher, und jemand anderer glaubt, es gebe keine schwarzen Löcher, muss eines von beiden wahr sein. Wir können bloß nie (oder zumindest fast nie) sicher wissen, ob etwas wahr ist. Der Fallibilismus schließt also keineswegs aus, dass es Wahrheit gibt und dass wir sie auch gelegentlich erkennen; er schließt nur aus, dass wir uns der Wahrheit gewiss sein können. Wie die Geschichte der Wissenschaften lehrt, haben sich oft sogar "Einsichten", die den Menschen als absolut sicher und einleuchtend galten, später als falsch erwiesen. Das einzige, was nach Popper sicher ist, ist die sokratische Einsicht, dass wir nichts oder fast nichts sicher wissen, außer eben gerade das: dass wir nichts oder fast nichts sicher wissen.

Wie wichtig für Popper die Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit war, zeigt sich in seiner Autobiographie (erschienen unter dem Titel "Ausgangspunkte"), die er mit einem Kapitel über dieses Thema eröffnet: Darin berichtet Popper, er verdanke die sokratische Einsicht in die Unendlichkeit seines Nichtwissens dem Tischlermeister Adalbert Pöschl, bei dem er neben seinem Universitätsstudium in die Lehre ging und von dem er sich immer wieder sagen lassen mußte: "Da können S' mi' frag'n, was Sie woll'n: ich weiß alles ..."

Die wichtigsten Stationen

Karl R. Popper wurde am 28. Juli 1902 am Himmelhof in Ober-St.Veit (Wien-Hietzing) geboren. Nach kurzer jugendlicher Begeisterung für den Kommunismus wurde Popper bereits mit 17 Jahren zum erklärten Anti-Marxisten, nachdem er den dogmatischen Charakter und die intellektuelle Anmaßung des Marxismus durchschaut hatte. Popper fühlte sich vom Marxismus vor allem deshalb abgestoßen, weil dieser nicht nur von jedem seiner Anhänger verlangt, sein eigenes Leben für die "gute Sache" einzusetzen (was jeder mit sich selbst ausmachen muss), sondern auch, das Leben anderer Menschen aufs Spiel zu setzen, falls es zur Erreichung politischer Ziele erforderlich ist. Dabei ist es aus wissenschaftlicher Sicht höchst fragwürdig, ob das dafür in Aussicht gestellte Ziel, bessere Lebensbedingungen zu schaffen, auch wirklich erreicht wird; der Marxismus beruht nämlich trotz seines Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit auf dogmatischen Voraussetzungen und bleibt eine bloße Ideologie.

Popper verfasste schon in frühester Jugend kritische Aufsätze gegen den Marxismus, veröffentlichte sie jedoch nicht, weil der damalige Anti-Marxismus in Österreich vom Faschismus geprägt und daher "noch weit schlimmer als der Marxismus" selbst war. Es ist daher ungerecht, wenn Popper später von manchen "ins rechte Eck" gestellt wurde, bloß weil er den Marxismus ablehnte. Erst später, als er es angesichts der Bedrohung durch den Faschismus für erforderlich hielt, veröffentlichte Popper seine Kritik am Marxismus und anderen totalitären Sichtweisen, insbesondere in seinen beiden Büchern "Das Elend des Historizismus" (engl. Originalausgabe 1944/45) und "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" (engl. Originalausgabe 1945).

Trotz seiner Ablehnung des Marxismus' hatte Popper großen Respekt vor der damaligen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Österreich, auf die er in seiner Autobiographie ein hohes Lied anstimmte. Vor allem hatte er aber eine hohe Achtung vor den arbeitenden Menschen. Er begann eine Tischlerlehre; außerdem war er als Erzieher für sozial gefährdete Kinder in Wien tätig. Nach der Matura (1922) schloss er die Ausbildung zum Volksschullehrer ab; später erwarb er auch noch die Lehrbefähigung für Mathematik und Physik an Hauptschulen, nachdem er kurz zuvor (1928) an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert worden war. Ab 1930 hatte er eine Anstellung als Hauptschullehrer, und im Frühjahr 1937 übernahm er eine Dozentur in Christchurch (Neuseeland). Ab Anfang 1946 lehrte er dann bis zu seiner Emeritierung an der London School of Economics and Political Science. Auch nach seiner Emeritierung blieb Popper in England und wohnte in der Nähe von London, wo er 1994 starb.

Bereits während seiner Tätigkeit als Lehrer legte Popper die Grundlage für seine spätere internationale wissenschaftliche Karriere. Von einem umfangreichen Manuskript, das er in dieser Zeit verfasste, erschien 1934 ein Extrakt unter dem Titel "Logik der Forschung". Dieses Werk begründete Poppers wissenschaftlichen Ruhm und blieb sein Hauptwerk.

Bei der Entwicklung der Hauptideen dieses Werkes bildete der Wiener Kreis so etwas wie einen intellektuellen Reibebaum für Popper, der die sogenannte "linguistische Wende" in der Philosophie, die mit Wittgensteins "Tractatus" eingesetzt hatte und im Wiener Kreis fortgesetzt wurde, von allem Anfang an vehement ablehnte: Für Popper gibt es echte philosophische Probleme, Philosophie lässt sich für ihn daher nicht - wie bei Wittgenstein und zum Teil im Wiener Kreis - auf bloße Sprachkritik reduzieren. Dem Sinnkriterium des Wiener Kreises setzte Popper sein Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft entgegen.

Falsifizierbarkeit

Wittgenstein und die Vertreter des Wiener Kreises wollten mit ihrem Sinnkriterium so etwas wie ein "Lackmuspapier" zur Unterscheidung zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen liefern. In erster Linie sollten dadurch metaphysische und religiöse Sätze als sinnlos entlarvt werden. Dies schien deshalb erforderlich, weil metaphysische Hypothesen sich immer wieder selbst in die strengen Wissenschaften zu deren Schaden eingeschlichen hatten und ebenso wie religiöse Lehren sehr oft zur Unterdrückung der Menschen eingesetzt worden waren.

Popper zufolge war jedoch die Suche nach einem solchen Sinnkriterium ein müßiges Unterfangen. Für ihn war viel wichtiger, die Wissenschaften von den Pseudowissenschaften abzugrenzen, zu denen er nicht nur die Astrologie, sondern auch die Lehren des Marxismus und der Psychoanalyse rechnete. Das von Wittgenstein und den Vertretern des Wiener Kreises vorgeschlagene Kriterium der Verifizierbarkeit taugt nach Popper weder als Sinn- noch als Abgrenzungskriterium, da oft auch gut bewährte Theorien, die als absolut sicher gelten, später sich als falsch erweisen, also falsifiziert werden. Popper schlug daher die Falsifizierbarkeit als Kriterium für die Abgrenzung zwischen den Sätzen der Wissenschaften und jenen der Pseudowissenschaften vor.

Dass ein Aussage- oder Behauptungssatz falsifizierbar ist, heißt nichts anderes, als dass Umstände bzw. Sachverhalte denkbar sind, bei deren Gegebensein der betreffende Satz falsch wäre. Der Satz, dass die Erde (annähernd) kugelförmig ist, ist falsifizierbar, denn er wäre ja falsch, wenn die Erde tatsächlich scheiben- oder würfelförmig wäre, was zumindest denkbar ist. Ebenso ist der Satz falsifizierbar, dass sich alles, was aus Metall ist und erwärmt wird, ausdehnt; es ist nämlich durchaus denkbar, dass es einen Gegenstand gibt, der aus Metall ist und sich trotz Erwärmung nicht ausdehnt.

Bessere Theorie - bessere Welt

Die Begriffe der Fehlbarkeit und der Falsifizierbarkeit haben einen negativen Beiklang. Poppers Methodologie wurde daher auch mit gutem Grund (von W. V. O. Quine) als "negative Methodologie" apostrophiert. Allerdings hat dieser negative Charakter von Poppers Methodologie auch eine positive Kehrseite: Die Fehlbarkeit des Menschen fordert seine kritische Einstellung und seine Kreativität heraus, um durch die Ausmerzung von Irrtümern und Fehlern zu immer besseren Resultaten zu gelangen. Und die positive Kehrseite der Falsifizierbarkeit eines Satzes liegt darin, dass nur ein falsifizierbarer Satz einen Informationswert hat. Erst aufgrund seiner Falsifizierbarkeit können wir einen Satz strengen Prüfungen, sogenannten Falsifikationsversuchen, unterziehen; nur dadurch ist es möglich, Sätze zu bewähren, indem sie solchen Falsifikationsversuchen standhalten. Durch Versuch und Irrtum oder, genauer gesagt, durch den kreativen Entwurf immer neuer Vermutungen und Hypothesen und die nachfolgende Ausmerzung von Irrtümern und Fehlern gelangen wir zu immer besseren Theorien.

Diese Idee überträgt Popper auch auf die Praxis im Alltagsleben und in der Politik: Auch hier versuchen wir immer wieder, neue Lösungsmöglichkeiten zu entwerfen, die wir dann auf Grund von Kritik durch bessere Ansätze ersetzen. Während wir in den Wissenschaften falsifizierte Hypothesen verwerfen und durch bessere Hypothesen ersetzen, können wir in der Politik durch demokratische Wahlen Einfluss nehmen.

Interessanterweise haben sich führende Vertreter verschiedenster politischer Parteien in Deutschland und Österreich immer wieder auf Popper berufen. Das mag einem verdächtig vorkommen. Es zeigt aber nur, dass Popper das Prinzip der Demokratie im Kern richtig getroffen hat. Eine solche Berufung auf Popper muss aber selbstverständlich nicht immer berechtigt sein. (Allen Anbiederungsversuchen Jörg Haiders hat Popper jedenfalls eine klare Absage erteilt; vgl. "Alles Leben ist Problemlösen", München 1994, S. 292 f.)

Der wissenschaftliche Fortschritt beruht auf der kritischen Prüfung vorgeschlagener Hypothesen und ihrer Ersetzung durch immer bessere, d. h. der Wahrheit nähere Hypothesen. Ähnlich erfolgt der politisch-gesellschaftliche Fortschritt durch demokratische Kontrolle. Wir haben aber keine Garantie, dass es sich dabei um ein Fortschreiten zum Besseren handelt. Dafür ist unser aller kritische Wachsamkeit und Zivilcourage erforderlich, wozu uns Poppers Philosophie aufruft und anspornt.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg.