Reza - © Foto: Getty Images / /Corbis / Stephane Cardinale

„Serge“: Was von der Erinnerung zu erwarten ist

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Yasmina Rezas neuer Roman „Serge“ handelt von einer Familie auf der Suche nach sich selbst – eine feinsinnige Mischung aus Melancholie und Komik, die Absurditäten des Alltags offenlegt.

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Yasmina Rezas neuer Roman „Serge“ handelt von einer Familie auf der Suche nach sich selbst – eine feinsinnige Mischung aus Melancholie und Komik, die Absurditäten des Alltags offenlegt.

Es sind zuerst diese Sätze, die hängen bleiben. Mal wütende, mal nachdenkliche Sätze, die uns alle locker über die Lippen kommen, wissend, dass wir uns ihre Richtigkeit vor allem wünschen und nicht unbedingt an sie glauben. Was immer an Terroranschlägen oder Naturkatastrophen die westlichen Gesellschaften in den letzten Jahren erschütterte – sei es in New York, Paris oder Nizza –, eine wohlfeile Reaktion ließ dabei nie lange auf sich warten: dass diese Katastrophen ganz gewiss ein radikales Umdenken unseres Handelns nach sich zögen, nach sich ziehen müssten. Und immer erwies sich das als frommes Wunschdenken, das von der menschlichen Sehnsucht, alles beim Alten zu belassen, schnell außer Kraft gesetzt wurde.

Yasmina Reza integriert in ihren neuen Roman einen solchen Moment, als es zu einem Anschlag auf einen Christkindlmarkt kommt. Im Fernsehen werden die üblichen Betroffenheitsfloskeln geäußert, doch Serge, Rezas Titelfigur, will sich mit den vorgestanzten Sätzen einer Moderatorin nicht abfinden: „Das Leben kommt wieder zu seinem Recht, auch wenn natürlich nichts mehr so sein wird wie zuvor. Doch, du dumme Kuh, sagte Serge, alles wird so sein wie zuvor.“

Ja, es geht in diesem Roman um den Umgang mit Tragödien – und darum, wie die Nachwelt versucht, die Erinnerung an diese wachzuhalten. Der nicht an die Einsicht und den Veränderungswillen der Menschen glaubende Serge ist – und das ist einer der vielen Erzähltricks Yasmina Rezas – keiner, der bei Leserinnen und Lesern Sympathie weckt. Er geht halbseidenen Geschäften als selbsternannter Unternehmensberater nach und erkennt auch im Privatleben nicht, was ihm guttäte.

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