mehlschwalberl - © Foto: iStock/geoleo

Krisenstrategie mit Schwalbenesprit

1945 1960 1980 2000 2020

Wie das Wettbewerbsmodell der Schwalben aus unserem krisenhaften Wachstum für wenige einen langen Boom für alle machen würde.

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Wie das Wettbewerbsmodell der Schwalben aus unserem krisenhaften Wachstum für wenige einen langen Boom für alle machen würde.

Das Leben ist nicht selten ein Wagnis, aber noch öfter ein Waagnis. Beständig soll die Balance gehalten werden zwischen Ehrgeiz und Vorsicht, der Lust am Speed und der Präzision der besonnenen Tat. Fußballer, die sich selbst überdribbeln; Musiker, die mangels Übung gleichsam von ihren Tonleitern stürzen – „Speed kills“, heißt es doch. Aber es geht auch anders: So halten etwa Mehlschwalben in puncto Waagnis übermenschliches Niveau. Sie segeln mit bis zu 40 Stundenkilometern durch jeden noch so engen Stall und schaffen es dabei, allen­ Hindernissen auszuweichen, während sie gleichzeitig Unmengen von Fliegen erjagen.

Dieses Flugwunder mit 14 Gramm nennen Biologen „Kulturfolger“, und tatsächlich folgt die Mehlschwalbe dem Menschen nicht nur bis ans Haus, um dort zu brüten. Sie ent­wickelt auch Verhaltensweisen, die an marktwirtschaftliche Gesellschaften erinnern.

So bilden mehrere Mehlschwalben­familien eine Gemeinschaft mit starkem Wettbewerb. Man wohnt eng aneinander in Lehmbauten, und Streit scheint vielfach stilbildend zu sein. Männchen streiten um und gegen Weibchen. Weibchen jubeln anderen Weibchen Eier zur Brut unter. „Gemeinsame“ Jagd besteht darin, den vom Konkurrenten entdeckten Insektenschwarmplatz im Flugduell leer zu fressen. So schwalbt es sich mit Gekreisch durchs Leben. Ganz anders aber, wenn ein Raubvogel versucht, eine der Mehlschwalben im Flug zu schlagen. Im Nu sammeln sich die Schwalben und attackieren den Großen von allen Seiten.

Unlängst führte ein solches Schwarmkommando dazu, dass ein Sperber in meinem Garten notlanden musste. Als er sich wieder so weit zusammengerafft hatte, um erneut los zu starten, wurde er erneut gestellt und strandete
mit Getöse im Geäst des nächststehenden Hollerbuschs.

So fliegen die Schwalben vor, dass das Kooperationsgesetz in Krisenzeiten vor dem Konkurrenzgesetz Geltung hat. Die Wettbewerbsgesellschaft der Schwalbe nimmt dann automatisch eine Wendung zur Unterstützungsgesellschaft. Und dann auch wieder zurück zur Wettbewerbsgesellschaft, wenn die Herausforderung gemeis­tert ist. Die Streitbarkeit der Schwalbe im Alltag ist also nicht Selbstzweck, sondern Training für echte Ernstfälle, wie etwa den Sperber.

Das Leben ist nicht selten ein Wagnis, aber noch öfter ein Waagnis. Beständig soll die Balance gehalten werden zwischen Ehrgeiz und Vorsicht, der Lust am Speed und der Präzision der besonnenen Tat. Fußballer, die sich selbst überdribbeln; Musiker, die mangels Übung gleichsam von ihren Tonleitern stürzen – „Speed kills“, heißt es doch. Aber es geht auch anders: So halten etwa Mehlschwalben in puncto Waagnis übermenschliches Niveau. Sie segeln mit bis zu 40 Stundenkilometern durch jeden noch so engen Stall und schaffen es dabei, allen­ Hindernissen auszuweichen, während sie gleichzeitig Unmengen von Fliegen erjagen.

Dieses Flugwunder mit 14 Gramm nennen Biologen „Kulturfolger“, und tatsächlich folgt die Mehlschwalbe dem Menschen nicht nur bis ans Haus, um dort zu brüten. Sie ent­wickelt auch Verhaltensweisen, die an marktwirtschaftliche Gesellschaften erinnern.

So bilden mehrere Mehlschwalben­familien eine Gemeinschaft mit starkem Wettbewerb. Man wohnt eng aneinander in Lehmbauten, und Streit scheint vielfach stilbildend zu sein. Männchen streiten um und gegen Weibchen. Weibchen jubeln anderen Weibchen Eier zur Brut unter. „Gemeinsame“ Jagd besteht darin, den vom Konkurrenten entdeckten Insektenschwarmplatz im Flugduell leer zu fressen. So schwalbt es sich mit Gekreisch durchs Leben. Ganz anders aber, wenn ein Raubvogel versucht, eine der Mehlschwalben im Flug zu schlagen. Im Nu sammeln sich die Schwalben und attackieren den Großen von allen Seiten.

Unlängst führte ein solches Schwarmkommando dazu, dass ein Sperber in meinem Garten notlanden musste. Als er sich wieder so weit zusammengerafft hatte, um erneut los zu starten, wurde er erneut gestellt und strandete
mit Getöse im Geäst des nächststehenden Hollerbuschs.

So fliegen die Schwalben vor, dass das Kooperationsgesetz in Krisenzeiten vor dem Konkurrenzgesetz Geltung hat. Die Wettbewerbsgesellschaft der Schwalbe nimmt dann automatisch eine Wendung zur Unterstützungsgesellschaft. Und dann auch wieder zurück zur Wettbewerbsgesellschaft, wenn die Herausforderung gemeis­tert ist. Die Streitbarkeit der Schwalbe im Alltag ist also nicht Selbstzweck, sondern Training für echte Ernstfälle, wie etwa den Sperber.

Während menschliche Gruppen, die intern zerstritten sind, schon an kleinen Herausforderungen zerbrechen, passiert bei Schwalben das Gegenteil. Sie streiten um in der Krise zusammenzuhalten.

Während menschliche Gruppen, die intern zerstritten sind, schon an einem "externen Schock" oder noch weniger (etwa dem gesetzlichen Befehl Masken zu tragen), auseinanderbrechen, passiert bei Schwalben das Gegenteil. Sie wachsen noch enger zusammen. Dieses System ist aber nur dann sinnvoll, wenn der Wettbewerb vor der Krise die Individuen in ihren Fähigkeiten stärkt­ und nicht schwächt. Das scheint derzeit bei uns nicht der Fall zu sein, im Gegenteil hat Corona eine hyperkompetitive Gesellschaft erwischt, die sich gerade darin gefiel, die Schwachen noch weiter zu schwächen und die Starken weiter zu stärken.

Würde nun aber das entgegengesetzte Schwalbensystem verstanden werden, hätte nicht nur der Wettbewerb endlich mehr Sinn als bloß Wachstum an sich, er würde auf lange Frist Resilienz und mentale Stärke schaffen. Und in diesem Sinn wäre es eine Gedankenschwalbe, die im marktwirtschaftlichen Denken einen langen, gewinnbringenden Sommer auslösen würde. Man muss dazu nur in den Himmel schauen und dem Vogelflug mehr abgewinnen als nur Bewunderung.

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