Glaubensfrage

Was ist politischer Islam?

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn religiöse Werte ins Spiel gebracht werden, gilt es genau hinzusehen, welche Motivation dahinter steckt.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn religiöse Werte ins Spiel gebracht werden, gilt es genau hinzusehen, welche Motivation dahinter steckt.

Sich als gläubiger Mensch motiviert durch seinen Glauben für Menschenrechte, für Umweltschutz, für Gleichberechtigung von Mann und Frau, für Meinungsfreiheit, für Gerechtigkeit, für Minderheitenrechte und weitere humane Werte einzusetzen, ist politischer Einsatz im Namen seiner Religion. Das ist nicht nur nicht verwerflich, sondern selbstverständlicher Teil des Islams wie des Christentums.

Dieser Einsatz für humane Werte im Namen des Islams hat nichts mit dem Phänomen des politischen Islams zu tun. Denn Letzterer ist eine gefährliche Herrschaftsideologie, die politische Macht im Namen des Islams anstrebt. Der Islam wird nur als Mittel zur Macht benutzt.

Wie erkennt man in der Praxis, ob es sich bei den vertretenen religiösen Werten um Selbstzweck handelt oder um Mittel zum Ausbau der eigenen Macht? Man muss sich nur fragen, wie sich Personen und Organisationen verhalten würden, wenn es zwar um denselben Sachverhalt ginge, jedoch um eine andere Person oder Gruppe. Würde man sich auch dann für die Verwirklichung oben genannter Werte einsetzen oder würde man denken, es betrifft nicht meine Interessen?

Einige Beispiele: Wenn sich Muslime für ihre Rechte als religiöse Minderheit in Europa einsetzen, etwa für den islamischen Religionsunterricht, den Bau von Moscheen oder die Gleichbehandlung am Arbeitsmarkt oder in der Politik, tun sie dies nur, weil es ihnen nutzt oder weil es um das Prinzip von Minderheitenrechten geht? Würden sie sich genauso für die Rechte anderer Minderheiten (z. B. Homosexuelle) in islamischen wie auch nichtislamischen Ländern einsetzen? Wenn nein, dann müssten sie sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihnen nur um die eigenen Interessen geht, vielleicht sogar um die eigene Machtstellung, wo wir dann bei der Politisierung des Islams wären.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster.