"Empathie ist eigentlich egoistisch"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Kulturwissenschafter Fritz Breithaupt über die dunklen Seiten der Einfühlung: von weinenden Politikern über Helikopter-Eltern bis zu Terroristen.

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Der Kulturwissenschafter Fritz Breithaupt über die dunklen Seiten der Einfühlung: von weinenden Politikern über Helikopter-Eltern bis zu Terroristen.

Die Fähigkeit, sich in andere Individuen hineinversetzen zu können, gilt gemeinhin als zentraler Teil des Menschsein. Doch Empathie hat auch gefährliche Facetten. Der deutsche Literatur-, Kultur- und Kognitionswissenschafter Fritz Breithaupt, der an der Indiana University Bloomington (USA) lehrt, beleuchtet in seinem Buch "Die dunklen Seiten der Empathie" diese Aspekte. Ein Gespräch über die "Willkommenskultur", mitfühlende Politiker, einfühlsame Sadisten und Helikopter-Eltern, die das Leben ihrer Kinder aufsaugen.

DIE FURCHE: Herr Professor Breithaupt, für viele ist Empathie das Allheilmittel für Weltfrieden, Solidarität und Gerechtigkeit. Sie haben in Ihrem Buch diesen Nimbus ordentlich hinterfragt. Warum?

Fritz Breithaupt: Weil daraus, dass Empathie uns zum Menschen macht, eben noch nicht folgt, dass sie auch unproblematisch ist. Die Art, wie wir die Welt erleben, ist in der Tat empathisch: Wir versetzen uns in die Lage anderer Menschen, haben dadurch ein reicheres Erleben und können uns Dinge vorstellen, die wir - teilweise zum Glück - nie erleben werden. Das ist spannend und bereichernd. Aber es heißt eben nicht, dass Empathie auch immer gut ist für die Menschen, mit denen wir Empathie haben. Empathie ist eher neutral: Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf andere Menschen und manchmal führt sie uns auch zum Handeln. Aber dieses Handeln kann ungerecht oder auch selbstgefällig sein.

DIE FURCHE: Bei der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen war und ist das Thema Empathie zentral. Wie hat sich das gesellschaftliche Einfühlungsvermögen seit Beginn der "Flüchtlingskrise" verändert?

Breithaupt: Es gab hier drei Wellen. Das Erste war die Begeisterungswelle, bei der vielen die Augen aufgegangen sind, dass wir hier als Menschen gefragt sind. Das haben viele für Empathie gehalten, aber die Menschen haben sich meist nur mit den Helden identifiziert - mit Angela Merkel oder jenen Menschen, die an den Bahnhöfen Flüchtlingen geholfen haben. Hier war also auch Selbstgefälligkeit dabei. Später, als sich gezeigt hat, dass das Ganze nicht so schnell zu einem großartigen Erfolg wird, ist das ganze umgeschlagen in Ressentiment. Mittlerweile hat eine dritte Phase einer angenehmen Normalität eingesetzt, man denkt sich: Jetzt sind diese Menschen schon einmal hier, da muss man eine Lösung finden. Aber auch hier geht es nicht um Empathie. Sie entsteht eher auf individueller Ebene, wenn sich Menschen aufeinander einlassen.

DIE FURCHE: Sebastian Kurz, Österreichs Außenminister und nunmehriger Kanzlerkandidat, hat einmal in einer deutschen Talkshow mit der Aussage für Aufregung gesorgt, dass es "ohne hässliche Bilder nicht gehen" werde. Welche Macht haben Bilder, Wellen der Empathie auszulösen?

Breithaupt: Eine sehr große, denken Sie nur an das schreckliche Bild des fünfjährigen Alan Kurdi, der ertrunken am türkischen Strand angespült wurde. Das Foto ging am 2. September 2015 um die Welt, wenige Tage später wurden die Grenzen von drei Ländern geöffnet. Oder denken Sie an die Bilder der verbrannten syrischen Kinder nach einem Giftgasangriff vom April dieses Jahres, die Donald Trump veranlasst haben, eine Bombe abzuwerfen. Solche Bilder werfen uns aus der Bahn, aber wie sich bei Trump gezeigt hat, agiert man oft auch spontan und konzeptlos. Insofern muss man vorsichtig sein, was die Kraft der Bilder betrifft. Aber falls Sebastian Kurz gemeint hat, dass man sich dieser Kraft völlig verschließen sollte, stimme ich ihm überhaupt nicht zu.

DIE FURCHE: Sie sagen, dass Empathie in der Politik oft manipulativ verwendet wird. Gerade im Wahlkampf überbieten sich Politiker darin, Einfühlungsvermögen zu zeigen, Kinder zu herzen, Pflegeheime zu besuchen. Was ist hier das Manipulative?

Breithaupt: Es gibt viele politische Strategien, um Empathie auszunutzen. Wobei es für die Politiker ja im Kern darum geht, Empathie für sich selbst zu erzeugen. Im US-Wahlkampf hat sich etwa Donald Trump immer als einer präsentiert, der sich als Einziger gegen alle anderen stellt. Das ist ein toller empathischer Trick, und diese Strategie betreibt der Präsident leider nach wie vor. Andere Strategien arbeiten, wie von Ihnen erwähnt, mit Bildern eines besonders sympathischen Politikers, der Kinder liebt, Kranke besucht und stets strahlende Menschen um sich hat, sodass alle anderen dann an seiner Freundlichkeit partizipieren. Insgesamt ist Empathie in der Politik jedenfalls sehr gefährlich.

DIE FURCHE: Es ist aber auch gefährlich, als Politiker keine Empathie zu zeigen, man denke nur an die Reaktion der britischen Regierungschefin Theresa May nach dem Brand im Londoner Grenfell Tower...

Breithaupt: Politiker durchlaufen mittlerweile regelrechte Empathieschulungen, bei denen sie lernen, wie sie bei Krisen vor der Öffentlichkeit reagieren müssen. Da geht es nicht darum, was sie wirklich empfinden oder tun. Natürlich hatte Theresa May keine Schuld an der Katastrophe, aber sie hätte zumindest Empathie vorspielen und am besten eine Träne zerdrücken müssen. Das ist natürlich Augenauswischerei, aber es gehört inzwischen zum politischen Geschäft.

DIE FURCHE: Das führt mich zur zentralen These Ihres Buches, dass nämlich Empathie egoistisch geprägt sei...

Breithaupt: Ja. Sie ist vor allem einmal gut für den, der Empathie empfindet, weil das Erleben dieses Menschen erweitert, bereichert und verstärkt wird. Es gibt natürlich die Situation, wo Empathie Leben rettet, und ich bin der Letzte, der das abstreiten will. Aber zunächst und eigentlich ist Empathie sehr egoistisch. Und das kann auch dazu führen, dass Menschen Situationen immer wieder aufsuchen, die zwar für sie Empathie erzeugen, unter denen aber andere Menschen auch leiden können.

DIE FURCHE: Weshalb sich Empathie und Sadismus nicht ausschließen...

Breithaupt: In der Tat. Die meisten Menschen verstehen Empathie ja als etwas Positives: Man trifft Menschen in Notsituationen, fühlt mit ihnen mit und will ihnen helfen. Es kann aber auch den Effekt geben, dass jemand nur Empathie um der Empathie willen erleben will -und im schlimmsten Fall andere physisch und psychisch quält, um sich an ihrem Leiden zu ergötzen.

DIE FURCHE: Sie sprechen auch von "empathischen Vampiren". Was bedeutet das?

Breithaupt: Hier handelt es sich um eine Missbrauchsform, wo Menschen die anderen nur als eine Hülse benutzen, um durch sie etwas zu erleben. Sie saugen die anderen aus wie Vampire, um an deren Leben teilzuhaben. Dazu gehören etwa Stalker oder Fans, aber auch sogenannte "Helikopter-Eltern", die durch ihre Kinder noch einmal ihre Kindheit oder Jugend erleben wollen. Und das schadet den Kindern, weil ihnen das eigene Leben von den Eltern aus der Hand genommen wird, sei es, weil die Eltern zu vorsichtig sind, oder weil sie ihre Kinder zu sehr in Erfolgsgeschichten hineindrücken.

DIE FURCHE: Empathie kann nicht zuletzt auch zu Terrorismus führen. Man könne Terroristen oft weniger durch ihren Hass als durch ihre Zuneigung verstehen, sagen Sie.

Breithaupt: Der Punkt ist, dass es durch Empathie eine große Parteinahmedynamik gibt. Menschen tendieren bei einem Konflikt dazu, schnell Partei zu ergreifen und dann die Emotionen dieser Seite immer mehr zu teilen, was die Polarisierung verstärkt. Am Ende kann es so weit kommen, dass - wie beim Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern -Menschen sich für die schwächere Seite entscheiden und dann die andere, vermeintlich unterdrückende Seite so sehr verteufeln dass sie auch Morde oder terroristische Anschläge verüben - gleichsam "aus Liebe" für ihr eigenes Volk. Insofern ist Terrorismus ein extremes Beispiel für Polarisierung durch Empathie.

DIE FURCHE: Empathie scheint also eine Frage des rechten Maßes zu sein. Kann man lernen, dieses richtige Maß zu finden?

Breithaupt: Es braucht hier lebenslanges Lernen. Wir sind zwar auf Empathie geeicht, müssen aber lernen, wo wir Grenzen ziehen müssen. Es kann jedenfalls nicht darum gehen, Empathie ganz zu blockieren, das wäre schrecklich, sondern es geht darum, zu überlegen: Was sind die Effekte meines Mitgefühls? Ergreife ich Partei? Menschen, die im psychologischen oder sozialen Bereich tätig sind, bekommen oft schon Supervision, weil Empathie ja auch mit Selbstverlust verbunden ist und dies dazu führen kann, dass man dem anderen ausgeliefert ist - wie die Geisel im Stockholm-Syndrom. Aber die Auseinandersetzung damit wäre für alle wichtig, und zwar schon in der Schule. Die beste Empathieschule ist hier übrigens der Deutsch- und Literaturunterricht. Denn es gibt keinen Ort, wo wir Empathie so sehr in Reinform empfinden, wie wenn wir in eine Geschichte eintauchen.

BUCHTIPP:

Die dunklen Seiten der Empathie

Von Fritz Breithaupt.

Suhrkamp 2017,227 Seiten kartoniert € 16,50

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