Vehementes Plädoyer eines Praktikers

Als Organist, Priester und Autor ist Peter Paul Kaspar prädestiniert, ein Buch über Kirchenmusik zu schreiben; sein weiter Blick auf die Vielfalt geistlicher Musik als Kulturphänomen wie als eigenständige religiöse Aussage macht "Musica Sacra" lesenswert: Hier wird Musik in ihrer Eigengesetzlichkeit ernstgenommen und gegen ihre Verzweckung oder Indienstnahme durch eine "autoritäre Religionsverwaltung" polemisiert. Musikgeschichte und Theologie werden nicht als fachspezifische Information referiert, sondern in den spirituellen Atem der Betrachtungen integriert.

Kaspars Liturgieverständnis basiert auf dem Konzil und ist das vehemente Plädoyer eines Praktikers für eine anspruchsvolle Kirchenmusik. Er nennt die Defizite in der praktischen Umsetzung der Liturgiereform kritisch beim Namen, ohne einer Reästhetisierung des Gottesdienstes das Wort zu reden. Kaspar ist kein Stilpurist, und gegenüber Mißverständnissen und Fehlentwicklungen blitzt oft charmante Ironie auf. Besonders hervorzuheben ist, daß Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirchenmusik ernstgenommen und gegeneinander abgewogen werden.

Uneingelöst bleibt der Anspruch des Untertitels "Das große Buch der Kirchenmusik"; dazu bedürfte es einer Literaturliste, eines Registers und vor allem: detaillierterer Sachinformation. Diese ist für einen Folgeband angekündigt. Besonders schmerzlich ist, daß die große Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts völlig ausgeblendet wurde: So ist im Kapitel über Passionen keine Rede von Pendereckis Lukas-Passion, die Namen Olivier Messiaen oder Arvo Pärt sucht man ebenso vergebens wie Anton Heiller oder Zoltan Kodaly. Das ist unverständlich, weil der Autor gerade gegen die Musealisierung der Kunst polemisiert und bedauerlich, weil es diese Musik in der Kirche wie im Konzertsaal besonders schwer hat.

Trotzdem wünscht man dieses Buch in die Hände aller Träger von Liturgie und Kirchenmusik in den Gemeinden; sie finden darin zahlreiche praktische und grundsätzliche Anregungen, um produktiv über ihre Arbeit nachzudenken. Von großem Nutzen ist das Buch für alle Freunde der Musica Sacra in Kirche und Konzert. Die sorgfältig ausgewählten Farbtafeln machen es zum schönen Geschenkbuch, die wortgetreuen Übersetzungen der lateinischen Texte sind ein wichtiges Instrument für den Laien, der diese Musik nicht nur konsumieren will, sondern sich dem spirituellen Hintergrund öffnet, der hier so reichlich erschlossen wird.

Musica Sacra. Das große Buch der Kirchenmusik. Von Peter Paul Kaspar. Verlag Styria, Graz 1999, 172 Seiten, 16 Seiten Farbbilder, geb., öS 350,-/e 25,44

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