Digital In Arbeit

200 Kilo pro Kopf

Der Papierkonsum ist vor allem in den Industrieländern in den letzten 50 Jahren enorm gestiegen. Mit einem Anhalten des Booms wird gerechnet.

Überfüllte Schreibtische, überquellende Postkästchen, Werbematerial an jeder Wohnungstür: Papier, ein Massenprodukt, dessen Siegeszug weiterhin unaufhaltsam zu sein scheint. Und dabei - auf welche Erfolgsstory kann dieses Produkt nicht schon allein im letzten Jahrhundert zurückblicken! Lag der Papierverbrauch im 19. Jahrhundert noch etwa drei Kilo pro Kopf, so erhöhte er sich bis in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts auf 30 Kilo, um derzeit bei etwa 200 zu liegen.

Wie bei fast allen Gütern geht dieser hohe Wert auf das Konto der Industrieländer: 71 Prozent der Weltpapier-Erzeugung finden dort ihren Abnehmer. Spitzenreiter sind die US-Bürger: 337 Kilo pro Kopf und Jahr. Der Durchschnittsafrikaner kommt hingegen mit sechs Kilo aus. Da man bei wachsender Bevölkerung, steigendem Lebensstandard und zunehmender Lesekundigkeit mit einem Zuwachs beim Papierverbrauch rechnet, wird der Papierbranche eine strahlende Zukunft vorhergesagt: 30 bis 50 Prozent mehr Absatz bis 2010.

Solche Prognosen treiben den Ökologen die Schweißperlen auf die Stirn, befürchten sie doch zu Recht, dass eine solche Ausweitung nur auf Kosten des weltweiten Waldbestandes - er ist jetzt schon gefährdet - gehen könnte. Denn die Zellstoff- und Papierindustrie zählt weltweit zu den Großverbrauchern an Holz.

Das war ja die große Entdeckung im 19. Jahrhundert, dass sich Holz als Rohstoff für die Papiererzeugung eignete. Bis dahin hatte man sich mit Alttextilien dahinfretten müssen. Ihre verfügbare Menge war längst zum Engpass bei der Befriedigung der rasch wachsenden Nachfrage nach Papier geworden. Ein Sachse, Friedrich G. Keller gelang es, Holz mechanisch an einem Schleifstein entsprechend aufzubereiten. Das dabei hergestellte Produkt erwies sich allerdings alsbald als brüchig. Es vergilbte rasch.

Erst der Einsatz besonderer chemischer Verfahren brachte dann die gewünschten Ergebnisse und löste eine Revolution der Papiererzeugung aus, die jedoch nicht stattgefunden hätte, wären nicht vorher schon leistungsfähige Papiermaschinen entwickelt worden. Diese funktionierten etwa folgendermaßen: Das Ausgangsmaterial, der Faserbrei, wird auf ein endlos sich bewegendes Faservlies aufgetragen. Der größte Teil des Wassers fließt dort sofort ab. Dann wird das Vlies auf ein Filztuch übertragen, das durch mehrere Walzen läuft, um weiteres Wasser herauszupressen. Schließlich wird das Papier über einen erhitzten Trockenzylinder geführt und weitere Walzen glätten es, bevor es auf Rollen gewickelt wird. 1827 war eine solche Maschine bereits imstande, dieselbe Menge Papier zu erzeugen wie vorher 50 bis 60 handwerklich tätige Arbeiter.

Was sich seither an der Papierherstellung geändert hat? Die Papierbahnen wurden breiter, die Maschinen geschwinder, elektrische Antriebe lösten Dampf- und Wasserkraft ab. Es gab Spezialentwicklung für verschiedene Qualitäten des Produkts (siehe Seite 14). Die moderne Mess- und Regeltechnik ermöglichte die Automatisierung des Vorgangs, was der Gleichmäßigkeit des Produkts sehr zugute kam.

Heute gibt es Maschinen mit unvorstellbarer Kapazität: Sie stoßen zehn Meter breite Papierbänder mit einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometer aus und erzeugen damit 500.000 Tonnen Papier im Jahr.

CG

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau