Geschichte einer zarten Annäherung

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Dass Religion mit primitiven Trieben und Schuldkomplexen in Verbindung steht, hat Freud in Schriften wie "Totem und Tabu" und "Der Mann Moses" eindringlich darzustellen gewusst. Seine Religionskritik hat eine Annäherung zwischen Psychoanalyse und Theologie deutlich erschwert. Die Ablehnung des Freudschen Ansatzes von Seiten der Theologie und Seelsorge war zumindest teilweise dadurch bedingt. Auf den ersten Blick ist die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Theologie von gegenseitiger Kritik belastet. Bei näherem Hinsehen aber wird die Geschichte wesentlich vielschichtiger, wie Herman Westerink bei den "Maimonides-Lectures" erläuterte.

"Freud hat seinen ersten Text über Religion 1907 auf Einladung des evangelischen Pfarrers Gustav Vorbrodt geschrieben und damit den Eröffnungsaufsatz einer neuen Zeitschrift für Religionspsychologie geliefert", so der niederländische Theologe von der Radboud-Universität Nijmegen. "Theologen haben nicht nur ablehnend auf die angewandte Psychoanalyse reagiert, sondern auch eine proaktive Rolle gespielt." Und es war ein weiterer Geistlicher, der kurz darauf versuchen sollte, die Psychoanalyse erstmals für die Theologie und Seelsorge fruchtbar zu machen: Der Schweizer Pfarrer Oskar Pfister unterhielt ab 1909 eine Freundschaft zu Sigmund Freud - und wie Vorbrodt war er der festen Überzeugung, dass die Psychologie eigentlich die Kerndisziplin der Theologie sein sollte.

Freuds Werk als "Fremdprophetie"

Bald nachdem der amerikanische Psychologe William James sein wegweisendes Werk über die "Vielfalt religiöser Erfahrung" veröffentlicht hatte, predigten die beiden Pfarrer die Abkehr von einer lebensfremden Dogmatik und die Besinnung auf religiöse Gefühle und Erfahrungen: Das Wesen der Religion war für sie vor allem im Seelenleben des Menschen zu entdecken, in jenen psychischen Prozessen, die in Verbindung mit Liebe und Glauben gesetzt werden können. Und war nicht Freud, der aufstrebende Nervenarzt aus Wien, eben der Spezialist für diese organisch bedingten Prozesse?

Pfisters Überlegungen bereiteten in der Theologie, Seelsorge und "Pastoralpsychologie" den Boden für einen neuen Blick auf die Psychoanalyse, die in den 1960er Jahren mitunter sogar als "Fremdprophetie" erschien. Im Hintergrund stand die Auffassung, dass Freuds Methode ein effektives Verfahren für die religiöse "Seelenhygiene" bereit stellen könnte.

Dass Psychoanalyse und Theologie dann doch nicht Hand in Hand durch die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts spaziert sind, liegt auch daran, dass sich Freud letztlich dagegen verwehrte, die Psychoanalyse zu einer Ethik und Weltanschauung zu entwickeln. "Aus Freuds Perspektive geht es nicht darum, Kriterien zu finden für die Definition normaler oder gesunder Religiosität", bemerkte Westerink. "Es geht um etwas ganz anderes, was aber für die Theologie letztlich nicht weniger interessant ist, nämlich die Erforschung der Religion als Schauplatz psychischer Dynamiken."

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