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In fast jedem Punkt überholt

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Johann August Schülein ist neuer Präsident der Wiener Freud-Gesellschaft. Die Machtübergabe ging allerdings nicht glatt über die Bühne.

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Johann August Schülein ist neuer Präsident der Wiener Freud-Gesellschaft. Die Machtübergabe ging allerdings nicht glatt über die Bühne.

dieFurche: Sie sind seit Jänner Präsident der Österreichischen Sigmund Freud-Gesellschaft. Wie wollen Sie Freuds Erbe weiterführen?

Schülein: Die Freud-Gesellschaft soll ausdrücklich die nicht-therapeutischen Anwendungen der Psychoanalyse fördern. Einerseits trägt sie das Museum. Andererseits soll die Freud-Gesellschaft die soziale und kulturwissenschaftliche Bedeutung der Psychoanalyse pflegen. In Form von Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen suchen wir die interdisziplinäre Kooperation mit anderen Wissenschaften. Ich könnte mir vorstellen, gezielt Projekte zu fördern, etwa die Untersuchung der Problemlage von Scheidungskindern.

dieFurche: Sie sind Soziologe. Wie kann ein Nicht-Analytiker zum Präsidenten der Freud-Gesellschaft gewählt werden? Was sind Ihre Kompetenzen?

Schülein: Ich habe Psychoanalyse, neben Psychologie und Soziologie, als akademisches Fach studiert. Die Psychoanalyse ist eine hervorragende Ergänzung zur Soziologie. Diese abstrahiert von dem einzelnen Menschen, weil sie auf die strukturellen Zusammenhänge fokussiert. Die Soziologie muß aber eine Vorstellung davon haben, warum Menschen etwas tun. Und da bietet die Psychoanalyse ausgezeichnete Erklärungsmodelle.

Zur Freud-Gesellschaft bin ich dadurch gekommen, da es hier interne Konflikte gegeben hat. Die Auseinandersetzungen waren so gravierend und heftig, daß Präsident und Vorstand nicht mehr kooperieren konnten. Das führte zu einer Lähmung und man hat jemanden gesucht, der in diese Auseinandersetzungen nicht verstrickt war. Da ich bis dahin kein Mitglied der Freud-Gesellschaft war und auch kein Psychoanalytiker bin, wurde mir diese Stellung angeboten.

dieFurche: Ihr Vorgänger, Harald Leupold-Löwenthal, warf Ihnen in Zusammenhang mit Ihrer Wahl in einem Interview vor, daß nun das Erbe Freuds gefährdet wäre und ein Disneyland für Freud-Fans drohe.

Schülein: Diese Gefahr sehe ich nicht. Ich mag Disneyland ebenfalls nicht. Für mich ist jetzt wichtig, wie man die Streitparteien wieder an einen Tisch bekommt.

dieFurche: Will Leupold-Löwenthal Ihre Wahl anfechten?

Schülein: Es wird möglicherweise noch eine Auseinandersetzung vor dem Schiedsgericht geben. Das muß man auf sich zukommen lassen. Bei Streitigkeiten in Vereinen können die Wogen sehr hoch schlagen. Die eine oder andere Seite findet immer etwas, wo sie meint, daß das nicht satzungskonform war. Ich selbst kann dazu aber wenig sagen, denn ich habe das nicht mitbekommen.

dieFurche: Themenwechsel zu Freud: Vor rund 100 Jahren erschien eines seiner bedeutendsten Werke, die Traumdeutung. Wie ist es erklärbar, daß in dieser doch relativ kurzen Zeit seine Theorien so umfassend Eingang in unser Denken gefunden haben?

Schülein: Wenn sich Denkweisen in so kurzer Zeit durchsetzen, dann gibt es dafür einen gesellschaftlichen Bedarf. In diesem Fall ist der Hintergrund relativ leicht zu identifizieren. Das 19. Jahrhundert veränderte die Funktionsweise unserer Gesellschaft grundlegend. Und zwar nicht nur durch die industrielle Revolution. Es gab auch eine starke Tendenz zur Individualisierung und eine Entlassung aus traditionellen Bindungen. Es entstand die Notwendigkeit für den einzelnen, das Leben selbst zu organisieren und zu planen. In modernen Gesellschaften herrscht ein Supermarkt an unterschiedlichen Orientierungen. Es nimmt einem niemand die Entscheidung ab, welche man davon wählt. Im Zuge dieser Entwicklungen ist das Reflexionsvermögen gewaltig gestiegen. Das erfaßt die persönliche Identität und die Beziehungswirklichkeit. Man muß sich auf andere Menschen einstellen. Die psychologische Reflexion ist die notwendige Folge dieser neuen Möglichkeiten.

dieFurche: Wie haben die Theorien von Sigmund Freud unsere Gesellschaft verändert?

Schülein: Unsere Wahrnehmung hat sich beispielsweise verändert. Etwa daß jemand nicht einfach nur ein Verbrecher ist, sondern daß dahinter meist eine zerstörte psychische und soziale Identität steht. Im vorigen Jahrhundert wurde jemand für die Tat verantwortlich gemacht. Es wurde nicht darüber nachgedacht, warum jemand so etwas tut.

dieFurche: Überspitzt formuliert: Heute hat jeder Mensch sein eigenes persönliches Kindheitstrauma und wird dadurch zum Opfer. Ein Verbrecher kann für seine Tat eigentlich nichts dafür, weil er vielleicht von seinem Vater geschlagen worden ist. Ist das nicht eine Ausrede und Entschuldigung für viele bewußt gesetzte Handlungen?

Schülein: Nicht unbedingt. Etwas verstehen heißt nicht unbedingt verzeihen, das wäre sogar dumm. Verstehen heißt nur, daß man begreift, warum etwas zustande kommt. Aber das ist keine normative Entscheidung. Die Psychoanalyse enthält sich einer normativen Kritik. Zwischen der Interpretation und Beurteilung besteht ein großer Unterschied.

dieFurche: Die Psychotherapie hat sich heute in viele verschiedene Richtungen aufgespalten. Kritiker sprechen von einem chaotisch gewordenen Psychomarkt. Was blieb von der ursprünglichen Lehre Freuds erhalten? Welchen Stellenwert nimmt die Psychoanalyse heute ein?

Schülein: Freud hat bereits damals gesagt, daß die Psychoanalyse in Zukunft zwar eine besondere Therapieform, aber nur eine unter vielen sein wird, und daß es andere Möglichkeiten gibt. Freud sah die besondere Bedeutung der Psychoanalyse darin, daß sie eine allgemeine Theorie psychodynamischer Prozesse darstellt. Als solche ist sie bis heute unübertroffen. Freuds Lehren sind jedoch in fast jedem Punkt überholt. Das ist bei Pionieren zwangsläufig so. Was wäre das für ein Armutszeugnis für die Psychoanalyse, wenn sie heute noch die Thesen vertreten würde, die Freud vor 100 Jahren formulierte? Die Theorie der Psychoanalyse hat sich erheblich weiterentwickelt und sie kann heute differenzierte Theorieangebote machen.

dieFurche: Welche Möglichkeiten der Orientierung gibt es bei der Fülle von Therapieangeboten?

Schülein: Leider keine. Der Markt ist wirklich unübersichtlich, und es ist für den einzelnen mehr oder weniger Zufall, auf welche Information er stößt. Das kann natürlich auch schief gehen. Andererseits gibt es im Moment keine Vorstellungen darüber, wie man diesen Markt regeln könnte. Dazu kommt, daß das Verständnis der traditionellen Medizin für psychische Probleme immer noch, höflich gesagt, unterentwickelt ist, sodaß diese sehr wichtige Verbindung noch nicht geklärt ist. Die Unübersichtlichkeit ist aber der Preis dafür, daß der Zugang relativ liberal ist, und das sollte auch so bleiben. Wenn man hier rigide vorgehen würde, wäre das sehr problematisch. Es gibt natürlich auch viele Scharlatane. Grenzen zu ziehen wäre aber heikel. Sanktionen und Kontrollen sind kostenintensive und problematische Instrumente der Steuerung. Der bessere Weg ist die Aufklärung.

dieFurche: Welche Zukunft hat die Psychoanalyse?

Schülein: Momentan bläst ihr deutlich der Wind ins Gesicht, da es in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren eine starke Hinwendung zur biologischen Betrachtungsweise gegeben hat. Die Gehirnphysiologie hat enorme Fortschritte gemacht, und das führt immer dazu, daß solche Neuerungen Erklärungsmonopole für sich in Anspruch nehmen. Die ausschließliche Behandlung mit Medikamenten deckt Probleme aber nur zu. Es wird suggeriert: Nimm die Pille und du bist deinen Kummer und deine Sorgen los. Das ist wohl die infantilste Form der Auseinandersetzung mit einem Problem.

Das Gespräch führte Monika Kunit.

Zur Person Universitätsprofessor Johann August Schülein, 1947 in Göttingen, Deutschland, geboren, lehrt am Institut für allgemeine Soziologie der Wirtschaftsuniversität Wien. Schülein kam als Quereinsteiger in die Wiener Sigmund Freud-Gesellschaft. Vorher weder Mitglied noch selbst Psychoanalytiker, wurde Schülein vor einem halben Jahr zum neuen Präsidenten gewählt. Sein Vorgänger, der bekannte österreichische Psychoanalytiker Harald Leupold-Löwenthal, gab nicht freiwillig das Ruder aus der Hand. Heftige Streitereien zwischen Vorstand und Präsidenten führten zu dessen Abwahl. Schülein soll nun die Streitparteien wieder an einen Tisch bringen. kun.

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