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Taferlrücken in Klausenburg

Nicht nur Jörg Haider lässt zweisprachige Tafeln abmontieren: an einer rumänischen Universität sind sie gar ein Entlassungsgrund.

Als Ungar in Rumänien weiß man nie, wo man in seiner Muttersprache sprechen kann - bei Polizei, Gerichten und Behörden in der Regel nicht. Dabei sind die 1,5 Millionen Ungarn in Rumänien nach den spanischen Katalanen die größte Sprachminderheit im heutigen Europa und machen 6,6 Prozent der Bevölkerung Rumäniens und gar 21 Prozent der Einwohner Siebenbürgens aus. Es gibt Gebiete, wo die Ungarn sogar die Mehrheit sind, es gibt Orte friedlichen Zusammenlebens und latente Konfliktregionen: In Cluj-Napoca (ungarisch Kolozsvár, deutsch Klausenburg) kann man auch angebrüllt werden, weil man im Geschäft oder im Bus Ungarisch spricht. Dabei hat die Stadt etwa 20 Prozent ungarischsprachige Bewohner; ungarische Ortstafeln gibt es freilich nicht, und eine ungarische Speisekarte im Restaurant ist reine Glückssache.

Alles, nur kein Ungarisch

Die Universität von Klausenburg freilich rühmt sich ihrer Multikulturalität, zumindest auf dem Papier - vor allem, wenn es für die EU geschrieben wird. Besucht man jedoch die Hohe Schule, die mit über 47.000 Studierenden, 21 Fakultäten und über 1500 Lehrkräften eine der größten des Landes ist, so stellt man erstaunt fest: Vom Hauptportal bis zur Institutstür findet sich keine ungarische Aufschrift, alle Anschläge, Dokumente und Diplome sind rumänisch. Viele Fächer - Ingenieurwissenschaften etwa - können die Ungarn nicht in ihrer Muttersprache studieren. Ungarische Fakultäten gibt es nur in Theologie (katholisch und reformiert).

Bis 1959 jedoch hatten die Ungarn in Klausenburg ihre eigene Bolyai-Universität. Sie wurde mit der rumänischen Babes\0xB8-Universität zwangsvereinigt - ein Werk des kommunistischen Diktators Nicolae Ceaus\0xB8escu und Ion Iliescus, der bis Dezember 2004 Rumäniens Präsident war. Seit 1990 gibt es Bestrebungen zur Wiedereröffnung der ungarischen Bolyai-Universität. Der Physiker Péter Hantz und der Mathematiker Lehel Kovács haben als Vizepräsidenten und treibende Kräfte des Bolyai-Initiativkomitees im Februar 2006 eine Petition von wichtigen Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern für ihr Anliegen organisiert, die in der Londoner Times veröffentlicht wurde. Hantz und Kovács hatten dafür die Disziplinarkommission am Hals. Der Rektor, so Hantz gegenüber der Furche, habe mehrsprachige Aufschriften im Universitätsgebäude zugesagt, doch geschehen sei nichts; so habe man dafür ein Ultimatum bis zum 19. November 2006 gesetzt. Am 22. November hat Hatz dann eigenmächtig mehrere ungarischsprachige Aufschriften neben den rumänischen angebracht; sie wurden sofort entfernt, Hantz und Kovács von der Universität entlassen.

Seither kommt die Klausenburger Universität nicht zur Ruhe, auch wenn nicht alle ihre ungarischen Mitglieder uneingeschränkt hinter der aktionistischen Schilder-Aktion stehen. Etwa 800 Menschen haben in der Stadt für die Rücknahme der Entlassung demonstriert, die beiden ungarischen Vizerektoren und fast alle ungarischen Mitglieder des Senats sind zurückgetreten , wodurch das Gremium derzeit lahmgelegt ist.

Konflikt explodiert

Inzwischen ist Rumänien der EU beigetreten und stellt mit Leonard Orban seinen ersten EU-Kommissar. Dass er ausgerechnet für das neu geschaffene Ressort Mehrsprachigkeit zuständig ist, während das Anbringen zweisprachiger Aufschriften an einer Universität einen Entlassungsgrund darstellt, können die ungarischsprachigen Staatsbürger Rumäniens nur als Hohn empfinden.

Der mächtige Mann an der Klausenburger Babes\0xB8-Bolyai-Universität ist ihr langjähriger Rektor und heutiger Präsident des Akademischen Rates Andrei Marga. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die als einziges deutschsprachiges Printmedium ausführlicher über die Vorgänge in Klausenburg berichtete, beschrieb ihn so: "Andrei Marga war kommunistischer Parteifunktionär, Ceausescu-Hymniker, Rundfunk-Zensor. In den neunziger Jahren brachte es der Wendehals sogar zum Minister, als er das ungarische Verlangen kategorisch ablehnte." Die Furche misstraute dieser holzschnittartigen Negativcharakteristierung eines Mannes, der als Philosoph mit dem Herderpreis ausgezeichnet wurde und Gastprofessor an der Universität Wien war und suchte das Gespräch mit ihm. Andrei Marga ließ sich die Fragen mailen und vereinbarte einen telefonischen Interview-Termin, um dann sein Telefon bis Redaktionsschluss abzustellen - ein Verhalten, das auffällig den Strategien der Universitätsleitung ähnelt, die Péter Hantz beschreibt: Petitionen nicht beantworten, Fristen verstreichen lassen, nicht reagieren.

Marga wird indessen nicht müde, seine "multikulturelle" Universität besonders herauszustreichen, vor allem die deutschen Studiengänge, die er auf der Homepage bewirbt. Das klingt in EU-Ohren gut, ist aber ein bisschen so, wie wenn Jörg Haider auf Dreisprachigkeit setzt, um mit der italienischen Sprache das Gewicht des Slowenischen auszuhebeln.

Gespräch verweigert

Péter Hantz weiß, dass die Wiedereröffnung der Bolyai-Universität in den nächsten Jahren nicht möglich ist, darum konzentriert er sich auf die Forderung nach ungarischen Fakultäten, denn anders könnten die Ungarn an der Universität nie über ihre eigenen Belange entscheiden. Unterstützung bekommt er von Minderheitspolitikern vieler EU-Länder - ausdrücklich nennt er die Südtiroler Sepp Kusstatscher und Michl Ebner. Sie verstehen die Situation, denn auch die Südtiroler sind nach dem Ersten Weltkrieg zur Minderheit in einem neuen Nationalstaat geworden wie die Ungarn in Rumänien.

Die Südtiroler, die Schweden in Finnland, die Ungarn in der Slowakei oder die Walliser in Großbritannien - sie alle haben eine bessere Situation. Den Ungarn in Rumänien bleiben bislang nur die privaten Universitäten Sapientia und Partium, die von Ungarn finanziert werden, die Abwanderung nach Ungarn oder der Verzicht auf ein Studium in ihrer Muttersprache. Aber vielleicht lässt sich ja in Hinkunft im EU-Rahmen leichter eine Lösung finden. Jedenfalls erleichtert die EU den Austausch von Erfahrungen und Modellen. Die Universität Wien etwa beginnt Ende März mit einem "Tandem-Projekt", bei dem österreichische Studenten in Rumänien die Situation der Ungarn, Deutschen und Roma erkunden, während Studenten aus Rumänien die Lage der Slowenen, Kroaten und Türken in Österreich studieren.

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