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Wenn das hier vorüber ist

Roland Schimmelpfennig sagte in einem Interview einmal, dass seine Stücke möglicherweise etwas über das Klima aussagten, in dem wir gerade leben. Als Kritiker will man das hoffen, denn ist nicht so und nur so Theater zu rechtfertigen, zumal hochsubventioniertes Theater?

Im "Reich der Tiere" aus dem Jahr 2007, das erst jetzt im Wiener Akademietheater seine österreichische Erstaufführung hat, ist der besagte Bezug zur Welt schon auch zu sehen. Allerdings spiegelt der Autor-Regisseur in einer komplexen Spielanordnung vielmehr metareflexiv das Theater und seinen Betrieb. Wer will, kann darin aber auch eine Parabel für ein größeres Ganzes sehen.

"Das Reich der Tiere" handelt in drei Akten von Existenzangst, künstlerischer Entfremdung, kulturindustrieller Verdinglichung und unerfüllten Träumen. Im ersten Akt zeigt es den monotonen Arbeitsalltag eines desillusionierten Theaterensembles. Zwei Schauspielerinnen (Sabine Haupt, Caroline Peters) und drei Schauspieler (Peter Knaak, Johann Adam Oest, Oliver Stokowski) schlüpfen seit sechs Jahren bis zu neunmal in der Woche in Tierrollen. Schimmelpfennig räumt der Bemalung der Körper, dem Verwandlungsprozess viel Zeit ein. Einerseits dient die zeitliche Dehnung dazu, illusionistische Spielweisen abzubauen, die Theatermittel offenzulegen, indem die Aufmerksamkeit auf die Herstellung und Entfaltung einer Spielsituation gelenkt wird. Andererseits bleibt damit auch nicht unbeobachtet, wie routiniert aber auch lustlos und angewidert die Verwandlung in die gehassten Tiere -Antilope, Ginsterkatze, Marabu, Löwe und ein Zebra -vor sich geht. Das Klima im Ensemble ist vergiftet, geprägt von Gleichgültigkeit, Eifersucht und Intrigen.

Körperliche und seelische Verletzungen

Die Machtkämpfe und Konflikte im Tierreich, die Schimmelpfennig als binnenfiktionale Ebene in kurzen Sequenzen zeigt, nicht als illusionistisches Spiel, sondern als Beschreibung der Vorgänge der Show, die wir nicht sehen, setzen sich backstage fort. Neben körperlichen Verletzungen -ein abgerissener Zehennagel, ein eitriger Rücken, bedingt durch das Auf-und Abkleben von Marabu-Federn -sind es aber vor allem seelische Verletzungen, die das allabendliche tierische Spiel "Im Reich der Tiere"(eine ironische Anspielung auf den Disneyfilm "König der Löwen", der auch als Musical weltweit zu sehen war) mit sich bringt. Denn die einzelnen Mitglieder werden im Haus kaum erkannt, oder man verwechselt sie. Zudem wissen sie nicht, was auf die in Kürze abgespielte Produktion folgt. Es ist die Rede von einem neuen Stück "Der Garten der Dinge", über das wenig Verheißungsvolles bekannt ist und für das sie deshalb einige Titel-Alternativen bereit haben. Sie nennen es auch "die Misshandlung" oder "die Folter", weil sie darin als Spiegelei, Toastbrot, Ketchupflasche und Pfeffermühle auftreten sollen.

Der zweite Akt spielt in der Wohnung von Frankie, einem der Darsteller. Er hat den Autor vom "Garten der Dinge"(Phillipp Hauß) zu sich gelockt, in der Hoffnung, der könne ihm bei der Verwirklichung eines eigenen, selbstbestimmten künstlerischen Projekts helfen: Ich möchte endlich meine eigene Geschichte erzählen, will aufbrechen, mich verwandeln, frei sein. Der dritte Akt zeigt eine Szene aus dem "Der Garten der Dinge". Eine Darstellerin in einem Ganzkörperkostüm in Form einer Scheibe Toastbrot schiebt sich vorsichtig tastend auf die Bühne. Nur noch die Hände und Beine sind zu sehen. Man ahnt, dass es die Antilope sein muss, denn zaghaft wiederholt sie ab und an deren Geste, das nervöse Zucken des Beines. Ein herzzerreißendes Detail, das als Hinweis darauf gelesen werden kann, wie ihr das nach sechs Jahren in den Körper übergegangen ist, oder auch dahin, dass sie versucht der Darstellung, dem menschlichen ready made doch irgendwie eine kleine darstellerische Note beizugeben.

Künstlerische Unfreiheit

Während bei den Tierdarstellungen jede Lächerlichkeit peinlichst vermieden wurde und die körper-sprachlichen Bruchstellen zwischen Mensch- und Tierdarstellungen präzise gewählt waren, sind im "Garten der Dinge" die Darsteller bis zu Unkenntlichkeit verdinglicht. Das von Schimmelpfennig ganz bewusst verheimlichte Verwandlungsmoment, sowie das körperliche Eingesperrtsein in absurde Kostüme verstärken nur noch die künstlerische Unfreiheit. Schimmelpfennigs Stück wandelt auf einem schmalen Grat, den Regie und Ensemble aber bravourös meistern, besteht die Kunst doch darin, die in der Spielvorlage thematisierte Unfreiheit andererseits als darstellerische Freiheit glaubwürdig erfahrbar zu machen.

Im Reich der Tiere Akademietheater 7., 8., 13., 18., März

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