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Wehe denen, die wissen, wie Erfolg geht

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Gerade feiern Österreichs Para-Sportler Erfolg um Erfolg bei der Ski-WM in Tarvis. Sportminister Hans Peter Doskozil will mit seiner Sportförderungsreform ausgerechnet den gesellschaftlich wertvollen und international erfolgreichen Behindertensport massiv kürzen.

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Gerade feiern Österreichs Para-Sportler Erfolg um Erfolg bei der Ski-WM in Tarvis. Sportminister Hans Peter Doskozil will mit seiner Sportförderungsreform ausgerechnet den gesellschaftlich wertvollen und international erfolgreichen Behindertensport massiv kürzen.

Jetzt ist dem Herrn Minister Hans Peter Doskozil schon wieder was passiert. Es geht diesmal nicht um Flüchtlinge, Obergrenzen oder Grenzschutz. Es geht um Behinderte und den Sinn des Lebens. Minister Doskozil ist nämlich nicht nur für das Bundesheer zuständig, er ist auch Minister für den Sport. Und als solcher ist er dabei, dem Behindertensportverband das Zusperren nahezulegen. Er sagt das Betroffenen nicht ins Gesicht, sondern nimmt den eleganten Umweg über eine Reform der Bundessportförderung. Alles wird besser, transparenter, moderner. Wie halt die einschlägigen Politphrasen in so einem Fall heißen.

Doskozil will Leistungskriterien für die Arbeit der Verbände einführen und danach die Subventionshöhe bemessen. Das ist angesichts der Hilflosigkeit vieler Sommersportler im internationalen Wettbewerb auch verständlich. Wenn der Steuerzahler schon 120 Millionen Euro Sportsubvention im Jahr springen lässt, will er auch Hallelujas ernten. Doch wie es aussieht, ist dem Minister in seinem Reformeifer etwas entgangen. Nicht alle Sportler und Verbände werden nämlich nach denselben angeblich objektiven Leistungskriterien beurteilt. Manche sind gleicher, beispielsweise der ÖFB. Er erhält weiterhin garantiert 14 Millionen pro Jahr. Obwohl er nie was gewinnen wird, in keinem internationalen Wettbewerb egal welcher Altersstufe. Seine Leistung ist seine schiere Existenz.

Die vergessenen Gewinner

Doch da gibt es eine kleine Gruppe, die regelmäßig Säckchen voller schöner, goldener, silberner und bronzener Medaillen heimbringt: die paralympischen Sportler. Man kann sie nicht einfach so mit Spitzensportlern ohne besondere Bedürfnisse vergleichen -aber dann doch irgendwie. Sie haben ihre eigenen Wettkämpfe. Paralympics genannt, die sie jeweils nach den Olympischen Spielen abhalten. An den Paralympics 2016 in Rio beteiligten sich Sportler aus 159 Nationen, Österreichs Mannschaft gewann dort neun Medaillen. Vier Jahre zuvor in London waren es 13 Medaillen gewesen, darunter vier Goldene. An Förderungen erhielten sie pro Jahr rund 1,6 Millionen.

Die Kollegen Nichtbehinderten gewannen in London gar keine Auszeichnung. Doskozils Vorvorgänger Norbert Darabos hatte Mühe, die Countenance zu bewahren, bezeichnete die Wettkämpfer als "Olympiatouristen" und schüttete eine Sonderförderung von fünf Millionen pro Jahr für den Olympiakader aus. Sie wirkte Wunder. In Rio ergattere die ÖOC-Truppe dank des Seglerduos Tanja Frank und Thomas Zajac eine Bronzene. Die Spitzensportförderung der Republik beträgt rund 40 Millionen pro Jahr. Rund die Hälfte davon kommt den Sommersportlern zugute. Eine Schätzung, denn die tatsächliche Aufteilung kennen auch die Experten nicht.

Das alte Lied von der Gießkanne

Doskozil erlebte als frischgefangter Sportminister die Quälerei in Rio de Janeiro mit eigenen Augen. Als er wieder zu Hause war, erteilte er den Auftrag, das Bundessportförderungsgesetz umzuschreiben. Nur wer tüchtig sei, erfolgversprechenden Nachwuchs fördere, moderne Methoden einsetze und sparsam wirtschafte, sollte künftig gefördert werden. Aber dann massiv. Denn Steuergeld ist kostbar und sollte am besten dazu verwendet werden, auf die Tüchtigkeit von Land und Leuten hinzuweisen.

"Die Gießkanne muss weg", sagte Doskozil. Ein Mantra, das jeder Sportminister betet und keiner lebt. In der Ausarbeitung dieses vielleicht lobenswerten und jedenfalls nie öffentlich diskutierten Vorhabens passierte Doskozil oder einem seiner Facharbeiter das Missgeschick mit den Behinderten. Die Reform nahm sie, wie den ÖFB, von den Leistungskriterien aus, nur aus entgegengesetzten Gründen. Der ÖFB kriegt viel Geld, obwohl er nichts gewinnt. Der Behindertensportverband (ÖBSV) verliert zwei Drittel der bisherigen Subvention, obwohl die Paralympiker massenweise Titel gewinnen. Dem ÖBSV sollen von rund 1,1 Millionen rund 400.000 Euro bleiben. Darauf angesprochen, versichert Doskozil, ein Freund des Behindertensportverbandes zu sein.

Fest steht, dass der ÖBSV, der sich demnächst in Parasport Austria umtaufen wird, mit den 400.000 Euro Förderung seinen Betrieb einstellen wird müssen. Die Nachwuchsarbeit, die Kurse für Unfallopfer und andere Behinderte, denen die Sportausübung Sinn und Struktur in einem traumatisierten Leben verleiht, könnten nicht mehr betreut werden. Das ist auch für den paralympischen Spitzensport von Bedeutung, denn Fachverbände kümmern sich in der Regel erst um Parasportler, wenn sie an Landes-oder Staatsmeisterschaften teilnehmen können. Nach Rio entsendeten die Fachverbände zwar sechs von neun Medaillengewinnern. Aber der ÖBSV hatte mit diesen Athleten die überwiegende Ausbildungsarbeit geleistet und bezeichnete sich daher für sechs der neuen Medaillen als zuständig. Die Fachverbände haben weder das Know-how noch die Trainer und schon gar nicht die Mittel, um die Aufgaben des ÖBSV zu übernehmen. Mit der Reform würde Doskozil also im Namen der Leistungs-und Effizienzsteigerung im Behindertensport ein funktionierendes System zerstören.

Selbstdarstellung und Sport

Die Zeit der wettbewerbsfähigen Paralympiker aus Österreich wäre, vielleicht mit Ausnahme der Para-Skifahrer, vorbei. Der Österreichische Skiverband kümmert sich seit vielen Jahren um seine Behindertensportler, aber selbst er ist auf begleitende Betreuung durch den ÖBSV angewiesen. Bei Redaktionsschluss hatten übrigens Österreichs Para-Skirennläufer schon mehrere Gold-,Silber-und Bronzemedaillen bei der Ski-WM in Tarvis gesammelt.

Und abgesehen vom Spitzensport: Wäre Doskozils Reform nicht ein verheerendes Signal der Nicht-Solidarität mit einer auf die Hilfe der Gemeinschaft angewiesenen Minderheit? Sozialdemokratie und Sportpolitik gehen anders. Spitzensport braucht Geld, viel Geld. In Österreich fließt vergleichsweise mehr Geld in diesen Bereich als in der Schweiz, in Slowenien, Kroatien, Polen, Ungarn, Dänemark (in Rio 15 Medaillen), Tschechien. Alle diese Teams waren in Rio besser als die Österreicher. Die heimischen Paralympiker hingegen bilanzierten in Rio besser als die Mannschaften aus Tschechien, Dänemark und Slowenien.

Spitzensport handelt von Selbstdarstellung. Das gilt für Athleten und Nationen. Internationale Erfolge sind käuflich, falls Kundige es richtig einsetzen. Das zeigt der professionelle Vereinsfußball. Das zeigt auch das Beispiel Großbritanniens, das sich dank massiv erhöhter Spitzensportförderung in Rio hinter den USA und vor China auf den zweiten Platz der Medaillenwertung katapultierte. Die Briten lagen auch bei den Paralympics an zweiter Stelle, diesmal hinter China. Sie wissen, wie es geht. Warum sollen in Österreich die wenigen, die wissen, wie es geht, bestraft werden?

Es kann freilich auch sein, dass Doskozil kein Versehen unterlaufen ist. Bleibt der ÖBSV auf der Strecke, weil Andere mehr Geld wollen und mehr Einfluss auf das Ministerbüro haben? Dann wäre es um die Solidarität in einem Sektor, der Fairness, Chancengleichheit und Ethik gern lauthals vor sich herträgt, schlecht bestellt. Ein Minister sollte in einem solchen Fall auf die Einhaltung der Regeln achten, nicht auf die Einhaltung der Hackordnung.

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