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Wenn Straßenkinder erwachsen werden...

1945 1960 1980 2000 2020

Was 1991 mit der Versorgung von Straßenkindern in Bukarest begann, hat sich in den letzten 25 Jahren zu einem Netzwerk von Sozialprojekten entwickelt. DIE FURCHE konnte sich in Rumänien ein Bild machen, was die Sozialorganisation Concordia alles bewirkt hat.

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Was 1991 mit der Versorgung von Straßenkindern in Bukarest begann, hat sich in den letzten 25 Jahren zu einem Netzwerk von Sozialprojekten entwickelt. DIE FURCHE konnte sich in Rumänien ein Bild machen, was die Sozialorganisation Concordia alles bewirkt hat.

Die Nasenspitze des jungen Mannes berührt fast das Backblech. Hochkonzentriert malt er mit dem Spritzbeutel Flügel aus Zuckerguss auf die Riesenkekse. In der "Concordia-Bäckerei" im rumänischen Ploiesti herrscht Hochbetrieb: Gabriel Zamfir muss fürs "Goethe-Institut" Hunderte Martinigänse fertigstellen. Was nach Bäckeralltag klingt, ist ein preisgekröntes Social-Business-Projekt: Seit 2011 können hier Jugendliche mit sozial schwachem Hintergrund erste Berufserfahrungen sammeln.

1999 kam der heute 23-Jährige zu Concordia. Seine Mutter hatte die Familie verlassen. Zamfir und seine drei jüngeren Brüder hatten Glück: Sie landeten auf der "Farm der Kinder" in Aricestii, eine Autostunde von Bukarest entfernt. Seit 1991 hatte Jesuitenpater Georg Sporschill mit Helfern Kinder von der Straße aufgelesen und auf der einstigen Kolchose versorgt. Es waren Hunderte Kinder und Jugendliche, die nach dem Ende des Kommunismus 1989 aus Heimen geflohen oder von ihren Eltern zurückgelassen worden waren. Heute leben nur noch 72 Kinder in neun familienähnlich organisierten Häusern. 25 Jahre nach Gründung der Hilfsorganisation Concordia gibt es in Rumänien keine Straßenkinder mehr - Not hingegen sehr wohl: Mit 25,4 Prozent ist die Armutsgefährdung die höchste der EU. Soziale Ausgrenzung bedroht laut Eurostat 40 Prozent der Bevölkerung. Über die Hälfte aller Kinder und Jugendliche sind gefährdet.

Zukunftshoffnungen

"Kinderärztin", antwortet Denisa, gefragt nach ihrem Berufswunsch, wie aus der Pistole geschossen. "Dann kann ich meinen Geschwistern helfen." Zu tun hätte die 10-Jährige genug: Anais hat einen verletzten Fuß, Baby Tobi kämpft mit Augenproblemen. Und dann sind da noch Miri sowie der achtjährige Adi. Die Fünf wohnen mit ihren Eltern im Armenviertel Mimiu. Sie leben von Sozialhilfe und dem, was ihr Vater bei Gelegenheitsjobs verdient. Gemeinsam hausen sie in einem Zimmer. Die Toilette teilen sie sich mit fünfzehn Familien. Etwa 1200 Menschen leben in der Wellblechhütten-Siedlung Ploiesti. Die meisten haben weder Strom noch fließend Wasser. "Hygiene ist ein großes Problem", erklärt Elena Matache, die als Länderleitung von CON-CORDIA Rumänien für rund 600 Bedürftige verantwortlich ist, "die Kinder haben Hautprobleme und Läuse. Deshalb werden sie in der Schule ausgegrenzt".

Die Schulabbruchrate in Mimiu beträgt 80 Prozent. Auch Denisa hatte Probleme. Die Zeiten sind vorbei, denn seit zwei Jahren besucht sie das CONCORDIA-Tageszentrum "Casa Cristina". Dort werden sie und 35 andere Kinder ab sechs Jahren geduscht, erhalten saubere Kleidung, Mittagessen und Lernhilfe. Zusätzlich unterstützen ein Psychologe, ein Logopäde und eine Krankenschwester die Kinder, die oft wegen Gewalt oder sozialer Ausgrenzung traumatisiert sind. Auch kreative Aktivitäten sollen die Kleinen fördern. "Wir haben zwei Tageszentren mit 72 Plätzen, bräuchten jedoch 200", so Matache. "Denisa gehört jetzt zu den Klassenbesten", freut sich Mama Mariana Bancu. Die 28-Jährige wird von Concordia in puncto Hygienefragen und Geburtenkontrolle beraten, während Vater Marius Stoica bei der Jobsuche unterstützt wird.

Andere kommen dank des Vereins zu Papieren und so zu staatlichen Sozialleistungen. "Haben wir vor 25 Jahren Familien ersetzt, versuchen wir nun, mit den biologischen Familien zu arbeiten", so Matache. Dadurch konnten Trennungen verhindert und 2015 etwa 36 Kinder wieder in die Obhut der Eltern entlassen werden.

Auch am Gelände in Ploiesti ist der Spielplatz verwaist. In den Gebäuden hingegen wurlt es: Während in der Backstube geknetet wird, servieren im Hauptgebäude Mädchen Brotkörbe ab.

Chancen durch Bildung

Seit 2010 werden im Bildungsund Trainingszentrum, das um eine integrative Grundschule bereichert werden soll, Jugendliche zwischen 18 und 21 Jahren ausgebildet. "Die Kinder sind groß geworden und brauchen Jobs", erklärt Christian Estermann, Bildungsdirektor bei Concordia, "doch die rumänische Berufsausbildung ist schlecht: Nach drei Monaten ist man Bäcker, ohne je einen Teig geknetet zu haben". Letzteres beherrschte Gabriel Zamfir aus dem Effeff: Er war einer der Ersten, die nach Vorbild des österreichischen "dualen Ausbildungssystems" als Bäcker trainiert wurden. Mittlerweile werden junge Erwachsene in einem Jahr zum Tischler, Koch/Kellner sowie für landwirtschaftliche Berufe geschult. Doch das Berufsdiplom ist nicht das einzige Ziel: "Die Jugendliche schleppen einen großen Rucksack mit sich", setzt Estermann auf medizinische sowie psychologische Betreuung, "es geht uns auch darum, sie teamfähig und selbstständig zu machen".

Unterstützt werden sie mit einer Reihe von Modellen -von Übergangswohnungen bis betreuten Wohngruppen. Ein Jobcoaching hilft Absolventen, eine Stelle zu finden. Dabei muss es nicht immer eine Prestige-Position wie im österreichischen "Knappenhof" oder dem "Marriott"-Hotel in Bukarest sein. "Für uns ist es ein Erfolg, wenn die Jugendlichen eigenständig werden und nicht wieder auf der Straße landen", betont Matache. Doch auch in diesem Fall spannt Concordia sein Auffangnetz: Im Sozialzentrum "Sf. Lazar" werden bis zu sechzig Menschen mit Mahlzeiten, Duschmöglichkeit, Kleidung und medizinischer Hilfe versorgt. "Wir geben jedem eine zweite, dritte oder vierte Chance", meint die 37-Jährige.

So viele wird Ricardo Stroe hoffentlich nicht brauchen. Als 3-Jähriger landete er hier. Kaum volljährig, wollte er unabhängig sein: Zuerst ging er als Freiwilliger zu Pater Sporschill, der in Sibiu ein neues Roma-Projekt gestartet hat. "Das hat mir nicht so gefallen", erzählt der heute 19-Jährige in einwandfreiem Deutsch und rückt seine rote Fliege zurecht, "also bin ich zu meiner Mutter nach Spanien". Drei Monate später ist er wieder "nach Hause" zurückgekehrt. Nun macht er eine Lehre zum Koch/Kellner und ist zuversichtlich, den Schritt in die Selbstständigkeit zu schaffen. Vielleicht auch mit weiterer Concordia-Schützenhilfe:

In der "Casa Concordia", auf dem Piață Concordie in Bukarest, wird zurzeit emsig gehämmert. In der früheren Zentrale, in der 1992 mit sieben Straßenkindern alles begann, soll bald ein neues Social Business entstehen: Ein Hostel und ein Kaffeehaus, in dem Produkte der Concordia-Bäckerei serviert werden. Neun Jugendliche erhalten hier die Chance, Job-Erfahrung zu gewinnen. Die Übergangsjobs sind aber nicht nur für Absolventen der Ausbildung wie Stroe, sie sollen auch Haftenlassenen eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglichen. Denn Erfolg muss wahrlich nicht immer Marriott heißen.

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