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Kellergeschichten

Der Lift kämpfte sich bis ins vierte Kellergeschoß hinunter. "Ah, die Kasematten -bombensicher", sagte Heinz Fischer, als wir dieser Tage in die Gewölbe des Staatsarchivs gebracht wurden. Dorthin, wo die "Wehrstammkarten" heimischer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg aufbewahrt werden.

Ein legendärer Ort rotweißroter Zeitgeschichte: Hier konnte der Profil-Journalist Hubertus Czernin Ende Februar 1986 mit ausdrücklicher Zustimmung Kurt Waldheims Einsicht in dessen Wehrmachtsunterlagen nehmen -es war die Geburtsstunde der "Causa": für die einen der Anfang vom Ende eines angeblichen Kriegsverbrechers, Nazis, Lügners ; für die anderen der Startschuss zur großen Treibjagd, um einen parteipolitisch missliebigen, bürgerlichen Kandidaten vom höchsten Staatsamt fernzuhalten.

Alt-HBP Heinz Fischer, damals selbst noch hoch-aktiv, dreht eben eine TV-Serie ("Auf den Spuren der Republik") - und ich war kurz sein Gesprächspartner. Und weil Fernsehen auch Bilder braucht, holte ein Archivar mit weißen Schutzhandschuhen den ominösen Soldaten-Ausweis noch einmal aus der Schachtel.

Viel Zeit blieb uns dann leider nicht für dieses so komplexe, inzwischen 32 Jahre zurückliegende Schicksalsthema. Jetzt frage ich mich, was eine jüngere Generation aus unserem Dialog entnehmen wird.

100 Jahre alt wäre Waldheim heuer. Vor elf Jahren ist er gestorben, politisch durchleuchtet wie kein Zweiter - und doch ohne halbwegs geeintes Urteil über seine Verdienste und Fehler, über politische Hintergründe und mediale Irrwege.

"Waldheims Walzer": Polemik als chance

Unbestritten ist seine Bedeutung als Projektionsfläche einer überfälligen Geschichts-Aufarbeitung. Umstritten aber bleibt, ob mit dem "geistigen Bürgerkrieg" von 1986 bis 1992 und Waldheims "grotesk überzogener Dämonisierung" (Historiker Michael Gehler) unserem Land innen- und außenpolitisch ein Dienst erwiesen wurde.

In wenigen Wochen wird der Fall -bewusst emotionell und streitbar-einseitig -neu abgehandelt werden: Ruth Beckermanns Film "Waldheims Walzer" läuft in den Kinos an. Er ist, man glaubt es kaum, inzwischen von unserer Film und Musikindustrie (einer Körperschaft öffentlichen Rechts!) zu Österreichs Kandidaten als bester fremdsprachiger Film bei der Oscar-Verleihung 2019 gekürt worden.

Was mich zunächst fassungslos gestimmt hat, sehe ich inzwischen auch als Chance: Vielleicht -hoffentlich -schaffen so viel Publizität und Polemik, was bisher nicht gelungen, ja, gar nicht versucht worden ist: dass Historiker und Zeitzeugen mit Kenntnis, Rückgrat und dem Vorzug zeitlicher Distanz endlich den Versuch unternehmen, die "Causa Waldheim" möglichst fair und gerecht neu zu besichtigen.

Denn: Enorm viel politischer Argwohn und verbrannte Erde liegen bis heute über den Ereignissen von damals. Aufarbeitung täte bitter not! Wer aber fürchtet sich noch immer vor den Fakten?

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