Demonstration gegen das AKW Zwentendorf - © Foto: picturedesk.com  / Klinsky Fritz / KURIER
Zeitgeschichte

Die „toxischen“ Debatten der Zweiten Republik

1945 1960 1980 2000 2020

Die aktuelle Polarisierung des Diskurses ist kein Sonderfall der Geschichte. Eine Zeitreise durch die ­emotionalen Debatten der Republik mit einem ihrer zentralen Beobachter – und ehemaligen FURCHE-Redakteur: Anton Pelinka.

1945 1960 1980 2000 2020

Die aktuelle Polarisierung des Diskurses ist kein Sonderfall der Geschichte. Eine Zeitreise durch die ­emotionalen Debatten der Republik mit einem ihrer zentralen Beobachter – und ehemaligen FURCHE-Redakteur: Anton Pelinka.

Der Diskurs ist vergiftet. Die sozialen Medien verstärken die Intoxikation. Wenn heute über Seenotrettung debattiert wird oder über Sozialpolitik, wenn Greta Thunberg gegen den Klimawandel protestiert oder Peter Handke der Literaturnobelpreis verliehen wird, dann gibt es oft nur noch ein dafür oder dagegen, ein „in“ oder „out“. Schwarz oder weiß – wo wollen Sie dabei sein? Entscheiden Sie sich jetzt per Like! Zwischentöne und Graustufen werden von Blasen-Verstärkung und Algorithmen zunehmend an den Rand der Unsichtbarkeit gedrängt. Das Resultat nennt der Amerikaner „prea­ching to the converted“: Man spricht vor allem zu einem Publikum, das den eigenen Ansichten tendenziell zustimmen wird, weil es die Welt ohnehin schon so ähnlich sieht wie man selbst.

Andererseits: War es nicht schon immer ein menschlicher Wesenszug, sich gerne mit jenen zu umgeben, die einem ähnlich sind – und sei es nur in puncto Weltanschauung? Und wurden große politische Debatten vor zehn, vor 20, vor 50 Jahren tatsächlich weniger polarisiert geführt als heute? Ausgerechnet in Jahrzehnten, in denen politische Veränderungen – von der 68er- und Frauenbewegung über die Fristenlösung, bis zu Hainburg und zur Waldheim-Affäre – großflächigen Eruptionen im Sozialgefüge glichen und den gesellschaftlichen Status quo von Grund auf veränderten?

Ängste vor Alleinregierung

„Ich halte es für eine unzulässige Vereinfachung, so zu tun, als sei das Land jetzt gerade besonders polarisiert“, sagt der Politikwissenschaftler Anton Pelinka, einer der zentralen politischen und zeitgeschichtlichen Beobachter der vergangenen Jahrzehnte. Das Land sei heute mit Sicherheit nicht „gespaltener“ als zum Beispiel in den späten 1960er und 1970er Jahren. „Wenn ich mich alleine an die Debatten um die Strafrechtsreform zur Entkriminalisierung von Homosexualität und um die Fristenlösung erinnere, dann war die Polarisierung damals enorm“, sagt der Politologe.

Pelinka ist einer der prominentesten Politikwissenschaftler des Landes. Und es gab Jahre, da war er nicht nur einer der häufigsten „Club2“-Stammgäste – seine politischen Analysen prägten damals gar die Fernsehbildschirme wie heute jene eines gewissen Peter Filzmaier. Was heute indessen nur noch die Wenigsten wissen: Vor seiner Karriere als Politologe war Pelinka Journalist – und zwar bei einer Zeitung namens DIE FURCHE. Seine Arbeit als FURCHE-Redakteur dauerte von 1966 bis 1967 – Pelinka war damals Mitte 20. Und ebenjene Jahre waren es auch, in denen sich einige der emotionalsten Debatten der Republik abzeichneten, die die Öffentlichkeit, Redaktionen und ganze Familien spalteten.