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Achter Teil der Furche- Serie über Kaffeehäuser: "Die Schnellen"

1945 1960 1980 2000 2020

Aida, Eduscho, Anker, Ströck und McDonald's. Die Zahl derer, die um den Kaffeetrinker und Snackesser im Laufen, Stehen und Schnellsitzen werben, steigt.

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Aida, Eduscho, Anker, Ströck und McDonald's. Die Zahl derer, die um den Kaffeetrinker und Snackesser im Laufen, Stehen und Schnellsitzen werben, steigt.

Wir waren die ersten," erklärt Dietmar Furthmayer, Geschäftsführer von immerhin 26 Aida-Filialen in ganz Wien. 1904 als Konditoreibetrieb gegründet, verdient die "Aida" immer noch die Hälfte ihres Umsatzes mit Backwerk. Trotzdem ist der Hang zum Kaffee schon alt: Bereits in den 30er Jahren erwarb man eine Konzession zum Kaffeeausschank, die man allerdings lange nicht wirklich gewinnbringend zu nutzen wußte.

In der Wirtschaftswunderzeit der 50er Jahre stellte ein findiger Konditormeister erstmals in der Wollzeile eine Kaffeemaschine in sein Lokal. Der Erfolg war enorm, das erste "Fast-Food-Kaffee" gegründet. "Vor dem Krieg war das noch nicht gang und gäbe, einfach schnell einen Kaffee zu trinken," erkennt Furthmayer die Pionierleistung in der Wollzeile durchaus an.

Mittlerweile haben fast alle erkannt, daß der rasche Kaffee und die schnelle Mehlspeise mehr Geld bringen als ein traditionell geführtes Kaffeehaus. Ein gutes Preis-Leistungsverhältnis, einwandfreie Qualität und permanent neue Produkte sollen das Aida Stammpublikum aller Konkurrenz zum Trotz bei der Stange halten.

Doch der Wind am Imbißsektor ist rauh. "Am Geschmack hat sich nicht viel geändert, aber es ist eine derartige Reizüberflutung an Eßwaren eingetreten, da kann man kaum etwas machen. Wenn der Magen voll ist, geht nichts mehr. Wer drei Stück Pizza verdrückt hat, kann nicht mehr in die Aida kommen," beobachtet Furthmayer gewaltiges Ringen im Kampf um leere Mägen. "Jede Eßgelegenheit ist Konkurrenz."

Dabei konnte sich Aida gegen Anker, Mann, Ströck, Felber und andere Bäcker, die momentan mit Kaffee im Stehen zu Brötchen und Mehlspeisen aufwarten, durchaus behaupten. "Zu unserer Stammkundschaft zählt alles vom Doktor bis zur Hausfrau." Dieser Eindruck bestätigt sich vor Ort. Das schlichte Design der 70er Jahre hat sich in den Aida Filialen konstant gegen alle Modeerscheinungen hinweg gehalten. Die zuckerlrosa Dressen der Bedienung gehören ebenso in eine Aida Filiale wie orange und braune Plastiksessel, Hocker und Bänke aus rotem Skyleder mit silbernen Füßen und ein großer Gupf Schlagobers auf dem Kaffee.

Zuckerlrosa Dressen In den 50er Jahren, als jeder Friseur Kaffee ausschenken durfte, erfolgte die erste Bewährungsprobe der Aida. Sie hat sie gemeistert, und sie wird auch die Hürde der 90er nehmen. Schon der Schriftzug verspricht vertraute Dauerhaftigkeit. Das Lebensgefühl der Nachkriegszeit scheint in den unveränderten Interieurs eingefroren, der Kunde kauft das wohlige Gefühl der heilen Wirtschaftswunderwelt.

Die Himbeerbombe schmeckt wie immer, auch der Preis bleibt so konstant wie möglich. "Wir mußten heuer eine Lohn- und Mieterhöhung auffangen, deswegen sind die Mehlspeisen seit Mai um einen Schilling teurer", entschuldigt sich Furthmayer für die erste Preissteigerung seit drei Jahren. Die Melange um 28 Schilling, der Pariser Spitz um elf und der Tee mit dem Keks dazu locken immer noch ein buntes Gemisch von Menschen an. Die Dependance am Stephansplatz ist permanent überfüllt.

Wer knapp bei Kassa ist, und das nicht allzu deutlich machen will, trifft sich in der Aida, ohne sein Gesicht zu verlieren. Adoleszente Liebespärchen nutzen das karge Taschengeld und die Anonymität zu ersten verschämten Küssen auf rotem Skyleder, während ein ausländischer Künstler voller Genuß mit den Fingern die letzten Reste seiner Topfengolatsche zusammenklaubt. Jemand aus der Baubranche und eine zukünftige Kundin diskutieren inzwischen Fliesenpreise.

Der Daueranstrom von Touristen auf die Toilettenanlagen im Zwischengeschoß wurde inzwischen durch eine Klofrau, die fünf Schilling kassiert, gemildert. Rechnet man den Fünfer ein, kommt der Kaffee schon etwas teurer. Dafür lohnt sich aber genaues Hinsehen auf den Rechnungsabschnitt. Endet der Kassenbon mit 333, 666 oder 999 kann man fünfzig Schilling gewinnen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Aida bemüht sich eben um Stammkunden.

Auch der Burgerriese McDonald's expandiert und hat dabei die Liebe zum Kaffee entdeckt. Neben dem klassischen Big Mäc, seiner neuen vegetarischen Schwester, den neuen McFlurry-Eisbechern und dem Mac Muffin zum Frühstück folgt nun das "etwas andere McCafe".

Aber so günstig und gut wie bei der Aida ist die Cremeschnitte eben kaum wo. Beim McDonald's in der Mariahilferstraße ist die Anstrengung, ein Kaffeehaus zu imitieren, groß. Sitzen tut dort trotzdem keiner. Viel Geld hat man in Nußholz, Espressomaschinen, Porzellangeschirr und eigene Uniformen für das McCafe-Personal gesteckt. Die Atmosphäre ist steril und amerikanisch. Hier gibt es für ein Kaffeehaus viel zu viel Platz, viel zu viel Sauberkeit und viel zu viel Pommesgeruch vom benachbarten Normalbetrieb. Da helfen auch kaffeespezifische Statussymbole nicht.

Der internationalen Fast-Food-Gigant hat trotz McCafe keinen Regionalcharakter. Eine ausgewogene Zeitungspalette, die italienische Kaffeemarke "Illy", Frucht-, Topfen-, Mohn- oder Nußfülle in Germ-, Mürb- oder Blätterteig statt Schweinernem im weißen Burger, das hilft alles nichts. Dagegen ist die rosabraune Aida stilvoll. Vom silbernen Tablett und dem obligaten Glas Wasser ist das McCafe weit entfernt.

Porzellan statt Pappe Als eigenartiger Klon zwischen Fast-Food und Health-Ideologie kann es nicht einmal den billigen Charme des noch billigeren amerikanischen Milchfilterkaffees im Pappbecher imitieren. Die Porzellantasse im gelbroten Ambiente ist so deplaciert, wie das Mac-Logo, das die Karte ziert. Nach 30 Jahren Big Mäc entschied sich die Konzernleitung aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks für ein face-lifting der Ausspeisungsstätten. McDonald's, Inbegriff und Pionier der fast-food Szene peilt neue Käuferschichten an. Ausgerechnet Kaffeehausgeher, klassische Vertreter des rückständigen, zeitexzessiven, teuren Konsumenten, sollen mit "Illy", Mehlspeisen und Zeitungen zum Verweilen im McDonald's Lokals animiert werden.

"QSS&P" definiert Marketing Manager Martin Knoll kryptisch die vier Eckpfeiler, auf denen das Gesamtunternehmen und damit auch des Cafe ruhen. Qualität, Service, Sauberkeit und Preiswürdigkeit, lautet des Rätsels Lösung. Die machen vielleicht einen guten Burger, aber noch lange keine Kaffeehausstimmung. Mascherln und weiße Schürzen machen aus McDonald's Personal keine Ober, und die hygienische Präsentation kleiner Mehlspeischen mit Frischesiegel läßt sinnlichen Menschen nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das disziplinierte Anstellen vor der Vitrine und der Schaubackofen erinnern an einen Feinkost-Billa oder eine Anker-Backfiliale.

McDonald's sieht das anders: neben italienischem Flair erhofft man sich in der Mariahilferstraße eine Steigerung auf 5.000 Kunden pro Tag. Ein Zehntel davon soll das Cafe beisteuern. Der Name "Illy" und Personal in den typischen Schürzchen der Kellner italienischer Lokale sollen mit "südlichem Ambiente" den american way of life europäisieren. Kommt das Konzept an, werden weitere Filialien auf Kaffeehaus aufgerüstet. In Australien, Holland und Frankreich war es erfolgreich.

Dem gesundheitsorientierten Unternehmen ist die Eroberung des neuen Publikumssegments Kompromisse wert: so ziehen neben Porzellan auch Aschenbecher in die Kaffeeregion ein. "Die Qualität ist natürlich wie immer bei McDonalds ,eins a'," schwärmt Manager Knoll "Jeder, der Lust darauf hat, kann nach seinem Big Mäc-Menü eine frische Mehlspeise essen und einen kleinen Schwarzen trinken."

Geschmackshäppchen Der Existentialismus des kleinen Schwarzen widerspricht der Mehlspeise genauso wie das Zeithaben der fast-food Ideologie. Für das Mac Donald's Management ist das Cafe ein Ort, an dem es statt Fleischleibchen eben Mehlspeisen gibt. Die schmecken gut, sind nicht teuer und sehr klein. Nach einem Big Mäc Menü ist eine urig süße, große Topfenkolatsche nicht mehr zu verdrücken. Das Sortiment paßt in Größe und Auswahl zum Trend der Zeit: kleine Geschmackshäppchen zwischen 11 und 15 Schilling. Wer nichts mehr verdrücken kann, kann sein Geld beim Kauf einer "Take away"- Box loswerden. Mitternächtliche Naschkatzen, die am der Lieblingswürstelstand keine Milka mehr bekommen, können im allergrößten Notfall beim McDonald's Cafe täglich bis 24 Uhr die Laune nach Süßem mit Tiramisu, Fruchtschnitten oder Plundergebäck besänftigen und sogar das Verdauungszigaretterl darf im Lokal geraucht werden.

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