„Ich kann nicht mehr“

Die Briefe von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld zeigen Brillanz und Tragik einer außergewöhnlichen Beziehung.

Er sei, so Thomas Bernhard einige Wochen vor seinem Tod, sicher einer der unkompliziertesten Autoren gewesen, die Siegfried Unseld je gehabt hätte. Hatte ihm doch jener am Vortag ein Telegramm gesandt, das die Desavouierung des Verlags, der Mitarbeiter und die eigene durch seinen Starautor beklagte und mit den Worten „ich kann nicht mehr“ endete. Das ist durchaus ernstzunehmen, die 525 Briefe, die einen Zeitraum von 27 Jahren abdecken, dokumentieren eine vielschichtige Beziehung, in der eine den teilnehmenden Leser involvierende Qual immer wieder hochkommt.

Eine Bernhardsche Komödie

Anlass von Unselds Verzweiflungsschrei war, dass Bernhard wieder einmal „fremdgegangen“ war und dem mittlerweile im Eigentum des verachteten österreichischen Staates stehenden Residenz-Verlag ein Manuskript zur Veröffentlichung übergeben hatte. Ein altes Spiel mit den kommerziellen und persönlichen Schmerzpunkten seines Verlegers, das 1975 mit der „Ursache“ begonnen hatte. „Was wir machten“, schreibt Siegfried Unseld in einer Besprechungsnotiz von 1980, „war nichts anderes als eine Szene aus einer Komödie von Thomas Bernhard.“ Finanzielle Motive wird diese Illoyalität wohl nicht gehabt haben und der Briefwechsel lädt zur vielfältigen Spekulation über Bernhards Motive ein. Hat sich hier ein Autor, der sich in seinen Anfangsjahren von einem kaufmännisch korrekt handelnden Verleger unter seiner Leistung bezahlt fühlte, einfach am Gipfel seines Erfolges gerächt? Oder war es seine Reaktion auf die gefühlte, aber durch die Realität nicht wirklich gedeckte „schmerzliche, allzu unübersehbare Nichtbeachtung“? Oder die Rivalität um Inserate, Plakate, Stipendien, die ihm doch angeblich so gleichgültig waren? Oder einfach eine weitere Variante seines lebenslangen Spiels mit Nähe und Distanz?

Unseld hat das auf eine einfache Formel gebracht: das Beleidigtsein des Thomas Bernhard überschatte einfach alles. Als Kaufmann und als Mensch hat er schon 1973 eine pragmatische Formel für die Fortsetzung der Beziehung gefunden: in Bernhard hätten „Sensibilität, Empfindlichkeit, Neurose eine Spitze erreicht, der auf die Dauer zu begegnen nicht leicht sein wird“ – und damit müsse man eben umgehen. In einem Punkt wurden die beiden allerdings schnell konkret: Wenn es ums Geld ging. In summa ist das ein Buch, das einen bei der Lektüre ein wenig traurig stimmt ob all der unklaren Verletzungen, die nicht nur zwischen den Zeilen stehen, doch hat es auch seine komischen Seiten, denn beide Briefpartner verfügen über eine „agronomische Schläue“ und feilschen über gar nicht unbeträchtliche Summen mit einer beeindruckenden Hartnäckigkeit. Im Grunde sei er nicht geldgierig, schreibt Bernhard einmal, doch das Prinzip dessen, was sich heute „Creative Industry“ nennt, hat er früh begriffen. Die Geistesverwandtschaft zwischen dem Kaufmann, der nach „mehr“, und dem Künstler, der nach dem „Höchsten“ strebt, hat er ja auch im Werk thematisiert und in der Beziehung zu Unseld manchmal übersteigert praktiziert.

Wer sich da vorstellt, dass sich Verleger und Autor über das „Werk“ aussprechen, der wird den Band wohl ein wenig enttäuscht zur Seite legen. Bernhard spart wie immer mit Selbstkommentaren, Unseld gibt pragmatische Ratschläge, doch ungeachtet pauschalen Lobes (Stichwort: Beckett-Nachfolge) zweifelt man an seinem Verständnis des Werkes, wenn er etwa „Die Billigesser“ als Triumph des Geistes über die Krüppelhaftigkeit des Menschen liest. Ist das nicht eher die Geschichte vom Scheitern eines selbsternannten „Geistesmenschen“, der genau aus dieser angesprochenen Krüppelhaftigkeit nicht herausgekommen ist?

Peter Fabjan rügt in seiner Vorbemerkung, dass der exzellente Anmerkungsapparat mehr Raum einnimmt als der eigentliche Briefwechsel. Doch auch er räumt ein, dass die „Brillanz und Tragik der Beziehung dieser beiden ungewöhnlichen Persönlichkeiten“ dadurch sichtbar werde. Vor allem machen diese Materialien den Band zu einer Fundgrube für Bernhard-Fans. Bernhard hat also wirklich eine Fortsetzung der „Österreichischen Bibliothek“ des Hugo von Hofmannsthal angeregt! Und auch, dass ihm anfänglich für die „Macht der Gewohnheit“ die Josefstadt-Schauspieler Leopold Rudolf und Otto Schenk „sehr angenehm“ waren, wird Puristen des Peymann-Stils wohl ein wenig überraschen. Und die Freunde der Bernhardschen Österreich-Beschimpfungen werden wohl auch ihre Freude an dem Band haben.

Thomas Bernhard – Siegfried Unseld. Der Briefwechsel Hg. von Raimund Fellinger, Martin Huber, Julia Ketterer

Suhrkamp 2009

869 S., geb., e 41,–

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