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Religiöser Rachefeldzug

Verdis "Macht des Schicksals" an der Staatsoper in David Pountneys Regie.

Nicht die Macht des Schicksals, sondern die Macht der (organisierten) Religion zieht die Fäden in der Aufführung von Giuseppe Verdis "La forza del destino", die letzten Samstag an der Wiener Staatsoper Premiere hatte. Die Religion ist in den Augen von Regisseur David Pountney die Ursache des Rachefeldzugs, von dem die Oper erzählt, und die treibende Kraft des Krieges, in dem die Geschichte angesiedelt ist.

Pountneys gewohnt plakative und grelle Regiearbeit stieß beim Publikum auf heftige Ablehnung. Ein erboster Zuschauer machte sich mit dem Zwischenruf "Assassino di Verdi" ("Verdi-Mörder") Luft, den Zorn des Publikums bekamen aber auch Alastair Miles und Tiziano Bracci, die Sänger zweier kleiner Partien (Marchese/Padre Guardiano bzw. Fra Melitone) durch Buhrufe zu spüren. Sogar der Jubel für Dirigent Zubin Mehta hielt sich in Grenzen.

Grelle Regie

Das Christentum als Synonym für Religion tritt bei Pountney in zweierlei Gewand auf: in Form puristischer Eiferer im orientalischen Look mit flacher zylindrischer Mütze und bodenlangen Oberkleidern sowie als showmäßige US-Variante mit sexy Cowgirls in Hot Pants und Bibeln in der Hand, angeführt von der Revolverheldin Preziosilla (Nadia Krasteva). Das hat alles irgendwie Gegenwartsbezug, doch erscheint nicht zwingend.

Die größte Ablehnung wurde jedoch seltsamerweise dem Chor schwerstversehrter Soldaten zuteil, der unter von der Decke baumelnden Gehenkten eine Hymne auf den Krieg zum Besten gibt. Dass Teile des Publikums keinen inszenatorischen Widerspruch gegen Kriegsverherrlichung akzeptieren, ist, gelinde gesagt, befremdlich.

Pountney macht klar, dass religiöser Glaube letztlich auch der Quell der Verfolgungsjagd ist, die den roten Faden der Oper bildet: Voll des Hasses zieht Don Carlo (Carlos Alvarez) durch die Lande, um mittels Ehrenmord die vermeintliche Schande zu tilgen, die eine verbotene Liebe über seine Familie gebracht hat: Seine Schwester Leonora (Nina Stemme) wollte mit Alvaro (Salvatore Licitra) durchbrennen.

Als das Paar im Moment der Flucht vom Vater entdeckt wird, löst sich versehentlich eine Kugel aus Alvaros Waffe und der Marchese stirbt mit einem Fluch auf den Lippen. Welche Ironie, dass die Verfolgten immer wieder bei religiösen Organisationen Zuflucht finden, also dort, wo jener Geist weht, von dem ihr Verfolger Carlo beseelt ist.

Musikalisch divergent

Routiniert, ja geradezu unauffällig dirigiert Zubin Mehta das Staatsopernorchester, vulgo: Wiener Philharmoniker, die bemerkenswerterweise am selben Abend in New York gastierten. Erst beim Gebet Leonoras im vierten Akt packt das Orchester so richtig die Verdische Inbrunst. Das ist auch der Höhepunkt des glanzvollen Auftritts von Nina Stemme, obgleich ihr immer anzuhören ist, dass sie mehr Wagner- denn Verdi- Sängerin ist.

Salvatore Licitras Stimme lässt an Stärke und Strahlkraft nichts zu wünschen übrig, irritiert allerdings durch diverse Unreinheiten. Star des Abends ist eindeutig Carlos Alvarez, dessen eleganter, geschmeidiger Bariton für jene Italianità sorgt, die der Aufführung ansonsten abgeht.

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