Ein_Kind_unserer_Zeit - Josefstadt - © Foto: Moritz Schell

Liebe und andere Kleinigkeiten

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„Anna Karenina" und „Ein Kind unserer Zeit" – Mit gleich zwei Romanadaptionen startet das Theater in der Josefstadt in die neue Spielzeit.

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„Anna Karenina" und „Ein Kind unserer Zeit" – Mit gleich zwei Romanadaptionen startet das Theater in der Josefstadt in die neue Spielzeit.

Mit gleich zwei Romanadaptionen legt das Theater in der Josefstadt einen gelungenen Start in die neue Spielzeit hin. Dass Liebesdinge schnell zur Schlitterpartie geraten können, stellt die Premiere von Leo Tolstois Gesellschaftsepos „Anna Karenina“ buchstäblich unter Beweis. Die Bühne ist ein großflächiger Eislaufplatz auf dem der schüchterne Lewin (Alexander Absenger) die blutjunge Kitty (Alma Hasun) umgarnt. Leider hat die nur Augen für den Lebemann Wronski (Claudius von Stolzmann), der sich beim Walzertanz am Eis Hals über Kopf in die verheiratete Anna (Silvia Meisterle) verknallt. Der Liebesreigen beginnt, an dessen Ende bekanntermaßen keine Glückseligkeit steht. Regisseurin Amélie Niermeyer hat sich für ihre Inszenierung die Dramenfassung von Armin Petras vorgenommen. Den Dialogen sind zahlreiche Monologe und Kommentare beigefügt und im zweiten Teil verzetteln sich die Figuren bisweilen in diese ausufernden Beschreibungen ihrer inneren Zerwürfnisse. Dennoch hat die Aufführung Schwung. Man singt und tanzt sich mit Verve ins Verderben. Das erinnert an Harald JuhnkeShows und an Filme Rainer Werner Fassbinders. Ästhetisch gewagt, aber nicht ohne Charme. Von Liebe weiß der Ich-Erzähler in Ödön von Horváths 1938 postum veröffentlichten Roman „Ein Kind unserer Zeit“ wenig zu berichten, die ist für ihn nur eine „Kleinigkeit“. Stattdessen möchte er Volk, Führer und Vaterland verteidigen. „Ich bin Soldat und ich bin gerne Soldat“ ruft das Ensemble gleich zu Beginn, während sich auf der Bühne ein runder Wandverbau dreht, hinter dem sich allerlei Türen und ein Baum verstecken. Zunächst noch überzeugt von einer glorreichen Zukunft im Nationalsozialismus und von dessen grausamen Eroberungskriegen, kommen ihm nach dem Freitod seines Vorgesetzten immer mehr Zweifel. Als eine junge Frau durch ihre ungewollte Schwangerschaft arbeitslos wird und dafür nur Häme erfährt, gerät seine Welt vollends aus den Fugen. Die Rolle des anonymen Soldaten – wie auch alle weiteren Figuren – lässt Regisseurin Stephanie Mohr von vier Frauen spielen. Therese Affolter, Katharina Klar, Susa Meyer und Martina Stilp erzählen die Gedanken und Erlebnisse des Protagonisten in einem langen Fluss aus Monologpassagen, chorischen Sequenzen und in kurzen Dialogen. Einiges hätte in Mohrs Bearbeitung gekürzt werden können, die Performance des ausdrucksstarken Quartetts überzeugt jedoch durchwegs. Die Inszenierung spielt mit surrealen Momenten, etwa wenn Gartenzwerge stramme Kavaliere verkörpern oder plötzlich ein Plüsch-Schweinskopf hervorschaut. Durch diese Verzerrungen tritt die Brisanz von Horváths scharfsichtigem Zeitdokument umso deutlicher zu tage. Zwei vielschichtige Produktionen, vom Publikum mit anhaltendem Applaus bedacht.

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