Die Rax bietet düstere Sommerkost

19451960198020002020

Nach einem Vierteljahrhundert sind die Reichenauer Festspiele eine fixe Instanz im heißumkämpften Theatersommer.

19451960198020002020

Nach einem Vierteljahrhundert sind die Reichenauer Festspiele eine fixe Instanz im heißumkämpften Theatersommer.

Es gibt viel zu feiern bei den Festspielen Reichenau: Seit 25 Jahren organisiert das Intendantenpaar Renate und Peter Loidolt Sommertheater auf hohem Niveau und mit enormem Publikumszuspruch. Auch heuer wird die Bühnenbilanz erfolgreich ausfallen: Vier Premieren und über 100 nahezu ausverkaufte Vorstellungen. Die Festspiele Reichenau sind eine gutgeölte Theatermaschine ohne erkennbare Ermüdungserscheinungen.

Während sich die diesjährige Saison wieder heiter mit sonnigen Aussichten präsentiert, ist das Stückerepertoire fast durchwegs düster bis wolkig gehalten. Gleich zum Auftakt wirft Henrik Ibsens "Die Stützen der Gesellschaft" dunkle Schatten über das Raxgebiet. Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen", Arthur Schnitzlers "Der einsame Weg" und Gustave Flauberts "Madame Bovary" runden das diesmal recht schwerverdauliche Sommerprogramm ab.

Im Dauereinsatz ist Nicolaus Hagg: Als Autor, Schauspieler und Regisseur. Nach seinen erfolgreichen Bearbeitungen von "Oberst Redl" und "Anna Karenina" sind diesmal gleich zwei seiner Bühnenfassungen "Die Stützen der Gesellschaft" und "Madame Bovary" zu sehen.

Dem strengen Korsett entfliehen

"Bovary", als letzte der vier Premieren angesetzt, thematisiert klar die entscheidende Frage: Wer sind wir und wie können wir uns in einer Welt gesellschaftlicher und ökonomischer Zwänge entfalten? "Ich will frei sein!" schmettert Emma Bovary (hervorragend gespielt von Stefanie Dvorak) auch gleich mal der stocksteifen Männerwelt von Yonville entgegen. Sie ist eine junge Frau von Welt, belesen, warmherzig und voll sprühender Lebenslust. Ganz im Gegensatz zu ihrem unsicheren, stillen (und in dieser Inszenierung etwas zu naiv gezeichneten) Gatten, dem Landarzt Charles Bovary (André Pohl). Gemeinsam beziehen sie ein Haus in der kleinen französischen Gemeinde und werden von den honorigen Dorfbewohnern sogleich in Beschlag genommen. Der Apothekermeister, der von Fortschritt predigt und dabei doch nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hat, überredet den jungen Arzt zu einer folgenschweren Operation am Hinkebein des Hausburschen und der Halsabschneider Lheureux verstrickt die Bovarys in immer dubiosere Kreditgeschäfte. Doch Emma vermag zuweilen aus dem engen Korsett gesellschaftlicher Etikette zu entfliehen und stürzt sich in kurze Liebesabenteuer. Ihren Freiheitsdrang kann eine Frau wie sie aber dennoch nicht entfalten, so bleibt ihr als einziger Ausweg nur der Freitod.

Regisseur Michael Gampe zeichnet ein recht eindimensionales Bild dieser Frauenfigur. Die vielschichtigen Machtmechanismen, die der Emanzipation Emmas entgegenwirken und die sich auch als Vorboten einer modernen Gesellschaftsordnung lesen lassen, poltern hier viel zu übertrieben und moralinsauer über die blankgeputzten Holzlatten der Reichenauer Theaterarena.

Wesentlich ruhiger und sehr zurückgenommen inszeniert Hermann Beil Schnitzlers Spiel um Krankheit, Tod und Lebenslügen. Schicht um Schicht legt er auf der minimalistisch gehaltenen Bühne die verborgenen Wunden der Wiener Gesellschaft um 1900 frei. Die schwerkranke Gabriele (Julia Stemberger) möchte die Familiengeheimnisse vor ihrem Tod noch lüften. Mehr als Andeutungen kann sie ihren Kindern Felix und Johanna aber nicht mehr mitgeben. Vor mehr als 23 Jahren hatte ihre große Liebe Julian Fichtner (Miguel Herz-Kestranek überzeugt als selbstgerechtes Künstlergenie) sie samt ungeborenem Kind im Stich gelassen, daraufhin fand sie in Professor Wegrat einen gutgläubigen Vater und Ehemann. Hier sind alle Figuren mit sich selbst beschäftigt und halten einander auf Distanz, nur die Schauspielerin Irene Herms (Regina Fritsch) hält mit ihrem lauten Lachen dagegen. Erst der Selbstmord Johannas (gibt ihr erfolgreiches Reichenau-Debüt: Alina Fritsch) bringt die starren Gefühlsmauern zum Wanken. Beil versteht es die schwermütige Grundstimmung des Stücks in stillen Tönen auf die Bühne zu bringen.

Auch bei Ibsen sind es die Lebenslügen der Vergangenheit, die sich den Familienmitgliedern wie schwere Nebelschwaden aufs Gemüt legen. Alfred Kirchner arbeitet auf der Bühne des Neuen Spielraums (von Peter Loidolt in Schiffsdeckoptik gestaltet) sowohl die tragischen, wie auch die komischen Nuancen dieses Gesellschaftsdramas heraus. Mit wasserstoffblonder Haarpracht gibt Marcello de Nardo den skrupellosen Reedereibesitzer Konsul Bernick, der mit Zahlen jongliert und dabei leichtfertig Menschenleben riskiert. Ins Strudeln gerät seine Welt als die verschmähte Jugendliebe aus Amerika zurückkehrt und an seine Verfehlungen erinnert. Der offene Schluss mit dem öffentlichen Geständnis Bernicks lässt Kirchner in dieser so klugen, wie pointierten Bühnenfassung Haggs, unkommentiert.

Der "Jux" ist ziemlich brav

Neben den vielen Aktivitäten Haggs bei den Reichenauer Festspielen reüssiert er unbedingt als Schauspieler: Er ist der Star in Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen". Hagg stellt als Hausknecht Melchior sein komödiantisches Talent unter Beweis. Mit verzwicktem Gesicht versucht er sich im Hause seines Herrn Zangler zu orientieren, gelingen wird es ihm freilich nicht. Die Schauspieler wirken etwas allein gelassen, und wären nicht routinierte Akteure wie Toni Slama als Weinberl oder Ulrike Beimpold als Frau von Fischer am Werk, so wäre die ziemlich brave, vom Blatt gespielte Produktion, reichlich schleppend.

Nach einem Vierteljahrhundert liefern die Reichenauer Festspiele Dank konsequenter Programmierung auch in diesem Jahr verlässliche Publikumshits.

Festpiele Reichenau

bis 4. August

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau