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Was die Welt satt macht

FOKUS
Algen-Kreislaufwirtschaft - Mit ihrer Kombination aus Biogasanlage und Algenfarm schaffen der Niederösterreicher Karl Pfiel (li.) und der Israeli Elad Zoha eine in Kreislaufwirtschaft funktionierende Landwirtschaft. - © Wolfgang Machreich

Algen in Österreich anbauen? Über ein Rezept für Ernährungssicherheit

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Um den enormen Kaufkraftabfluss nach Asien zu verringern, will die EU-Kommission die europäische Algenproduktion ausbauen. Eine Algenfarm in Niederösterreich zeigt, wie das geht.

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Um den enormen Kaufkraftabfluss nach Asien zu verringern, will die EU-Kommission die europäische Algenproduktion ausbauen. Eine Algenfarm in Niederösterreich zeigt, wie das geht.

So wie die klappernde Mühle am rauschenden Bach in der Vergangenheit für ausreichende Lebensmittelproduktion gestanden ist, so könnte in der Zukunft das klappernde Schaufelrad im Algenbecken zum Symbol einer neuartigen wie hochwertigen Nahrungsmittelherstellung werden. Den Bauernhof von Karl Pfiel in Sitzenberg-Reidling im Tullner Becken gibt es seit der Zeit der klappernden Mühlen. Heute betreibt Pfiel auf seinem Hof das Start-up-Unternehmen „Rohkraft Green“. Aus dem Landwirt ist ein Algenwirt geworden, die bäuerliche Nähe zur Natur und zu den auf seinem Hof erzeugten Produkten ist aber dieselbe geblieben: „Wir sind keine Schraubenfabrik,

wo alles immer nach dem gleichen Muster und mit dem gleichen Ergebnis abläuft“, sagt er und stellt eine unlogisch-logische Rechnung auf: „Bei uns ergibt eins plus eins nicht immer zwei. Es kann auch einmal 1,5 und das andere Mal 2,5 rauskommen, denn Algen sind Lebewesen, verhalten sich je nach Luftdruck oder Lichtverhältnissen anders. Gerade das gefällt mir als Bauer, das ist das Interessante und Schöne an meinem Beruf.“

Nur 0,2 Prozent in der EU erzeugt

Niemand Geringerer als die EU-Kommission möchte jetzt dafür sorgen, dass dieser schöne und interessante Beruf des Algenbauers auch zukunftsträchtig und lukrativ wird. Mitte November des Vorjahrs präsentierte EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius die Initiative für einen „starken und nachhaltigen EU-Algensektor“. Mit zwei Dutzend Maßnahmen will die Kommission die im „embryonalen Stadium“ befindliche Algenproduktion in Europa zu einem Wirtschaftssektor entwickeln, der die wachsende Nachfrage in der EU decken kann. 2017 wurden fast 36 Millionen Tonnen Algen produziert, rechnet die Kommission vor. Nur 0,2 Prozent davon wurden in der EU erzeugt. Gleichzeitig gehören die EU-Länder zu den größten Importeuren von Algenprodukten weltweit.

Sollte der politische Algenturbo in den kommenden Jahren den erwünschten Schwung in der Algenproduktion auslösen, erwartet sich die Kommission, dass europäische Erzeuger bis 2030 fast ein Drittel der Nachfrage oder rund 2,7 Milliarden Euro von insgesamt 9,3 Milliarden Euro abdecken. „Dies würde jährlich rund 5,4 Millionen Tonnen CO₂ einsparen und zusätzlich 85.000 Arbeitsplätze schaffen“, sagt Sinkevičius. Als Anwendungsgebiete für Algen sieht der Kommissar deren Nutzung als gesundes, kalorienarmes und proteinhaltiges Nahrungsmittel genauso wie für Tierfutter, Arzneimittel, biobasierte Kunststoffe, die Papier- und Kleidungsproduktion oder die Verwendung als Biokraftstoffe. Auf die Frage, warum Europa bisher die Algenproduktion vernachlässigt habe, antwortete Sinkevičius, dass dieser Wirtschaftssektor „noch relativ neu“ sei und es „an Wissen und Technologie“ fehle.

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