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Hirse - © Foto: iStok / Ulrike Leone

Lebensmitteltechnologin Schönlechner über das Klimawandelgetreide Hirse

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Zunehmende Trockenheit wird auch in unseren Breiten zu mehr Vielfalt im Getreidesortiment führen, sagt Lebensmitteltechnologin Regine Schönlechner. Sie setzt auf Hirse und Sorghum als Alternativen.

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Zunehmende Trockenheit wird auch in unseren Breiten zu mehr Vielfalt im Getreidesortiment führen, sagt Lebensmitteltechnologin Regine Schönlechner. Sie setzt auf Hirse und Sorghum als Alternativen.

Regine Schönlechner forscht an den durch den Klimawandel ausgelösten Veränderungen in der Backwarenproduktion. Sie ist assoziierte Professorin am Institut für Lebensmitteltechnologie der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien.

DIE FURCHE: Frau Schönlechner, die Vereinten Nationen haben 2023 zum „Internationalen Jahr der Hirse“ erklärt – eine gute Entscheidung?
Regine
Schönlechner: Ja, eine gute Wahl – und es wundert mich auch gar nicht. In Europa und den USA wird gerade massiv zu Hirse und Sorghum geforscht.

DIE FURCHE: Warum?
Schönlechner:
Weil der Klimawandel jetzt viel präsenter ist als jemals zuvor und wir erkennen, dass es nicht sinnvoll ist, weiterhin auf Monokultur zu setzen.

DIE FURCHE: Welche Vorteile bietet die Hirse?
Schönlechner:
Wir müssen in der Mehrzahl sprechen, „die Hirsen“, denn das ist eine riesige Pflanzengruppe – und Sorghum ist zwar auch so etwas wie eine Hirse, aber wieder eine eigene Getreideart. Beide sind ursprünglich in Afrika und Indien beheimatet und verwenden Sonnenlicht im Photosynthese-Weg anders als Weizen, Roggen oder Gerste. Dadurch können sie Hitze und Trockenheit besser vertragen. Das ist der Grund, dass sie sich in Afrika und Indien als Grundnahrungsmittel durchsetzten. In Europa haben wir im Getreidebereich 50 Prozent Weizen. Die Weizenzüchter sind natürlich aktiv, um eine bessere Resistenz gegen Trockenheit zu erreichen. Aber Hirse und Sorghum wachsen dort, wo der Weizen nicht mehr wächst.

DIE FURCHE: Heißt das, wir können mit einer Umstellung auf Hirse auch in unseren Breiten rechnen?
Schönlechner
: Mir scheint es so. Wir haben gerade ein dreijähriges Forschungsprojekt (finanziert vom FFG Branchenprojekt Klimatec) zu Sorghum und Hirse und deren Verwendung bei der Herstellung von Backwaren beendet. Bislang waren die Hirsen bei uns ein Stiefkind. Noch muss man Sorghum buchstabieren, und die Leute können nichts damit anfangen. Ich erkläre dann immer: Das ist das, was man in den Vogelkäfig hängt. Aber als ich vor 20 Jahren zu Amaranth und Quinoa zu forschen begonnen habe, war es dasselbe. Angetrieben durch den Boom bei glutenfreier Ernährung ist aber die Nachfrage nach Quinoa explodiert. So weit ist es mit Sorghum und Hirse noch nicht, aber mir kommt das vor wie ein Déjà-vu, und es geht auch da in diese Richtung. Denken wir an das Vorjahr: 2022 war ein richtiges Dürrejahr, und unser Osten, Weinviertel und Burgenland, leidet dramatisch unter der Trockenheit.

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