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Die Ackerfrüchte des PROTESTS

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Auf einem Acker in der Lobau proben verschiedenste Leute die Selbstversorgung. Ein ökologisches und soziales Experiment mit Potenzial.

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Auf einem Acker in der Lobau proben verschiedenste Leute die Selbstversorgung. Ein ökologisches und soziales Experiment mit Potenzial.

Der Ausblick ist bunt. Auf einem weiten Feld blühen Sonnenblumen neben einem Kräuterkreis, ein großer Erdäpfelacker grenzt an eine Reihe mit Himbeerstauden. Es ist die "kleine Stadtfarm", ein zwei Hektar großer Acker in der Wiener Lobau. "Urban farming" wird hier betrieben. Die Dimensionen übersteigen die üblichen "urban gardening"-Projekte, die derzeit in den Metropolen wie Pilze aus dem Boden schießen. "Hier bauen nicht 60 Menschen einzeln Erdäpfel an, sondern wir bauen einmal Erdäpfel für 60 Leute an", erklärt Nikolai Ritter, der die "LoBauerInnen" vor vier Jahren gegründet hat.

Alle Vereine, die hier Ackerfläche von der Stadt Wien pachten, wollen nicht bloß biologisches Gemüse ernten. Sie wollen vor allem experimentieren und gemeinsam lernen. "Wir versuchen herauszufinden, ob eine Selbstversorgung überhaupt möglich ist und wieweit wir an unsere Ideale herankommen", sagt Mike Graner, Gründer der "Operation grüner Daumen". Alles können sich die Städter am Acker natürlich nicht selbst anbauen, etwa Oliven oder Südfrüchte. "Bisher zumindest - schauen wir mal, wie es mit der globalen Erwärmung weitergeht", scherzt der 52-Jährige mit der Schirmkappe.

So geht es nicht weiter

Beide Gartenfreunde hatten in punkto Nachhaltigkeit ihr "persönliches Initialerlebnis", wie sie es nennen. Bei Ritter war es eine Reise in den Südsudan. Zwei Monate später sei er wieder in Europa "ausgespuckt" worden -und wollte nicht mehr in den Supermarkt gehen. Aus Afrika brachte er die Idee mit, sich autark zu organisieren. "Zuerst wechselt man den Stromanbieter oder macht etwas für seine Kinder", erinnert er sich. Dann realisierte er, dass er in einer Gemeinschaft aktiv werden muss, um mehr zu bewegen. Statt als Entwicklungshelfer in den Sudan zu gehen, wurde ihm klar: "Eigentlich müsste ich hier Entwicklungshelfer werden, um lokale Strukturen zu finden, die der Natur gegenüber sozial sind und unseren Nachkommen keine Nachteile verschaffen."

Angefangen hat alles mit einer kleinen "Food Coop" (siehe Kästchen oben). "Wir haben einfach direkt bei den Produzenten eingekauft und uns ein Lager für die Lebensmittel gemietet", erzählt Ritter. Heute zählen die "LoBauerInnen" und der "Grüne Daumen" je um die 50 zahlende Mitglieder. Hinter den Sonnenblumen steht eine vom Wind etwas verwehte Leinwand für sommerliche Kinovorführungen -auch mittels Filmen sollen die Leute über das Thema Nachhaltigkeit aufgeklärt werden. Es sind politische Motive, die ganz unterschiedliche Charaktere hier herbringen. Die große Kritik gilt den gigantischen, maschinell bearbeiteten Monokulturen. Wenn Ritter im Zug aus dem Fenster schaut, sieht er im Vergleich zu vor vierzig Jahren eine "komplett entseelte Forst-und Landwirtschaft." Als Gegenmodell zu den Maschinen setzen die "LoBauerInnen" die Kraft vieler Hände ein. Ob sie nicht letztlich einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Agrargesellschaft proben? "Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit, wir benützen alle Handys und Computer", betont Ritter. Aber man müsse jene Erfindungen hinterfragen, die man nicht guten Gewissens benützen kann.

Im Brotberuf ist Ritter Filmarchitekt, Graner selbstständiger Software-Entwickler. Viel Zeit und Energie fließt in den Acker, ein Acht-Stunden-Tag wird so schnell auf 16 Stunden ausgedehnt. Beide Naturfreunde wollen in Zukunft vermehrt Projekte initiieren, aus denen sie einen Teil ihres Einkommens bestreiten können. Ideen haben sie viele. Eine ist es, das Wissen über nachhaltige Ernährung in der Erwachsenenbildung weiterzugeben. Eine andere, Menschen aus den angrenzenden Altersheimen zur Gartentherapie aufs Feld zu bringen. "Durch das Riechen, Fühlen, Schmecken wird bei dementen Menschen die Erinnerung geweckt und so der Krankheitsfortschritt gebremst", weiß Graner. Ein anderes Projekt ist die "Ackerdemie" für Kinder (siehe Interview rechts), die im Herbst startet. "Wir stellen es uns sehr schon schön vor, dass die Kinder und die älteren Herrschaften nebeneinander etwas tun", sagt Graner. Ein großes Projekt soll künftig die Schaffung von Arbeitsplätzen für Langzeitarbeitslose und Asylwerber am Acker sein. "Dafür sind wir schon mit dem AMS, der Caritas, der Diakonie und dem Integrationshaus in Dialog."

Am Feld tummeln sich Studierende neben Senioren, AMS-Bezieher neben "Bobos" und grün angehauchten Leuten mit gut bürgerlichem Hintergrund. Jüngere lernen von Älteren, Österreicher gärtnern neben Menschen mit Migrationshintergrund. Heute werkt eine philippinische Familie in ihrer eigenen Gemüseparzelle an den Bittermelonen. Am Acker geht es auch darum, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam etwas erreichen können. Sie müssen sich zusammenraufen, wenn der Gießplan wieder nicht eingehalten wurde.

Gärtnern bringt Gruppen zusammen

"Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich mit diesen Philippinen anzufreunden, würden sie nicht hier so lustige Früchte anbauen und uns so nett zum Essen einladen", schwärmt Ritter. Er möchte gerne Treffen von Asylwerbern mit Einheimischen am Feld organisieren. "Damit man nicht nur aus Heute oder Österreich erfährt, was wieder in Traiskirchen los ist, sondern selbst nachfragen kann: Wie bist du geflohen? Wo hattest du das Geld für die Schlepper her? Was sind deine Wünsche?" Auch wer sich den Jahresbeitrag von rund 100 Euro nicht leisten kann, darf teilnehmen: "Für ein Gemüseprojekt sind die zeitreichen Mitglieder fast wertvoller als die geldreichen", lacht Ritter.

Genauso unterschiedlich wie die Menschen sind auch deren Ansprüche an das Projekt. Es ist nicht einfach, eine Initiative in Gang zu bringen, wo kein Gewinn im Spiel ist, niemand verpflichtet ist, sondern das Gärtnern dem Job und Privatleben nachgeordnet ist. "LoBauer" Christian Stojic ist einer der wenigen, der sich fast ausschließlich vom Acker ernährt. "Viele Mitglieder wollen eher weg vom Arbeitsdruck und suchen hier eine Entspannungszone", kritisiert der 40-Jährige mit dem Vollbart. Er würde sich aber wünschen, dass im Laufe der Woche 30 Leute einmal zum Helfen am Feld kommen. Für ihn ist das Gärtnern kein Hobby, sondern sein tägliches Brot. Leicht sei es nicht, sich nur vom eigenen Gemüse zu ernähren.

Gegenüber vom Acker tönen Mozart-Klänge aus den Stallungen. Der spanische Lusitano-Hengst "Verdi" läuft neben Esel-Wallach "Bumsti" am Zaun der "Lebenskoppel" entlang. Die Tiere liefern den Bio-Dünger für den Acker. "Um 12 Uhr kommen immer alle angetrabt und strecken den Kopf in den Stall, wenn auf Radio Klassik Ave Maria gespielt wird", lacht Leiterin Patricia Ermes. Die Frau ganz in pink hat ihre Karriere als klassische Sängerin eingetauscht gegen ihre neue Leidenschaft, die tiergestützte Therapie. Am Acker ist sie auch selbst am Jäten, Pflanzen und Gießen. Gemeinsam mit den Kollegen lädt sie jeden Sonntag innovative Köpfe zum Austausch zu sich auf die Koppel.

Manchmal kommt "LoBauer" Ritter um sechs Uhr morgens vor der Arbeit auf das Feld. Er kennt jede Ecke, hat eine ganz spezielle Beziehung zu dem Stück Land. "Es klingt jetzt albern oder esoterisch, aber die Kommunikation mit der Natur gibt mir Kraft. Ich binde mich hier an sichtbare und sinnvolle Kreisläufe an." Er glaubt, dass sich am Feld in wenigen Jahren Menschen mit diversen kulturellen Hintergründen tummeln werden. Für all jene ohne Einkommen ist der Acker viel mehr als ein Hobby. "Spätestens wenn der nächste Finanzcrash kommt, wird das Gemüse hier auch für einige Österreicher ziemlich wichtig werden."

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